#stolzTexte: Besser schlafen

Interviews werden in der Unternehmenskommunikation immer noch wie ungeliebte Stiefkinder behandelt. Dabei können Sie so viel leisten: In der Regel bringen Sie mehr Aufmerksamkeit als eine bloße Meldung und zwar sowohl im eigenen Unternehmensblog wie auch in der klassischen Medienarbeit. Ich rufe heute den Tag des Interviews aus und lege mit diesem über guten Schlaf vor, das ich kürzlich für ein Magazin geschrieben habe:

 

Gute Nacht, Thüringen!

Laut einer Statistik des Portals Statista litten im Jahr 2016 immerhin 38 Prozent der Deutschen an Einschlafproblemen. 45 Prozent konnten nicht gut durchschlafen. Doch wer schlecht schläft, kann auch seine Tage nicht genießen. Prof. Dr. Matthias Schwab, Leiter des interdisziplinären Schlaflabors am Universitätsklinikum Jena, kennt alle gängigen Schlafstörungen – und weiß, was dagegen hilft.

Prof. Dr. Schwab, was ist „guter“ Schlaf?

Menschen schlafen dann gut, wenn sie sich am nächsten ausgeschlafen und erholt fühlen. In der Regel ist das der Fall, wenn man gut durchschlafen kann.

Ist „guter“ Schlaf also für alle Menschen gleich?

Grundsätzlich ja. Was wir brauchen, um durchzuschlafen und erholt aufzuwachen, ist aber von Mensch zu Mensch verschieden. Es gibt zum Beispiel Kurzschläfer und Langschläfer. Das ist weitestgehend genetisch programmiert. Ein Kurzschläfer kann auch nach sechs Stunden Schlaf absolut erholt und fit sein. Ein Langschläfer braucht vielleicht mehr als acht Stunden, um auf dasselbe Ergebnis zu kommen. Und auch die optimale Einschlafzeit ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Sind Sie eher ein Morgenmensch, können Sie sich zwar antrainieren, lange wach zu bleiben, aber Höchstleistungen werden Sie abends nicht mehr bringen. Umgekehrt geht es Abendtypen so, wenn Sie früh am Morgen Spitzenergebnisse liefern sollen.

Morgen- oder Abendtyp: Ist das ebenfalls genetisch vorgegeben?

Ja, allerdings nicht gleich von Geburt an. Der Schlaf-Wach-Rhythmus von Babys wird nahezu ausschließlich vom Hunger bestimmt. Erst wenn die innere Uhr gereift ist, bildet sich allmählich auch der Aktivitätstyp heraus, wobei jüngere Kinder fast immer Morgentypen und fast alle Jugendliche in der Pubertät Abendtypen sind. Erst danach, also so mit 17 oder 18 Jahren, legt sich endgültig fest, zu welchem Typ wir als Erwachsene gehören.

Welchen Einfluss hat die Umgebung auf die Schlafqualität?

Die Umgebung kann großen Einfluss auf den Schlaf haben. Wenn es laut ist oder sehr hell im Schlafzimmer, verhindert das unter Umständen, das wir einschlafen.

Wie soll das Schlafzimmer also gestaltet sein?

Zunächst einmal ist es wichtig zu unterscheiden: Wer gut schläft, also problemlos ein- und durchschläft und sich am nächsten Tag erholt fühlt, kann tun und lassen, was er will. Er kann einen Fernseher ins Schlafzimmer stellen und bei laufendem Krimi einschlafen. Er kann wenig schlafen und spät ins Bett gehen und von mir aus auch direkt vor dem Einschlafen Sport machen. Solange er seinen Schlaf-Wach-Rhythmus einigermaßen dem Tag-Nacht-Rhythmus anpasst, damit die Hormonproduktion nicht durcheinander gerät, wird das alles keine Probleme verursachen.

Erst, wenn wirklich Schlafstörungen auftreten, können sogenannte schlafhygienische Maßnahmen sinnvoll sein, zu denen auch die Gestaltung des Schlafzimmers gehört. In diesem Fall empfehlen wir, den Raum möglichst dunkel zu halten, denn erst bei Dunkelheit wird das schlafanstoßende Hormon Melanin aktiv. Außerdem sollte das Schlafzimmer ruhig und kühl sein. Nachts sinkt unsere Körpertemperatur. Das ist normal und mit einem kühlen Schlafzimmer kommen wir dem entgegen. Auch eine gute Matratze kann helfen, den Schlaf zu verbessern.

Und woran erkennt man eine gute Matratze?

Daran, dass man am nächsten Tag keine Rückenschmerzen hat. Vor dem Kauf sollte man auf jeden Fall probeliegen und sich beraten lassen. Grundsätzlich gilt: Sehr dicke Matratzen und solche aus Latex, die sich der Körperform richtig anpassen, sind besser als einfache Schaumstoffmatratzen. Aber im Details muss jeder selbst ausprobieren, welche Matratze für ihn perfekt ist.

Was ist mit elektronischen Geräten? Dürfen die ins Schlafzimer?

Wie gesagt: Jemand, der keine Schlafprobleme hat, kann das halten, wie es ihm gefällt. Bei Schlafstörungen sollte man allerdings alles aus dem Raum verbannen, was nichts mit dem Schlafen zu tun hat. Das Gehirn soll lernen, das Schlafzimmer mit Schlaf zu assoziieren – und nur damit. Deshalb empfehlen wir auch, sich nicht ewig im Bett herumzuwälzen, wenn man nicht schlafen kann. Wer nach 15 bis 30 Minuten immer noch wach ist, sollte lieber aufstehen. Gehen Sie in einen anderen Raum. Dort können Sie auch lesen oder fernsehen, wenn Sie das müde macht. Aber wenn Sie unter Schlafstörungen leiden, sollten Sie das nicht im Bett tun. Dort wird nur geschlafen.

Welche Verhaltensweisen oder Rituale können helfen, besser, also gesünder, zu schlafen?

Rituale sind grundsätzlich eine gute Idee, weil sie in der Regel helfen, ruhiger zu werden und zu entspannen – und das ist die wichtigste Voraussetzung, um gut und schnell einzuschlafen. Deshalb führen die meisten Eltern ja auch Rituale ein, wenn es darum geht, Kinder ins Bett zu bringen. Ob Sie jeden Abend eine heiße Milch mit Honig oder einen Abendtee trinken, einen Spaziergang machen oder Entspannungsübungen, ist Ihnen überlassen. Die Rituale selbst haben meist keinen kausalen Zusammenhang zum Schlaf. Es handelt sich dabei eher um einen sehr effektiven Placeboeffekt, denn durch die regelmäßige Wiederholung lernt das Gehirn dieses Rituale mit Schlaf zu verbinden. Und der Schlaf ist nichts, was einfach „passiert“. So fühlt es sich zwar an, aber in Wirklich ist es für das Gehirn ein aktiver Prozess. Es muss den Schlaf „anstoßen“, damit wir einschlafen.

Schlafen wir heute besser oder schlechter als früher?

Weder noch. Ich glaube, dass es heute nicht mehr Schlafstörungen gibt als früher. Aber wir sind heute so fokussiert auf uns und überprüfen ständig jeden Bereich unseres Lebens. Dafür hatte man früher einfach keine Zeit und deshalb sind Schlafstörungen damals nicht so häufig aufgefallen und erst Recht nicht so oft behandelt worden.

Für manchen Patienten wäre es gut, ein bisschen dieser Sorglosigkeit zurückzugewinnen. Viele Schlafstörungen entstehen auch, weil die Patienten sich Schlafdruck machen. Sie haben mal gehört, dass man eine bestimmte Schlaflänge braucht, um gesund zu bleiben und machen sich wahnsinnigen Stress, wenn sie nicht rechtzeitig genug einschlafen, um auf diese Stundenzahl zu kommen. Sie gehen dann vielleicht früher ins Bett, obwohl sie noch gar nicht müde sind und mit jeder Stunde, die sie wach im Bett liegen, steigt ihre Angst, gar nicht mehr schlafen zu können, am nächsten Tag nicht fit zu sein und krank zu werden. Daraus entsteht dann ein Teufelskreis, weil sie diese Gedanken so aufwühlen, dass sie erst Recht nicht mehr schlafen können und dann natürlich am nächsten Tag nicht erholt sind – und abends im Bett wird die Angst vor der Einschlafstörungen dann gleich noch ein bisschen schlimmer.

Es stimmt also nicht, dass man mindestens acht Stunden Schlaf braucht?

Nicht in dieser Pauschalität. Wie viel Schlaf man braucht, ist wirklich von Mensch zu Mensch verschieden.

Welches sind die häufigsten Probleme, die den Schlaf stören?

Am häufigsten treten sogenannte psycho-physiologische Insomnien auf. Das sind Ein- oder Durchschlafschwierigkeiten, die in der Regel psychische Ursachen haben. Das kann durch genetische Prädispositionen begünstigt werden, wenn jemand also schon von vornherein ein Schlechtschläfer ist. In der Regel trifft es aber Menschen, die sehr stressanfällig sind und zum Grübeln neigen.

Es gibt auch Patienten, die das Gefühl haben, ständig wach zu sein. Im Schlaflabor stellt sich dann aber manchmal heraus, dass sie in Wirklichkeit durchschlafen. Unser Tiefschlaf – das ist der Schlaf, der für den Erholungseffekt sorgt – unterteilt sich in mehrere Phasen. Eine davon ist der sogenannte Leichtschlaf. Und diesen empfinden diese Patienten als Wachsein.

Es gibt auch organische Ursachen für Schlafstörungen, die sind aber extrem selten.

Welche Ursachen können das sein?

Die Schlafkrankheit zum Beispiel. Oder auch das Schnarchen, das mit Atemaussetzern einhergeht, hat in der Regel körperliche Ursachen und muss behandelt werden, damit es nicht zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommt.

Wer ist vor allem von Schlafproblemen betroffen?

Das ist unterschiedlich. Psycho-physiologische Insomnien betreffen eher Frauen. Das Schnarchen mit Atemaussetzern ist ein typisches Männerproblem – vor allem, wenn Männer stark übergewichtig sind.

Wann ist ein Schlafproblem behandlungsbedürftig?

Grundsätzlich sollte man Schlaf nicht problematisieren. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang und in der Regel holt sich der Körper den Schlaf, den er braucht. Auch Schlafstörungen sind nicht gleich schädlich. Wenn jemand gerade besonders viel Stress hat, zum Beispiel, weil er die Arbeitsstelle gewechselt hat oder einen Angehörigen pflegt, dem es sehr schlecht geht, wird das auch Auswirkungen auf die Schlafqualität haben. Das gibt sich aber wieder, wenn das Leben ruhiger wird. Wer aber ohne äußeren Anlass länger als einen Monat Probleme mit dem Ein- oder Durchschlafen hat, sollte das ärztlich abklären lassen.

An wen kann sich jemand wenden, der Hilfe bei Schlafproblemen sucht?

Zunächst natürlich an den Hausarzt. Der kann dann auch an eine Schlafsprechstunde beziehungsweise ein Schlaflabor überweisen.

Was passiert in einem Schlaflabor?

Die Patienten werden an verschiedene Messgeräte angeschlossen, die die Körperfunktionen während des Schlafes überwachen. So können wir zum einen das subjektive Empfinden der Patienten objektivieren. Wir finden also heraus, ob sie wirklich so schlecht und so wenig schlafen, wie sie glauben. Ist das nicht der Fall, geht die Diagnostik weiter, weil hinter dem Abgeschlagenheitsgefühl und der Müdigkeit vielleicht andere Ursachen liegen.

Aber wir können natürlich auch feststellen, wenn jemand wirklich Atemaussetzer hat und wie schwerwiegend diese sind.

Wie geht es für die Patienten nach dem Aufenthalt im Schlaflabor weiter?

Ist geklärt, dass wirklich ein behandlungsbedürftiges Schlafproblem vorliegt, stoßen wir die Therapie an. Die fällt je nach Diagnose sehr unterschiedlich aus und wird mit jedem Patienten individuell festgelegt. Häufig ist sie eine Mischung aus psychotherapeutischen Ansätzen, medikamentöser Behandlung und schlafhygienischen Maßnahmen.

Das heißt, es werden Schlafmittel verschrieben?

Nur in sehr seltenen Fällen. Manchmal kann das indiziert sein, um den Körper zur Ruhe zu bringen und dem Gehirn zu zeigen, dass das mit dem Schlaf sehr wohl klappen kann. So lässt sich der Teufelskreis aus Schlafstörung und Schlafdruck durchbrechen. Schlaftabletten können aber abhängig machen und dürfen nicht länger als vier Wochen eingenommen werden. Häufiger arbeiten wir deshalb mit Antidepressiva – auch wenn der Patient keine Depression hat. Antidepressiva sind zum Langzeitgebrauch bestimmt und machen deshalb nicht abhängig, dafür ist eine sehr häufige Nebenwirkung einiger Antidepressiva, dass sie müde machen und den Schlaf fördern. Das machen wir uns zunutze.

Und was ist mit „schlafhygienischen Maßnahmen“ gemeint?

Das sind vor allem Dinge, die der Patient selbst tun kann und muss, um seine Schlafqualität wieder zu verbessern. Das geht von der Gestaltung des Schlafzimmers, die wir schon angesprochen haben, bis zur Schlafrestriktion. Dabei geht der Patient bewusst erst sehr spät ins Bett – so spät, dass er wirklich müde ist – steht aber zu seiner normalen Zeit auf. Und auch tagsüber sollen diese Patienten nicht schlafen. Das führt zwar dazu, dass sie sich einige Tage erschöpft fühlen, hilft Gehirn und Körper aber, wieder zu einem Schlafrhythmus zu finden. Allmählich wird die Einschlafzeit dann wieder vorverlegt.

Und was ist mit den Schnarchern, deren Atem aussetzt? Hilft ihnen diese Art der Therapie auch?

Nein, diese Schlafstörung wird anders behandelt. Oft hilft es diesen Patienten schon, auf der Seite statt auf dem Rücken zu schlafen und abzunehmen. Das Problem ist nämlich, das bei starkem Übergewicht die Muskulatur verfettet und schlaff wird – auch die, die die Zunge hält. Schlafen diese Patienten auf dem Rücken, kann es deshalb passieren, das die Zunge nach hinten fällt und die Atemwege verlegt. Die Atemaussetzer führen dann zu Sauerstoffmangel im Blut und das kann langfristig ernsthafte gesundheitliche Schäden verursachen. Deshalb sollten diese Patienten unbedingt zügig zum Arzt gehen. Mit einem speziellen Atemgerät, dass nachts zusätzlich Luft in die Atemwege bläst, kann man dieses Problem gut behandeln. Das führt in der Regel schnell zu einer deutlichen Verbesserung der Schlafqualität und damit fühlen sich diese Patienten auch am Tag wieder fitter.

Dieser Text ist im Magazin „Besser leben in Thüringen“ erschienen, das die Mediengruppe Thüringen herausgibt.

Mein Vorteil: Ich kenne mich nirgendwo richtig gut aus

Vor kurzem fragte mich eine meiner liebsten Auftraggeberinnen, ob ich mich auch in Servicethemen auskenne würde. Zufällig ist das einer meiner Schwerpunkte, aber ich antwortete ihr trotzdem etwas ausführlicher und die Essenz meiner Antwort lautete: Mein größter Vorteil als Texterin ist, dass ich mich in fast keinem Thema richtig gut auskenne. Und tatsächlich ist das keine Koketterie, sondern ein ganz ernst gemeinter USP. Ich bin kein Experte. Ja, durch Zufall und die Erfahrung vergangener Projekte fühle ich mich in Themen aus dem Tourismus, zu Generationenfragen oder dem Verbaucherschutz wohler als zum Beispiel bei Finanzen oder Umweltpolitik. Aber Experte bin ich nur in einem Thema: im Texten, in der Kommunikation.

Fehlende Expertise ist Vorteil für Kunden

Für meine Kunden ist das ein großer Vorteil. Zum einen, weil mein Wissen um meine Wissensdefizite dafür sorgt, dass ich jedes Thema neu und sorgfältig recherchiere, bevor ich es schreibe. Und zum anderen, weil ich mich den Themen durch dieses Unwissen genau so nähere wie die Leser das später tun. Meine Kunden bekommen also Texte, die ihre Kunden und Partner garantiert verstehen – selbst dann, wenn diese Leser Experten sind. Für mich ist die Arbeit meistens leichter, wenn ich für Laien wie mich selbst schreiben soll. Für Experten zu schreiben, ist aber spannender, denn es bedeutet, richtig tief in ein Thema einzusteigen, viele Quellen zu vergleichen, Sekundärliteratur zu lesen oder mich beraten zu lassen – so lange, bis ich wirklich verstanden habe, worum es geht. Und das dann so aufzuschreiben, dass, wer meinen Text liest, eben keine Sekundärliteratur und Fachberatung mehr braucht.

Manchmal durchdringe ich ein Thema ganz schnell. Vor allem, wenn es um Reportagen mit Vor-Ort-Recherche geht. Es gibt wenig Aufträge, die ich lieber annehme als solche. Dann ist es mir auch egal, wenn das Wetter ekelhaft und der Weg lang ist. Wie im Dezember, als ich für die Recherche zum neuen Magazin des Tourismusverbandes der Welterberegion Wartburg Hainich einmal quer durch Thüringen fuhr, um mir den Unterschied zwischen Natur- und Nationalpark live erklären zu lassen. (Kennen Sie auch noch nicht? Dann sollten Sie ab Mitte März mal in den Hainich fahren – oder auf die Wartburg, nach Eisenach, Mühlhausen oder Bad Langensalza. Überall dort wird dann das neue Magazin kostenlos zu haben sein. Und es wird toll werden!)

Schwieriger ist das mit Themen wie Energiepolitik oder Compliance – beides Felder, die ich für die Website eines großen Industrieverbandes bearbeitet habe. Beides hochspannende Themen. Aber auch beides Bereiche, mit denen ich vorher so gut wie nie zu tun hatte (die Lokaljournalismus-Termine, bei denen Lokalpolitiker Windräder besichtigen, zählen hier eher nicht). Die Recherche fing ganz einfach mit Onkel Googel an – und endete damit, dass ich Gesetzeskommentare las, die in unserem Haushalt zum Glück herumstehen, und mir Gesetzgebungsverfahren und Vokabeln aus dem internationalen Recht erklären ließ, bis ich ganz sicher sein konnte, zumindest die wichtigsten Komplexe zu durchschauen. Das war anstrengend (und machte sehr klar, dass meine Entscheidung vor vielen Jahren, lieber doch nicht Jura zu studieren, die richtige war), aber auch sehr, sehr spannend.

Gute Texter können texten – und recherchieren

Also: Wenn Sie demnächst einen Texter suchen (und völlig unverständlicherweise nicht sofort bei mir anrufen), dann fragen Sie ihn nicht, ob er sich in Ihrem Thema auskennt, sondern fragen Sie ihn, ob er texten kann – und ob er Lust und Leidenschaft und genug Professionalität mitbringt, sich in ihr Thema einzuarbeiten.

Es gibt immer etwas zu sagen – und immer einen Grund, es zu veröffentlichen

Wenn Unternehmen mich bitten, Ihnen bei Ihrer Öffentlichkeitsarbeit unter die Arme zu greifen, stehen zwei (angebliche) Probleme meist ganz weit oben auf der Agenda: Dass die Abdruckquote in den klassischen Medien massiv gesunken sei in den vergangenen Jahren (Wie man das ändert, dazu gern in einem späteren Blogpost mehr.) und dass man einfach nicht genug Themen habe, um eine hohe Schlagzahl an Veröffentlichungen aufrecht zu erhalten. Ich behaupte: In jedem Unternehmen gibt es genug Anlässe und Themen, um mindestens einmal pro Woche damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Achtung: Damit meine ich nicht zwingend, jede Woche eine Pressemitteilung zu verschicken, aber alle originären Kommunikationskanäle zusammen betrachtet, ist das leicht zu schaffen.

Kleiner Exkurs: Ich betone das „originäre Kommunikationskanäle“ ganz bewusst, weil zum Beispiel die sozialen Netzwerke für die meisten Unternehmen nur Distributionskanäle sind, aber keine Plattformen, auf denen sie exklusiven, originären Inhalt publizieren. Das passiert eher via Pressemitteilung, auf der Firmen-Website, in Kunden- und Mitarbeitermagazin oder – in den selten Fällen, in denen eines vorhanden ist – im Firmenblog. Und genau diese Plattformen meine ich mit „originäre Kommunikationskanäle“.

Die folgende Liste möglicher Themen und Anlässe erhebt nicht im geringsten den Anspruch vollständig zu sein. Im Gegenteil, ich will Ihnen damit nur einen kleinen Inspirationsschub mit auf den Weg geben. Schauen Sie in Ihrem Unternehmen genauer hin. Erzählenswert sind nicht nur die großen Erfolge und abgeschlossenen Entwicklungen. Prozesse, Details, sogar Misserfolge können eine professionelle Unternehmenskommunikation authentischer und erfolgreicher machen – wenn sie diese Dinge auf die richtige Weise an die richtigen Leute bringt:

Personalien

Nein, dieser Punkt meint nicht, dass sie jeden neuen Mitarbieter in einer eigenen Meldung auf der Website oder gar einer Pressemitteilung vorstellen sollen. Je nach Größe Ihres Unternehmens artet das schnell aus und ist deshalb auf der Intranetseite besser aufgehoben (die übrigens mindestens ebenso sorgfältig gepflegt werden sollte wie die Website). Aber ab einer gewissen Hierarchiestufe sind Personalwechsel auch für die Medien, Geschäftspartner und Kunden interessant. Natürlich könnten Sie jetzt die Standard-Vita des neuen Mitarbeiters/Chefs verschicken – allerdings müssen Sie sich dann nicht wundern, wenn es keiner liest. Seien Sie kreativ und damit anders als die anderen. Denken sie ungewöhnlich und präsentieren Sie die Personalie neu. Zum Beispiel als Interview (bitte mit wirklich interessanten Fragen statt in Antworten gekleidetes, belangloses Marketing-Bla-Bla).

Um die richtigen Fragen zu finden, hilft ein Perspektivwechsel. Denken Sie nicht aus Unternehmenssicht, sondern fragen Sie sich, was Sie als Kunde oder Partner wirklich von dieser Person willen wollen würden. Fällt Ihnen nichts ein? Dann nutzen Sie die Kaffeküchen-Runde oder die Mittagspause und hören Sie sich mal unter Ihren Kollegen um, welche Fragen die an den neuen Chef oder Kollegen hätten.

Der wirklich schwierige Part kommt erst danach: Jetzt müssen Sie nämlich „den Neuen“ (Gemeint ist immer auch die weibliche Form, aber ich finde es lästig und unlesbar, stets beide Formen zu schreiben.) davon überzeugen, sich auf diese eher ungewöhnliche Art der Vorstellung einzulassen. Je weiter derjenige in der Hierarchie über Ihnen steht, umso schwieriger ist das oft. Aber vielleicht hilft ein kleiner Hinweis aus dem Redaktionsalltag: Personalien, die nicht wie Werbung klingen, sondern wirklich etwas zu sagen haben und dann auch noch in Darstellungsformen druckfertig geliefert werden, die nicht allzu oft in den Medien vorkommen, werden von Journalisten ganz gern gesehen – das gilt vor allem im Lokalen und Regionalen. Sie werden vermutlich trotzdem nicht eins zu eins gedruckt, sondern gekürzt, umformuliert oder nur als Anlass für ein eigenes Gespräch benutzt, aber sie bleiben bei den Medienvertretern auf jeden Fall in (guter) Erinnerung und haben damit mehr geschafft als die anderen 150 Unternehmen, die an diesem Tag eine Mail an die Redaktion geschickt haben.

Misserfolge

Schon klar, Sie möchten natürlich mit Ihren Erfolgen in Verbindung gebracht werden. Misserfolge beschädigen den Ruf und im schlimmsten Fall auch den wirtschaftlichen Status Ihres Unternehmens und Sie möchten nicht, dass das in die Öffentlichkeit dringt. Das ist völlig nachvollziehbar und diese Art Misserfolge sind mit diesem Punkt auch nicht gemeint. Aber es gibt Misserfolge, die streng genommen gar keine sind.

Ein Beispiel: Sie sind ein Industrieunternehmen, das Turnschuhe herstellt. Ihr Plan war, einen besonders ergonomischen Schuh zu produzieren, doch die Art und Weise, in der Sie das tun wollten, hat sich als unpraktikabel erwiesen. Das kommunizieren Sie nach außen – natürlich mit einer ausführlichen Begleitgeschichte darüber, in welche neue Richtung sie jetzt denken und forschen und mit dem Hinweis, dass Ihnen die Gesundheit Ihrer Kunden viel wichtiger ist als der schnelle Profit. Sie haben damit Transparenz bewiesen und gleichzeitig im besten Sinne Imagewerbung betrieben und vor allem sind Sie im Gespräch geblieben.

Prozesse

Um beim Beispiel mit dem Turnschuh zu bleiben: Versorgen Sie Ihr Publikum mit regelmäßigen Updates über den Entwicklungsfortschritt. Das gilt für die Presse ebenso wie für Endkunden. Bei solchen „Nachdrehern“ müssen Sie nur zwei Dinge beachten: Veröffentlichen Sie nur dann ein Update, wenn es auch wirklich relevante Neuigkeiten gibt und tun Sie das auf eine Weise, die sich nicht wie das Forschungsprotokoll liest. Updates sind dazu da, das Interesse hoch zu halten und das Verlangen nach dem fertigen Produkt, der neuen Dienstleistung zu steigern – so dass es den Höhepunkt erreicht, wenn Sie mit diesem neuen Angebot auf den Markt gehen. Das gelingt aber nur, wenn Sie die Prozesse so beschreiben, dass auch der Laie sie beim ersten Lesen (oder Hören oder Sehen) versteht – und davon mitgerissen wird (Auch zum mitreißenden Schreiben wird es dieses Jahr noch einen Blogpost geben).

Veranstaltungen

Zugegeben, es ist verlockend, über das Sommerfest, den Tag der offenen Tür oder den Betriebsausflug eine Pressemitteilung oder zumindest ein paar Bilder auf der Website zu veröffentlichen. In den allermeisten Fällen gilt: Lassen Sie es lieber. Bei den Medien haben Sie vielleicht eine Chance, wenn die Pressemitteilung noch am selben Tag rausgeht. Die große Öffentlichkeit wird sich aber eher weniger für diese Veranstaltungen interessieren, denn sie ist ja bereits vorbei, wenn Sie darüber berichten.

Aber natürlich gibt es auch von dieser Ausnahme Regeln: Wenn die Veranstaltung nur der Anlass, Ihr Thema aber ein anderes, relevanteres ist, können Sie das natürlich nutzen. Wenn also der Turnschuh-Hersteller endlich den perfekten, ergonomischen Schuh entwickelt und ihn beim Sommerfest präsentiert hat, dann sollten Sie diesem Ereignis natürlich eine eigene Veröffentlichung widmen.

Zahlen

Ich persönlich kann das zwar nicht so recht nachvollziehen, aber es gibt erstaunlich viele Menschen, die sich wirklich für Zahlen interessieren – auch für die Ihres Unternehmens. Wenn Sie nicht ganz grundsätzlich entschieden haben, über Zahlen nicht öffentlich zu reden, können Sie das nutzen. Laden Sie ein- oder zweimal im Jahr zu einer „Bilanz-Pressekonferenz“ ein (Dieser Name hat sich für Veranstaltungen dieser Art durchgesetzt, selbst wenn die einladenden Unternehmen gar nicht bilanzieren.). Präsentieren Sie dort die wichtigtisten Zahlen und Fakten zu Ihrem Unternehmen. Umsätze, Gewinne, Mitarbeiterzahlen, Patente, aber auch Zahlen zum sozialen Engagement (wenn Sie etwa Vereine oder soziale Projekte unterstützen) sind hier gefragt. Und auch hier gilt: Je mehr Sie die nackten Zahlen mit lebendigen Geschichten unterfüttern können, umso besser.

Geheimtipp

Und wenn nun wirklich mal nichts los ist? Wenn Sie gerade niemanden einstellen, nichts neu entwickeln, keine Feste feiern, keine Zahlen und Statistiken zu vermelden haben? Dann suchen Sie sich Ihre Anlässe. Als Öffentlichkeitsarbeiter ist es Ihre Pflicht, zu wissen, was die Medien gerade so umtreibt. Denn, wenn Sie wissen, worüber aktuell berichtet wird, können Sie sich bzw. Ihr Unternehmen ins Spiel bringen, sobald ein Thema zu Ihrer Expertise passt.

Kleines Beispiel: Der Turnschuh-Hersteller kann auf den Bikini-Figur-Fitness-Trend aufspringen, der zuverlässig jedes Jahr im späten Frühjahr in den Magazinen und vielerorts auch in den Tageszeitungen ausbricht. Geben Sie doch rechtzeitig eine launige Info über die richtige Lauftechnik, Tipps für Laufanfänger oder die schönsten Laufstrecken in Ihrer Umgebung heraus. Mit etwas Glück werden Sie zitiert, mit etwas mehr Glück komplett übernommen.

Und wenn auch die aktuelle Berichterstattung nichts hergibt, gibt es immer noch diese grandiose Liste internationaler Aktionstage. Wenn Sie am Monats-, Quartals- oder Jahresanfang Ihre Mediaplanung machen, sollten Sie diese Liste unbedingt zu Rate ziehen. Sie sind eine Bäckerei? Machen Sie eine nette Geschichte zum Tag des Butterbrotes. Sie sind Spielzeughersteller? Der „Sprich-wie-ein-Pirat-Tag“ ist Ihrer. Gehen Sie die Liste durch und suchen Sie sich die Anlässe, die Sie brauchen, um im Gespräch zu bleiben.

Storytelling in der Unternehmenskommunikation

Schon mal etwas von „Storytelling“ gehört? Normalerweise sind solche Begriffe ja nicht unbedingt wörtlich zu nehmen, wenn man ihre Bedeutung erfassen will. Dieser aber schon. Wörtlich übersetzt heißt er: Geschichten erzählen. Und genau darum geht es. Im Journalismus bezeichnet man damit auch die technische Umsetzungen, aber in der Unternehmenskommunikation ist vor allem gemeint: Weg von der rein faktischen Kommunikation hin zu einer, in deren Mittelpunkt Menschen und eben ihre Geschichten stehen. Bestes Beispiel dafür sind Kunden- und Mitarbeiterzeitschriften, aber dazu gleich mehr.

Storytelling? Warum ändern, was Jahrzehnte gut lief?

Erstmal: Warum das Ganze? Früher kannte die Kommunikation – und damit ist fachübergreifend alles gemeint, was mal im Marketing, mal in der Werbung und mal in der PR-Abteilung angesiedelt war – zwei mögliche Wege, zu „überzeugen“: Durch die strenge Sachlichkeit. Das war meist die Methode der PR-Menschen, die Pressemitteilungen mit wenig mehr als den notwendigen Fakten bestückten. Oder durch überreden, einwickeln, manipulieren. Das war eher die Methode der Werbung (und von gut gemachter Werbung lasse ich mich gern einwickeln). Das eine die Ansprache für die Multiplikatoren, die Medien. Das andere jene für die Endverbraucher, die Käufer. Hat Jahrzehnte lang bestens geklappt. Warum jetzt also alles über den Haufen werfen?

Aus drei Gründen:

  1. Weil die Trennung zwischen Multiplikatoren und Endverbrauchern in dieser Striktheit nicht mehr funktioniert. Spätestens seit den sozialen Medien (und nicht nur den sozialen Netzwerken!) ist jeder Endverbraucher auch ein potenzieller Multiplikator.
  2. Weil die Empfänger von Informationen in den letzten Jahren sehr viel kritischer und skeptischer geworden sind. Sie prüfen Unternehmensbotschaften heute auf Herz und Nieren und lassen sich nicht mehr einfach so Honig ums Maul schmieren.
  3. Die Konkurrenz. Die ist in den meisten Branchen riesig. Kunden haben die freie Auswahl. Passt ihnen das Produkt des einen Unternehmens nicht, greifen sie eben zu dem des Konkurrenten.

Um Bindung an die eigene Marke zu erzeugen, reichen Fakten nicht – und Manipulation bringt nur weiter, wenn sie sehr, sehr geschickt geschieht (oft genug dürften Firmen und ihre Werber ihr Geschick in dieser Sache aber deutlich überschätzen). Um sich einen Namen zu machen, an den sich Kunden nicht nur erinnern, sondern den sie auch in ihre alltäglichen Nutzungsgewohnheiten einbeziehen, braucht es heute eine andere Art der Kommunikation. Eine Methode: Storytelling.

Werden Sie Sheherazade: Kundenbindung durch spannende Geschichten in Mitarbeiter- und Kundenmagazinen

Und das lässt sich, wie bereits angedeutet, bestens in Kunden- oder Mitarbeiterzeitschriften umsetzen. Nehmen wir als Beispiel Ihre Krankenkasse. Egal, wo Sie versichert sind: Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit bekommen Sie einmal im Monat oder im Quartal ein mehr oder weniger dünnes Magazin nach Hause geschickt, in dem Informationen zu den Leistungen und Tarifen (vor allem aber zu den Sonderleistungen) Ihrer Kasse stehen. Aber nicht einfach so, sondern verpackt in die Geschichten und Schicksale anderer Versicherter oder Mitarbeiter der Krankenkasse. Nicht der Vorstandsvorsitzende sagt Ihnen, dass seine Kasse die allerbeste ist. Die Hausfrau von nebenan erzählt Ihnen, warum sie sich bei ausgerechnet diesem Versicherer so gut aufgehoben fühlt (zum Beispiel, weil die alternative Heilbehandlung für das Kind unbürokratisch übernommen wurde). Dazu kommen in aller Regel grafisch sehr schön aufbereitete Geschichten zu allgemeinen gesundheitspolitischen Themen. In der Zeitung meiner Kasse ging es zum Beispiel gerade um Organspenden – inklusive der Schicksale zweier Menschen, die nur dank einer solchen Spende noch am Leben sind. Das berührt und setzt sich eben deshalb im Gedächtnis fest.

Aber auch, wenn Ihr Unternehmen weniger politisch unterwegs ist, hilft gutes Storytelling beim Markenaufbau. Zweites Beispiel: der Tourismusverband der Welterberegion Wartburg Hainich. Dort hat man vergangenes Jahr ein Erlebnismagazin ins Leben gerufen (Ich schreibe darin die meisten Texte zum Naturteil des Welterbes), das Besucher kostenlos in Hotels, Pensionen, Gaststätten, Touristinformationen und an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Region bekommen. Darin: ein schmaler Teil mit Veranstaltungshinweisen und Kontaktadressen, vor allem aber ganz viele Geschichten. Vom Wildkatzenjungen Toco, der den Jahreslauf im Wildkatzendorf aus seiner Sicht beschreibt. Von den neuen Ausstellungen in den großen Museen und jenen, die sie kuratieren. Von den Geheimnissen der Wartburg und den versteckten Wundern im Hainich. Auch hier kommen Besucher und viele Mitarbeiter der Region zu Wort. Den Gästen soll nicht in erster Linie etwas verkauft werden. Vielmehr sollen sie sich erinnern – an die Region und vor allem das Gefühl, hier Urlaub zu machen. Ein Gefühl, das im besten Fall mit Spaß und Abenteuer, aber eben auch mit Gastfreundlichkeit, Entspannung und Vielfalt gefüttert wird – und dafür sorgt, dass die Gäste wiederkommen und anderen empfehlen, das ebenfalls zu tun.

Genauso ist das bei der Krankenkasse: Am Ende sollen die Versicherten bei ihrer Kasse bleiben, auch wenn eine andere vielleicht etwas billiger wäre – und ihren Freunden raten, ebenfalls zu eben dieser Versicherung zu wechseln.

Am Ziel der Kommunikation hat sich über die Jahrzehnte also nicht viel geändert. Am Weg, dieses Ziel zu erreichen, aber schon. Die wichtigsten Schlagworte dafür sind heute Authentizität, Transparenz und Emotionalität. Werte, die sich via Storytelling prima transportieren lassen – wenn man es richtig macht. Das ist inzwischen auch wissenschaftlich belegt.

Sinn und Unsinn von QR-Codes in der Kommunikation

Ein durchschnittlicher Sitzungsraum irgendwo in Deutschland. Graue Tische, graue Stühle, grauer Teppich, weiße Wände. Eine sichtbar seit langer Zeit unbenutzte Flipchart an der Wand, deren Papier sich an der Unterseite schon nach oben rollt. Auf dem Tisch ein paar Getränke, darum ein paar Menschen, die sich was richtig Gutes ausdenken sollen, um neue Kunden zu gewinnen. Irgendwann durchtbricht einer die Lethargie aus langweiligen Einfällen und bereits vor Monaten verworfenen Ideen und schlägt vor, QR-Codes einzusetzen, um auch junge Menschen zu erreichen. Die jungen Menschen, die mit am Tisch sitzen, verdrehen fast einhellig die Augen und einer von ihnen winkt ab: „QR-Codes sind so was von 2000er, die sind total out.“ Dann kehrt in diesem Konferenzraum wieder die lähmende Stille ein, die immer einsetzt, wenn das immer gleiche Thema von den immer gleichen Leuten mit der immer gleichen Erfolglosigkeit bearbeitet wird. Dabei kann es sich tatsächlich lohnen, den Einfall mit den QR-Codes mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Sinnvoll oder unsinnig – QR-Codes für Ihre Kommunikation

Sind sie nun sinnvoll oder völlig veraltet? Die Antwort darauf lautet entweder „es kommt darauf an“ oder „von beidem ein bisschen“ – suchen Sie es sich aus. Bei uns sind diese Codes aus einem Rausch an kleinen Quadraten seit 2007 im Einsatz. Vor allem in der Werbung und im Marketing. Und ja, sinnvoll wäre da in vielen Fällen etwas anderes gewesen. Aber schaut man sich mal an, wie die Codes entstanden sind, öffnet sich der Blick zum richtigen Einsatz. Wikipedia schreibt dazu: „Der QR-Code wurde zur Markierung von Baugruppen und Komponenten für die Logistik in der Automobilproduktion des Toyota-Konzerns entwickelt.“ Es ging also zu Beginn um einen ganz konkreten Nutzen: Mit dem Code ließen sich Bauteile vermutlich schneller erkennen und sortieren, als wenn man die Bezeichnung mühsam in einer langen Liste hätte nachschlagen müssen. Also konnten sie schneller und zuverlässiger an die richtige Stelle im Produktionsprozess geliefert und verbaut werden. Der QR-Code war eine Arbeitserleichterung und beschleunigte den Arbeitsprozess.

Wenn diese Ursprungsidee auch heute die Grundlage wäre, wenn Unternehmen den Einsatz von QR-Codes in Erwägung ziehen, entstünden nicht so viele vollkommen sinnlose Nutzungsversuche. Ob in der Werbung, im Marketing oder der Kommunikation: Wenn Sie über QR-Codes (oder jede andere Art von Code) nachdenken, fragen Sie sich, ob Ihre Idee einen konkreten Nutzen, einen Mehrwert für denjenigen bietet, der ihn einscannen soll. Sie wollen den Code auf eine Anzeige für Ihr neues Produkt drucken und nach dem Scannen sieht der Nutzer die Landing Page für die Werbeseite des Produkts? Lassen Sie es lieber! Die Werbung hat er ja schon gesehen. Auf die gleiche Werbung geführt zu werden, bringt ihn nicht weiter. Ihr Nutzer fühlt sich allenfalls veralbert oder sogar manipuliert und verabschiedet sich als neuer Kunde. Doch was, wenn der QR-Code in der Anzeige zu einem Video führt, dass das neue Produkt im Einsatz zeigt? Das also demonstriert, wie einfach es zu bedienen ist und welch gute Ergebnisse es liefert? Oder wenn der Code zu einer Seite mit Kundenrezensionen des Produktes führt (bei denen nicht alle kritischen gelöscht wurden!)? Oder wenn er den Teilnahmecoupon für ein Gewinnspiel aufruft, bei dem das Produkt als Hauptpreis ausgelobt wird? Sie sehen schon: Wenn Sie sich in QR-Codes verliebt haben, gibt es keinen Grund auf sie zu verzichten. Aber den ersten Gedanken zu verwerfen und nach einer wirklich nützlichen Verwendung zu suchen, kann sich im wahrsten Sinne des Wortes auszahlen.

Eine kleine Inspirationsliste für interessante Verwendungen:

  • Visitenkarten: Nichts ist lästiger, als die Kontaktdaten von Geschäftspartnern oder Kunden per Hand von der Visitenkarte ins digitale Kontaktbuch übernehmen zu müssen. Speichern Sie Ihre Kontaktdaten im vCard-Format als QR-Code und drucken Sie sie mit auf die Visitenkarten. Ihr Gegenüber muss den Code dann nur noch scannen und kann alle Kontaktdaten so direkt in seinem Smartphone speichern.
  • Fotoalben und ihre Gemeinsamkeit mit Geschäftsberichten: Kein Mensch klebt heute mehr Bilder in Fotoalben, aber viele lassen sich Fotobücher erstellen. Die Fotos sind so schön archiviert und werden gerne immer mal wieder hervor geholt und betrachtet. Aber was ist mit den Videos von der Grillparty, der Schuleinführung, dem ersten Geburtstag, dem Tanz des Brautpaares, dem Gottesdienst des Goldpaares? Die versauern auf diversen Festplatten. Es sei denn, man integriert sie – ins Fotobuch zum Beispiel. Das bietet Pixum seit einiger Zeit an. Das Video wird hochgeladen und wird bei Pixum nach eigener Angabe bis zu 30 Jahre gespeichert. Ins Fotobuch kommen Einzelbilder aus dem Film, dargestellt als Filmstreifen, und dazu der Code, der zum Film führt. Auf Unternehmen gedacht, kann so zum Beispiel der eigene Youtube-Kanal unkompliziert Einzug in den Geschäftsbericht halten. Das demonstriert nicht nur, dass Sie Crossmedialität wirklich leben, sondern lockert die in der Regel eher schwere Lektüre auch noch auf.
  • Kreuzworträtsel: An Bahnhöfen und Bushaltestellen sind die Menschen gezwungen zu warten. Beobachten Sie mal, wie viele das tun, indem sie mit ihrem Smartphone daddeln. Das können Sie nutzen: Werbeplakate an der Haltestelle könnten statt mit einem Produkt mit dem Slogan werben, dass die Zeit mit Ihrem Unternehmen schneller vergeht. Dazu keine weiteren Informationen, auch nicht viel Bild, nur ihr Logo und ein QR-Code. Die Passanten sollen ja neugierig werden. Scannen sie den Code ein, gelangen sie auf eine Seite mit einem Kreuzworträtsel, Sudoku oder einem anderen Spiel, dass Beschäftigung verspricht. Und naürlich gibt es auf der Seite auch einen Link zu Ihrem Unternehmen – oder, und das ist der bessere Fall, das Spiel ist auf Ihrer Unternehmensseite integriert, das Lösungswort des Rästels ihr neuestes Produkt und Informationen dazu nur einen Klick weit entfernt.

Form folgt Inhalt – Gestaltung und Platzierung von QR-Codes

Doch Ihre schönste Idee zur Nutzung nützt gar nichts, wenn der Code technisch schlecht umgesetzt ist. Die zwei wichtigsten Punkte in dieser Kategorie: Gestaltung und Platzierung. Längst sind QR-Codes nicht mehr auf eine reine Darstellung in schwarz und weiß reduziert. Heute können Sie die Codes in Ihren Firmenfarben drucken, mit Ihrem Logo versehen oder Bilder einbauen. Dass sie dennoch funktionieren, verdenken sie der eingebauten Fehlertoleranz. Bis zu 30 Prozent der Codefläche können beschädigt sein und er lässt sich trotzdem noch gut auslesen. War für die Automobilindustrie vermutlich eine Notwendigkeit. Bauteile, die beim Transport vermutlich nicht gerade sanft angefasst wurden, dürften häufiger mit beschädigten Codes angekommen sein. Heute proditieren wir davon, weil wir die Codes stark individualisieren können, ohne ihre Funktionalität zu beschneiden.

Ein paar Dinge gibt es dennoch zu beachten, weil die Codes das eine sind, die Scanner, die sie einlesen, aber das andere. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass alle Nutzer die aktuellsten Smartphones mit der besten Kamera verwenden. Also sollten Sie Ihre Codes so gestalten, dass auch ältere Geräte sie gut lesen können. Das heißt vor allem: Reduzieren Sie die Größe des Codes nicht zu sehr. Ich empfehle, zwei Zentimeter Kantenlänge nicht zu unterschreiten. Und der zweite wichtige Faktor: Lassen Sie sich von den Möglichkeiten nicht allzu sehr verführen. Ein Code in silber auf anthrazitfarbenem Hintergrund sieht gewiss edel aus. Er ist aber nicht sehr nützlich, weil der Kontrast zwischen Hinter- und Vordergrund vermutlich deutlich zu schwach sein wird, um ein schnelles, frustfreies Einscannen zu erlauben.

Wenn der Code selbst steht (und sie mehrfach und mit verschiedenen Geräten getestet haben, dass er auch wirklich tut, was er tun soll), geht es noch um die Platzierung. Auch da gilt zum einen wieder: Achten Sie darauf, dass er groß genug gedruckt ist – und dass es dort, wo er eingescannt wird, auch einen vernünftigen Empfang gibt. Denn: Um einen QR-Code zu nutzen, braucht ihre Zielgruppe Internetempfang. Deshalb ist der Einsatz im Bordmagazin der Fluglinien oder unter Tage also eher kontraproduktiv. Auch auf Werbebanner an Autobahnbrücken oder Schnellstraßen o.ä. gehören sie nicht, weil kein Smartphone der Welt bei 120 km/h einen Code einscannen kann.

Wenn unsere grauen Menschen in dem grauen Konferenzraum irgendwo in Deutschland diese Überlegungen angestellt hätten, hätten sie den QR-Code vielleicht nicht gleich verworfen. Aber sie hätten ihn vermutlich hinten angestellt, denn eines ist er nicht: ein Wundermittel, eine Allzweckwaffe. Um neue Kunden zu gewinnen, braucht es etwas Überzeugendes. Ein Code ist aber nicht per se überzeugend. Er ist ein Kommunikationsinstrument. Ein Instrument, nicht die Botschaft. Und schon gar nicht das Produkt. Unsere Konferenzrunde wird also vielleicht noch ein bisschen länger grübeln müssen.

#darumfrei: Beitrag zur Blogparade

Als mein Volontariat sich dem Ende neigte, wurde plötzlich alles anders bei der Zeitung, bei der ich damals arbeitete. Der alte Chefredakteur war gegangen worden, der neue mit klaren Sparvorgaben angetreten, wie man sich erzählte. Ziemlich schnell stand jedenfalls fest: Aus der Sache mit der fest eingeplanten Übernahme wird nichts. Das Angebot: frei weiter arbeiten. Schon zu der Zeit wechselte ich die Abteilungen nicht mehr, sondern war fest in der Ratgeberredaktion. Auf eigenen Wunsch. Ratgeber und Seite 3, vor allem am Wochenende (Damals durfte, wer am Samstag die drei hatte, noch 300 Zeilen schreiben!) – meine Traumkombi. Am 31. Januar ging ich morgens zur Arbeit, fuhr abends ganz normal den Rechner runter. Am 1. Februar hatte nur die IT-Abteilung gemerkt, dass sich bei mir was geändert hatte. Die hatten meinen Account abgeschaltet, weil keiner ihnen gesagt hatte, dass ich weiter arbeiten würde – aus der Volontärin war über Nacht eine freie Mitarbeiterin geworden.

Bis der Rechner wieder lief, dauerte es eine Weile, sonst änderte sich nichts: Ich ging weiter jeden Tag in dieselbe Redaktion, an denselben Schreibtisch, baute dieselbe Seite und sprach mit denselben Ansprechpartner. Nur zahlte ich plötzlich viel mehr Steuern, musste mich selbst für horrendes Geld krankenversichern und strich den Urlaub auf unbestimmt Zeit, weil ich mir das Wegfahren nicht hätte leisten können.

Trotz kam nach etwas über einem Jahr der Moment, indem ich auf die Versicherung, die nächste freie Redakteursstelle gehöre mir, antwortete: „Ich will sie gar nicht!“ Aus der Not war irgendwie mein Arbeitsmodell geworden. Eins, das ich mochte. Ich genoss die Freiheit, mein eigener Chef zu sein und mich neben dem Brotjob auf anderen Spielfeldern ausprobieren zu können. Ich begann, Seminare zu geben und PR zu machen, entstaubte meine Grafik-Kenntnisse und entdeckte, dass Facebook und Co. nicht nur zum Austausch mit alten, weit verstreuten Freunden taugt – sondern auch als Geschäftsmodell. Frei sein hieß plötzlich wirklich mehr „frei sein“ als „vogelfrei sein“.

Das geht mir bis heute so. Meine Geschäftsfelder haben sich seit damals massiv verschoben. Für die Zeitung arbeite ich kaum noch, neue Bereiche wie das Corporate Publishing sind dafür entstanden. Aber das Gefühl, Herr über mein eigenes Schaffen zu sein, ist auch heute noch einer der wichtigsten Vorteile meiner Selbstständigkeit. Dass ich mich nicht festlegen muss, sondern es beinahe sogar eine Verpflichtung ist, neue Trends selbst auszuprobieren, begeistert mich. Dass allmählich (ganz, ganz allmählich) auch bei vielen Unternehmen die Einsicht greift, dass professionelle Kommunikation genauso wie professionelles Programmieren oder professionelles Maschinen bauen auch professionell bezahlt werden muss, erleichtert mich.

Außerdem bin ich eitel und finde es großartig, Chefin zu sein – und auch so wahrgenommen zu werden. Das ist nun sicher kein ausschlaggebender Grund, um sich selbstständig zu machen, aber es kann ein ziemlich gutes Gefühl sein.

Ja, ich bin gerne frei – aber ich bin nicht naiv. Die Freiberuflichkeit hat eine Menge Vorteile, die ich liebe. Aber sie hat eben auch dicke Fallstricke: Um mich sozial abzusichern, müsste ich deutlich mehr verdienen, als ich es tue. An eine lange Krankheit (oder das Alter!) denke ich lieber nicht. An eine Familiengründung eher auch nicht. Wer, wie ich selbst, zwar die Sache mit dem Marketing und der Kommunikation beherrscht, in der Akquise aber keine perfekte Figur macht, hat ein zusätzliches Problem (das ich mit der nächsten Weiterbildung aus der Welt zu schaffen gedenke). Und so schön es ist, den halben Tag im Pyjama arbeiten und sich die Zeit frei einteilen zu können: Genau das sorgt dafür, dass ich regelmäßig auch nachts und an den Wochenenden arbeite, dass mein Kopf keine Pause mehr kennt, selbst wenn mein Körper gerade eine macht.

Ob das in einer Festanstellung besser würde? Vielleicht. Aber nicht, weil die Festanstellung per se sicherer wäre (siehe oben: Ich bin nicht naiv!). Es würde vielleicht besser, weil die Verantwortung dafür nicht mehr allein auf meiner Willensstärke läge. Eine Festanstellung hat Strukturen, die nun mal sind, wie sie sind, an die man sich zu halten hat. Das kann man einengend und belastend empfinden. Aber eben auch erleichternd. Die Vorstellung, nur noch für die Inhalte seiner Arbeit verantwortlich zu sein und nicht auch noch für die Rahmenbedingungen, hat in schwachen Momenten ihren Reiz für mich. Die Vorstellung, dass jemand anders sich um die verflixten Zahlen kümmert, hat sogar in jedem Moment eine Menge Reiz für mich.

Doch reicht das, um eine Anstellung der Freiberuflichkeit vorzuziehen? Ja, vielleicht – wenn der richtige Job im richtigen Unternehmen lockte. Mein Herz müsste von Anfang an höher schlagen, damit Anwesenheitspflicht zu festen Zeiten, Weisungsgebundenheit, fehlende Flexibilität und weniger Vielfalt in den Arbeitsfeldern gegen die zeitliche, räumliche und inhaltliche Freiheit meines aktuellen Arbeitsalltags eine Chance haben. Die große Mehrzahl der offenen Jobs schafft das nicht und deshalb: #darumfrei.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Blogparade „Warum ich gern freier Journalist bin“ der Kollegen Bettina Blaß und Timo Stoppacher. Unter dem Hashtag #darumfrei finden Sie erste Beiträge auch in den sozialen Netzwerken.