#stolzTexte: Schreibtisch auf Zeit

In der Kategorie #stolzTexte zeige ich Ihnen in unregelmäßigen Abständen Texte von mir, die ich für besonders gelungen oder besonders relevant halte. Texte, die meine Vielfalt als Texterin zeigen, aber auch solche, die einfach Themen behandeln, die diskutiert werden müssen – meiner Meinung nach.

Heute geht es dabei um die „schöne, neue Arbeitswelt“. So nennen wir intern eine Serie, die in loser Folge im So!-Magazin erscheint, der Wochenendbeilage in allen Tageszeitungen der Verlagsgruppe Hof Coburg Suhl. Darin dreht es sich um die neuen Entwicklungen, die die Digitalisierung für die Arbeit mit sich bringt. Industrie 4.0., Firma ohne Hierarchien. Oder eben Coworking. Was das ist und wie es funktionieren kann, habe ich im Krämerloft in Erfurt ausprobiert:

Schreibtisch auf Zeit im Krämerloft

Wer einen Coworking Space nutzt, mietet sich einen Schreibtisch auf Zeit. Das ist praktisch für Selbstständige, aber auch Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter mittlerweile öfter ins Gemeinschaftsbüro mit Fremden. Zum Beispiel im Krämerloft in Erfurt.

Von Anita Grasse

Auf dem Tisch, der aussieht, als wäre er früher einmal Teil einer Tischtennisplatte gewesen, steht ein Laptop. Daneben liegen ein Smartphone, zwei Schreibblöcke, ein Kugelschreiber. Mehr braucht Jesssika Fichtel nicht zum Arbeiten. Die 27-Jährige Bloggerin und Autorin sitzt an diesem Tag im „Open Space“, dem großen Gemeinschaftsbüro im Krämerloft in Erfurt, in dem sich jeder spontan einen Schreibtisch mieten kann.

Der neueste Coworking Space der Stadt hat vor etwas mehr als einem Monat eröffnet. Er ist in einem Hinterhof untergebracht, nur fünf Gehminuten vom Erfurter Hauptbahnhof entfernt. Beim ersten Besuch läuft man schon einmal am Eingang vorbei, so unscheinbar wirkt er.

Wo man sich den Schreibtisch mit Fremden teilt

Innen setzen die Betreiberinnen Nicole Sennewald und Bianca Schön-Ott bewusst auf das Unperfekte. Die Wände sind absichtlich nicht glatt verputzt, als Beleuchtung im Gemeinschaftsarbeitsraum hängen Glühlampen in simplen, schwarzen Fassungen von der Decke. Für jeden Arbeitsplatz gibt es eine Verteilersteckdose. An den grünen Tischen blättert die Farbe ab und die Stühle sehen aus, als wären sie zu einer Zeit Büromöbel gewesen, als man Briefe noch mit der Schreibmaschine schrieb.

Dieser Raum, in dem Jessika Fichtel gerade arbeitet, wirkt kleiner – und gemütlicher! – als erwartet. 18 Arbeitsplätze gibt es hier, immerhin. Arbeitsplätze, die täglich und manchmal auch mehrmals am Tag neu besetzt werden. Jeder, der in Erfurt einen Ort zum Arbeiten sucht, aber die Ausgaben für ein eigenes Büro scheut, kann sich hier im Krämerloft einen Platz mieten. Das Angebot richtet sich ebenso an Menschen, die nur kurz in der Stadt sind wie an solche, die das Arbeiten in einem Coworking Space als Ergänzung zum normalen Büro betrachten.

Das ist Coworking

Coworking bedeutet „zusammenarbeiten“. Es bezeichnet eine Arbeitsform, bei der Unternehmen und Selbstständige einzelne Arbeitsplätze oder ganze Büros in einem Coworking Space mieten können. Oft werden dabei sehr kurze Mietzeiten vereinbart. So kann man Schreibtische für einen Tag buchen, aber auch monats- oder jahresweise abrechnen. Die Betreiber der Coworking Spaces bieten die notwendige Büro-Infrastruktur wie ein Internet-Netzwerk, Drucker und Kopierer an. Auch Meeting-Räume sind oft vorhanden.

Weil die Mieten in einem Coworking Space in aller Regel deutlich günstiger sind als die Kosten für eigene Büroräume, ist diese Arbeitsform vor allem bei Freiberuflern und Solo-Selbstständigen beliebt. Aber auch immer mehr Unternehmen schätzen den Austausch mit Vertretern verschiedener Branchen.

Nicole Sennewald und Bianca Schön-Ott, die Betreiberinnen des neuen Erfurter Coworking Space, stellen ihren Kunden die Infrastruktur, die man so zum Arbeiten im Büro braucht. Etwa einen Drucker oder Kopierer, aber auch ein Netzwerk für schnellen Internetzugang, eine gemütliche Lounge zum Austauschen und eine hochmoderne Küche mit einem unbegrenzten Vorrat an ausgezeichnetem Kaffee.

Coworking: Arbeiten nach dem Pippilotta-Prinzip

„Coworking ist für uns mehr als einfach nur Schreibtische oder Büros zu vermieten“, sagen die beiden Frauen. Sie haben das Krämerloft gemeinsam gegründet, im Februar war Eröffnung. „Coworking ist für uns eine Möglichkeit, Menschen wirklich zusammenzubringen. Sie sollen hier nicht nur im selben Raum arbeiten, sondern eine Umgebung vorfinden, die sie inspiriert, ins Gespräch zu kommen, zu netzwerken, Kooperationen aufzubauen, zu experimentieren und Neues zu wagen.“ Bianca Schön-Ott ergänzt nach kurzem Nachdenken: „Wir arbeiten hier sozusagen alle nach dem Pippilotta-Prinzip und machen uns zumindest die Arbeitswelt, wie sie uns gefällt.“

Das funktioniere super, bestätigt Jessika Fichtel. Seit der Eröffnung arbeitet sie im Schnitt einmal pro Woche hier. Die selbstständige Bloggerin und Autorin genießt die Abwechslung zum Büro in der eigenen Wohnung. „Ich arbeite gern von zu Hause aus, aber manchmal fehlten mir einfach Kollegen. Jetzt habe ich das Beste aus beiden Welten“, sagt sie. „Ich fühle mich hier sehr wohl und genieße die gemeinsame Mittagspause oder den Kaffee mit Menschen aus ganz anderen Branchen und Bereichen.“ Menschen wie Konstanze Wutschig. Die Fotografin nickt zustimmend, als die junge Bloggerin ins Schwärmen kommt.

Coworking geht auch mit festem Büro

Konstanze Wutschig ist einer der Coworker, die im Krämerloft nicht nur einen Schreibtisch mieten, wenn sie ihn brauchen, sondern einen festen Arbeitsplatz in einem der sechs Büros gebucht haben. Nicht jeden Tag ist sie hier, ein großer Teil ihrer Arbeit findet im Freien oder bei ihren Kunden statt. Aber die Büroarbeit und das Nachbearbeiten der Bilder erledigt sie heute eben nicht mehr im Homeoffice, sondern im Coworking Space.

Das Büro teilt sie sich mit mehreren anderen Coworkern, alle aus unterschiedlichen Branchen und längst nicht alle Selbstständige. Zwar fing die Coworking-Bewegung tatsächlich als Unterstützung für Solo-Selbstständige, kleine Start-ups und Freiberufler der Kreativbranche an. Doch allmählich entwickelt sich diese Form des Arbeitens weiter.

Für wen eignet sich Coworking?

Aber auch wenn inzwischen auch eine Lehrerin und ein reisender Versicherungsmakler zu den Coworkern im Krämerloft gehörten: Der Großteil der Coworker, nicht nur in Erfurt, kommt aus eher kreativen Berufen und ist selbstständig. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn so attraktiv Coworking wegen seiner großen Flexibilität sein kann, es ist nicht für jede Branche und jeden Menschen geeignet.

Wer sich zum Beispiel nicht gut konzentrieren kann, wenn es um ihn herum mal unruhig wird, bekommt in vielen Coworking Spaces Probleme. Auch wer mit viel Ausrüstung, zahlreichen Ordnern und Materialien arbeitet, ist mit einem festen Büro besser dran, denn Coworking im klassischen Sinne, also mit befristet gemietetem Arbeitsplatz, bedeutet auch, dass man alle Arbeitssachen jedes Mal neu mitbringen muss. Wer da die viel schleppen muss oder gerade die eine, wichtige Akte vergisst, hat Pech.

Checkliste: Ist Coworking etwas für mich?

Nicht für jede Branche und jede Stelle eignet sich Coworking. Ob diese neue Arbeitsform etwas für Sie sein könnte, klären diese Fragen. Je mehr Sie mit „Ja“ antworten können, desto wahrscheinlicher ist Coworking eine Option für Sie:

  1. Arbeiten Sie gern in Gesellschaft?

  2. Können Sie sich gut konzentrieren, auch wenn es um Sie herum mal unruhig wird?

  3. Brauchen Sie zum Arbeiten nur wenig Material, das sich leicht transportieren lässt?

  4. Können Sie sich gut selbst organisieren und haben auch ohne festen Rahmen ein gutes Zeitmanagement?

  5. Können Sie auf eine Festnetz-Büro-Telefonnummer verzichten?

  6. Können Sie auf ein festes Büro verzichten, das nur Sie benutzen?

  7. Brauchen oder wollen Sie den Austausch mit Menschen aus anderen Branchen?

  8. Wollen Sie beim Arbeiten ein Netzwerk aufbauen?

  9. Haben Sie wenig Kundenkontakt bzw. können Sie Kundengespräche in jeder Umgebung führen?

  10. Sind Sie oder Ihr Arbeitgeber bereit, zwischen 150 und 250 Euro monatlich für die Miete im Coworking Space zu investieren (Durchschnittswert, in jedem Coworking Space unterschiedlich)?

Auch Berufe mit viel Kundenkontakt finden sich in den meisten Coworking Spaces eher selten, es sei denn, die Coworker können Ihre Kunden überall bedienen. Dann stellen fast alle Coworking Spaces Konferenzräume zu Verfügung, die man mieten kann, um in Ruhe Geschäftstermine abzuwickeln. Für Fotografin Konstanze Wutschig klappt das super. „Meine Kundinnen reagierten durchweg begeistert von der neuen Option, auch im Krämerloft Porträtfotos von sich machen zu lassen“, sagt sie.

Familie und Beruf unter einen Hut bringen

Doch für die Kollegen von Timmy Hack zum Beispiel, mit dem sich die Fotografin ein Büro im Krämerloft teilt, wäre das schon weniger einfach. Timmy Hack ist als Marketing Manager bei „Hörgeräte Möckel“, einem Unternehmen mit Sitz im südthüringischen Meiningen, festangestellt. „Für mich klappt das mit dem Coworking Space super, für unsere Mitarbeiter, die vor Ort beim Kunden arbeiten und etwa Hörgeräte anpassen, wäre das aber kaum umsetzbar“, sagt er. Er selbst hätte Schreibtisch und Arbeitsplatz ebenfalls in Meiningen haben könnte. Genau das wollte der 31-Jährige aber nicht, der vor Kurzem zum zweiten Mal Vater geworden ist.

„Ich stelle die Familie im Moment über den Beruf, will meine Söhne aufwachsen sehen und meine Frau unterstützen können, wenn es nötig ist. Deshalb habe ich beim Vorstellungsgespräch um eine Lösung gebeten, die mir erlaubt, an meinem Wohnort in Erfurt zu arbeiten“, erklärt er.

Damit trifft er in diesem Coworking Space einen Nerv. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war vor anderthalb Jahren nämlich der Grund, warum Nicole Sennewald überhaupt einen (weiteren) Coworking Space in Erfurt gründen wollte. Und deshalb gibt es hier neben den Büros, den 18 Tischen im „Open Space“, der großen Küche mit Lounge, den Meetingräume und dem Telefonierzimmer auch ein buntes, üppig mit Spielzeug ausgestattetes Familienzimmer für all die Coworker, die ihre Kinder zur Arbeit mitbringen.

Jeder Coworking Space ist anders – probearbeiten lohnt sich

Auf dieses Weise hat jeder Coworking Space sein eigenes Profil. Das System ist zwar überall gleich, die Ausrichtung aber immer ein bisschen anders. Es lohnt sich also, sich verschiedene Coworking Spaces anzusehen, wenn man mit dieser Form der Arbeit liebäugelt. Vor allem in größeren Städten gibt es inzwischen meist mehrere Anbieter und langsam ziehen auch kleinere Orte nach. Eine vollständige Übersicht über alle deutschen Coworking Spaces gibt es nicht – dafür sind zu viele zu unterschiedliche Anbieter auf dem Markt. Es gibt große Ketten, die gleich mehrere Coworking Spaces in verschiedenen Städten betreiben und kleine, private Initiativen wie die in Erfurt.

Global Coworking Survey – Prognose 2017

Jedes Jahr erscheint die „Global Coworking Survey“, eine Umfrage zu Entwicklungen und Erwartungen der Coworking Spaces weltweit. An der aktuellen Fassung vom 9. November bis 23. Dezember 2016 beteiligten sich insgesamt 1876 Befragte. Das Ergebnis:

  • Bis Ende 2017 wird es weltweit etwa 14000 Coworking Spaces geben.
  • Bis Ende 2017 werden weltweit fast 1,2 Millionen Menschen in Coworking Spaces arbeiten.
  • Jeder fünfte Coworker arbeitet zu sehr unregelmäßigen Zeiten.
  • Etwa 40 Prozent der Coworker kommen mindestens jeden Werktag in den Coworking Space, etwa 30 Prozent drei- bis viermal pro Woche.

Nachzulesen sind Details der „Global Coworking Survey“ bei deskmag, einem Onlinemagazin über neue Arbeitsformen.

Timmy Hack hat sich für letztere entschieden und für seinen Arbeitgeber sei dieser Wunsch nach wohnortnahmen Arbeiten kein Problem gewesen. „Unser Geschäftsführer ist selbst Vater und beobachtet zudem die Trends, die vor allem die Digitalisierung für den Arbeitsmarkt bedeuten, genau. Er war sehr offen, was meinen Vorschlag anging, es mit dem Coworking Space zu versuchen.“

Coworking trotz Festanstellung? Das sagen Arbeitgeber

Das ist nicht selbstverständlich, denn auch für Timmy Hacks Arbeitgeber bedeutete diese Lösung zunächst Mehraufwand. Es mussten Server und Datenverbindungen eingerichtet werden, mit denen Timmy Hack auch von Erfurt aus sicher auf Kundendaten zugreifen konnte. Und wer sich nur einmal pro Woche persönlich sieht, muss auch sein Kommunikationsverhalten anpassen, effektiver gestalten. Doch „Hörgeräte Möckel“ ist nicht das einzige Unternehmen, das diese zusätzlichen Anstrengungen auf sich nimmt, um gute Mitarbeiter zu finden – und zu halten.

Auch Sven Lindig, Geschäftsführer der Lindig Fördertechnik GmbH in Krauthausen bei Eisenach, hat einen Arbeitsplatz im Krämerloft für einen seiner Mitarbeiter gemietet. Der Fachkräftemangel setze seinem Unternehmen zu. Längst ließen sich nicht mehr alle offenen Stellen mit Personal aus der Region besetzen und es gebe einige Mitarbeiter, die in Erfurt wohnten statt in der Wartburgregion.

„Wir öffnen uns im Zuge von New Work auch für neue Arbeitsformen und wollen so als Alternative zum Homeoffice auch den Coworking Space anbieten“, erklärt er. Er sieht darin vor allem drei Vorteile: Mitarbeiter, die nicht ständig pendelten, sparten erstens Zeit und zweitens Kraftstoff, schonten somit auch die Umwelt. Und der „potenzielle Vernetzungseffekt“ sei ebenfalls nicht zu unterschätzen. „Vielleicht ergibt ein Gespräch mit jungen Gründern eine Innovation?“, hofft er.

Diesen Vorteil sieht man auch bei „Hörgeräte Möckel“ in Meiningen. „Der Austausch führt zu neuen Ideen und Arbeitsansätzen und damit letztlich auch zu besseren Arbeitsergebnissen. Viel wichtiger aber ist, dass Unternehmen, die ihren Mitarbeitern die Möglichkeit geben, wohnortnah und zeitlich flexibel zu arbeiten, motiviertere, leistungsfähigere und bessere Mitarbeiter bekommen“, sagt Timmy Hack. „Meine Generation will mehr vom Leben als nur viel Geld. Ich bin meinem Arbeitgeber sehr dankbar dafür, dass ich meine Familie über alles stellen, aber auch auf meine Selbstverwirklichung nicht verzichten muss. Und das gebe ich mit Leistung zurück.“