Warum eine Pressereise sehr wohl Arbeit ist – und die Berichterstattung darüber auch objektiv sein kann.

Vergangene Woche war ich an der Nordsee. Auf Pressereise. Sagt man das in bestimmter Runde, erntet man stets gleichen zwei Vorwürfe:

  1. Da kannst du doch nicht mehr objektiv berichten.
  2. Das ist doch keine Arbeit.

An beidem ist was dran. Richtig ist trotzdem keiner dieser Vorwürfe. Eine Pressereise ist eine Reise, die von Touristikunternehmen, Regionalmarketingverbünden oder Reiseveranstaltern angeboten werden – für Journalisten und Blogger. Die Teilnehmer bekommen ein volles Programm, sehen und erfahren viel, können Interviews und Fotos machen und müssen sich um nichts kümmern – auch nicht um die Bezahlung dieser Reise. An- und Abfahrt, Unterkunft, Verpflegung, Eintritte, Transfers – alles wird bezahlt vom Veranstalter. Und weil die natürlich ein Interesse daran haben, dass die Teilnehmer möglichst positiv über ihre Region berichten, werden die Journalisten nicht gerade in den billigsten Absteigen untergebracht und zu McDonalds gekarrt. Daraus resultiert der erste Vorwurf.

Und klar, so viel Luxus und Zuvorkommenheit kann korrumpieren. Aber das ist ein Thema, für das die Medienbranche seit einigen Jahren extrem sensibilisiert ist. Auch bei der Pressereise an die Nordsee waren die Teilnehmer sich der Gefahr bewusst – und jeder betonte, dass er sehr bewusst auch schreiben würde, wenn ihm etwas nicht gefällt (In diesem und meinem Fall übrigens das Museum „Leben am Meer“ in Esens – hübsch in einer Windmühle und mit einigen interessanten Ansätzen, aber leider ziemlich in die Jahre gekommen und chaotisch im Konzept).

Vorwurf Nummer zwei hängt mit dem ersten zusammen: Man könne doch eine solche Reise nicht als Arbeit bezeichnen, höre ich oft. Ich verstehe das sogar – vor allem, wenn der Vorwurf von Menschen kommt, die selbst nicht journalistisch arbeiten. Die sehen vor allem das Programm: Diese Rundreise von Norddeich über Norderney und Juist zum Beispiel bis nach Esen, Bensersiel und Langeoog. Wenn man liest, dass auf dem Programm Radtouren, Wattwanderungen, Teezeremonien, Museumsbesuche und gute Abendessen stehen, dann klingt das wie ein schönes Ferienprogramm. Und ja, natürlich auch mir macht das Spaß. Ich genieße das und habe mir auch den Kopf frei pusten lassen und dabei neue Energie getankt.

Aber im Gegensatz zu einem Urlaub sind das Effekte, die bei einer Pressereise nur nebenbei mit Glück abfallen. Sie stehen weder im Mittelpunkt, noch sind sie vorrangiges Ziel. Ein weiterer Unterschied: Ich entscheide nicht selbst, wann ich was tue, wie viel Zeit ich damit verbringe und wann ich damit loslege. Das entscheidet der Veranstalter und weil die Zeit auf Pressereisen gewöhnlich knapp ist, ist das Programm voll. Von 8 bis 22 Uhr kann so ein Tag schon mal dauern. Und die meiste Zeit davon verbringt man hochkonzentriert, hört zu, fragt nach, schreibt mit, sucht nach den besten Bildern, sortiert und strukturiert Notizen, plant Zusatzrecherchen und die Veröffentlichung. Das schlaucht. Und ist ganz entschieden Arbeit. Aber eben eine, die besonders viel Spaß macht.

Natürlich, man könnte auch einfach Urlaub machen – und später darüber schreiben. Aber das halte ich persönlich aus zwei Gründen für keine gute Idee (und bei mir kommt noch ein dritter hinzu: Mein Mann würde mir was husten!):

  1. Wie eine Kollegin kürzlich sagte: „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps!“ Beides zu vermischen, führt nur dazu, dass man sich im Urlaub eben nicht erholt, weil man gedanklich bei jedem Ausflug und in jedem Hotel oder Restaurant Notizen macht, um später nichts zu vergessen, wenn es um den Text geht.
  2. Wollte man ein Programm, wie es auf einer Pressereise vorbereitet ist, selbst organisieren, wäre das mit extrem viel Aufwand im Vorfeld verbunden, denn es gilt, viele unterschiedliche Ansprechpartner unter einen Hut zu bringen und zur Zusammenarbeit zu motivieren (was vermutlich auch nur bedingt gelänge). Es würde also Zeit – und auch viel Geld – kosten, auf eigene Faust eine solche Reise zu stemmen. Oder man müsste eben auf einige, vielleicht ganz besondere, Programmpunkte verzichten, weil man dazu allein keinen Zugang bekäme.

Deshalb habe ich an dieser Pressereise an die Nordsee teilgenommen – und werde das auch für andere Destinationen nutzen, wenn es sich anbietet. Auf diese Weise sammle ich in einer Woche so viel Input und Inspiration wie sonst nur in vielen Monaten. Von der Nordsee zum Beispiel bringe ich eine Reportage über das Wattenmeer mit (persönlicher Tipp: Unbedingt Wattwanderung mit Heino auf Juist buchen!), aber auch eine Themenidee für eine große Geschichte über Tee (Nicht nur die Japaner haben eine Teezeremonie, die Ostfriesen auch – kann man in Bensersiel in der Saison einmal pro Woche mitmachen, kostet weniger als ein Fast-Food-Menü und ist wesentlich entspannender und zugleich unterhaltsamer). Und sogar für die Bastelseiten, die ich jede Woche für diverse Tageszeitungen in Bayern und Thüringen schreibe, könnte diese Reise interessant gewesen sein – weil sich auf Langeoog inzwischen ein regelrechter Kreativtourismus etabliert (und hier auch jeder Urlauber mit einer passenden Idee selbst Kreativkurse anbieten und damit was zur Urlaubskasse dazu verdienen kann, wenn die Gemeinde zustimmt).