#StolzTexte: „Zuhause nebenan – Muslime in Deutschland“

Ich gebe mir bei jedem Text Mühe. Natürlich. Sonst hätte ich nicht so viel Spaß an meinem Job. Aber manchmal gibt es da diese Beiträge, an denen das Herz ein Stückchen mehr hängt als an anderen: Texte, in denen besonders viel und intensive Arbeit steckt – in der Recherche, in der Dramaturgie oder einfach in der Formulierung – und deren Botschaft wichtig ist. So ein Text von mir ist Ende September als Titelgeschichte im So! erschienen, dem Wochenendmagazin der Zeitungen aus der Verlagsgruppe Hof Coburg Suhl. Unter dem Titel „Zuhause nebenan – Muslime in Deutschland“ habe ich versucht so unvoreingenommen und neutral wie möglich zu berichten, wie die Lage ist, wo Probleme liegen und wie die, über die alle Welt redet, statt mit ihnen zu reden, die Situation betrachten:

Zuhause nebenan – Muslime in Deutschland

Mehr als vier Millionen Muslime leben in Deutschland, Tendenz steigend, denn auch viele Flüchtlinge gehören dem Islam an. Und trotzdem: Kontakt haben Muslime und Nichtmuslime hierzulande kaum. Doch was fremd bleibt, macht Angst und Furcht führt zu Abwehr und Aggressivität. Grund genug hinter die Kulissen zu schauen und zu fragen: Wie leben, denken und fühlen die Muslime hier in Deutschland heute? Ein Besuch in einer fremden Welt.

Von Anita Grasse

Sabrin Semmo ist Anfang 30. Sie trägt enge helle Hosen, einen figurbetonten Blazer über dem langen Spitzentop und ein farblich abgestimmtes Kopftuch. Ihre Augen sind sorgfältig geschminkt und in ihre Riesenhandtasche passt alles, was man im Alltag mit zwei Kindern so braucht. Mit ihren Söhnen Mustafa und Noah steht sie vor der Majid al’Itidal-Moschee in Hannover. Ein unauffälliger heller Bau, von außen lässt nichts erahnen, dass es sich hier um ein Gotteshaus handelt. Der Moscheebesuch am Sonntag gehört zur Routine der gläubigen Muslima.

Von 11 bis 14 Uhr haben die Jungs hier Unterricht: Sie lernen die arabische Sprache und Schrift, lesen den Koran – und lernen, ihn teilweise auswendig zu rezitieren – und in der dritten Stunde geht es um die Auslegung ihrer Religion. Für mich war das fremd – und befremdlich. Ein Sechs- und ein Neunjähriger, die sonntags freiwillig in die Schule gehen und dann für eine religiöse Unterweisung? Nichts ist meiner eigenen Kindheit ferner. Aber für Sabrin Semmo ist die Religion ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags und sie sagt: „Ich habe mir sehr bewusst eine muslimische Gemeinde ausgesucht, die den Islam lebt, wie ich ihn verstehe: Als eine Religion, die Frieden und Gewaltfreiheit zur obersten Maxime erhebt. Und ich will, dass meine Kinder von klein auf mit dieser Interpretation aufwachsen. Damit sie, wenn sie in die Pubertät kommen und eine dieser kranken Phasen haben, stark bleiben. Wenn ihnen dann ein sogenannter Salafist entgegentritt und ihnen erzählen will, sie würden den falschen Islam leben und sie zu einem Islam aus Gewalt und Terrorismus zu ‚bekehren‘ versucht, dann sollen sie selbstbewusst und gut informiert zu ihrer Religion stehen können.“

Gewalt ist Sünde – ohne Ausnahme

In der Moschee in Hannover hat man dazu eine ziemlich eindeutige Meinung und die teilt auch Krim Seghiri, Vorsitzender der muslimischen Gemeinde in Weimar: Wer einen anderen Menschen verletzt, ihm Gewalt antut oder dabei hilft, begeht eine schwere Sünde. Und davon gebe es keine Ausnahmen. „Das Schlimme ist, dass die Menschen sich heute selbst aussuchen wollen, wie der Koran zu interpretieren ist“, sagt eine freundliche Frau mit dunklem, langem Kleid und Kopftuch in der Majid al’Itidal-Moschee in Hannover. So würden Terroristen sich aus der Religion ihr Weltbild zimmern. „Aber das geht so nicht. Wie der Islam zu interpretieren ist, kann nicht jeder für sich entscheiden. Das haben Gelehrte in Jahrhunderten weitergegeben. Als gläubige Muslime müssen wir uns an alle Regeln unserer Religion halten, nicht nur an die, die uns passen“, sagt sie aufgebracht.

Auch Krim Seghiri formuliert das so oder so ähnlich immer wieder. Das Problem, sagt er, sei, dass Religion und Tradition immer häufiger vermischt werden. Da würden Regeln im Namen des Islam aufgestellt, die damit gar nichts zu tun hätten, sondern schlicht auf Sitten und Bräuchen einzelner Ländern beruhten. „Das ist aber ein Unterschied. Und einer, den vor allem diejenigen begreifen müssen, die neu hier nach Deutschland kommen. An meinem Glauben kann und soll ich mich festhalten – immer und überall. Aber Sitten und Gebräuchen muss ich mich anpassen können, wenn ich in ein neues Land komme. Ich muss neugierig sein und lernen wollen, wie das Leben hier funktioniert.“ Deutschland, das sage er den Flüchtlingen oft, sei nicht ein Brot, auf dem nur Butter liege. Es sei hier süß und da scharf, aber man müsse eben das ganze Brot essen, wenn man sich für Deutschland entschieden habe.

Muslimische Flüchtlinge brauchen Orientierung

Krim Seghiri ist Vorsitzender der muslimischen Gemeinde in Weimar und sieht in diesen Tagen erschöpft aus. Jeden Sonntag fährt er nach Augsburg, wo er die Woche über arbeitet. Am Wochenende leitet er nicht nur regelmäßig das Freitagsgebet in dem etwas traurigen Kellerraum, der in Weimar die Moschee ist. Er besucht auch die Flüchtlinge in den Einrichtungen in und um Weimar, ist Ansprechpartner für Behörden und die christlichen Kirchen, die sich hier um eine Ökumene bemühen. Zum Ausruhen kommt er kaum. Doch er winkt ab. Es sei wichtig, dass die Muslime hier einen Ansprechpartner hätten – das gelte vor allem auch für die Flüchtlinge.

„Der übergroße Teil von ihnen sind arme Bauern. Man muss ihnen die grundlegendsten Regeln des Zusammenlebens hier in Deutschland erklären, um Konflikte zu verhindern“, sagt er. Dass man den Müll trennt, ab 22 Uhr auch in der Wohnung Ruhe herrscht, Abfall nicht einfach in die Gegend geworfen wird – all diese Dinge seien für sie unbekannt und in den Erstaufnahmeeinrichtungen würden sie nicht darauf vorbereitet. Die Konflikte entstünden dann, wenn sie in eigene Wohnungen ziehen. Doch die Flüchtlinge seien nur eine Seite einer potenziell problematischen Nachbarschaft. Auch andersrum begegneten Muslime ständig Ressentiments. „Ich kenne eine Familie, die haben beim Einzug extra für jede der anderen Mietparteien Blumen gekauft und sind von Tür zu Tür, um sich vorzustellen. Man hat die Blumen entgegengenommen, aber seither gab es keinen weiteren Kontakt. Die Nachbarn grüßen die Familie nicht einmal.“ Doch auf der anderen Seite seien dann wieder Geschichten wie die von der jungen Muslima, die dringend ein neues Kleid samt Kopftuch brauchte. Das, was man ihr über die Gemeinde besorgt hatte, passte nicht, war viel zu groß. „Da hat eine deutsche Nachbarin sie einfach eingeladen, sich online zwei Kleider samt Kopftuch auszusuchen. Einfach so!“, sagt Krim Seghiri immer noch überrascht und lächelt.

Mit Alkohol und Drogen gegen Verzweiflung und Angst

Geschichten wie diese geben ihm Kraft. Zwar hätte er bisher noch keine körperlichen Angriffe auf Muslime erlebt, aber das Misstrauen und die Alltagskonflikte setzen ihm zu. Zumal er es nicht gutheißt, wenn Flüchtlinge aggressiv auftreten, er aber verstehen kann, wie diese Aggressivität entsteht. „Ich besuche regelmäßig die Flüchtlingsunterkünfte. Eines Tages war ich gerade im Gespräch mit einem jungen Mann, als sein Handy klingelte. Ich war dabei und habe mitanhören müssen, wie seine alte Mutter in ihrer Panik mit ihm sprach, während ihre Straße unter Beschuss genommen und zerbombt wurde. Die Mutter ist allein mit der vielleicht zwei Jahre alten Tochter des Mannes zurückgeblieben. Und jetzt muss er hören, wie sie in Todesgefahr sind und kann ihnen nicht helfen“, sagt er und muss das Gespräch dann unterbrechen. Zu nahe geht ihm die Erinnerung.

„Aggressivität ist keine Lösung und niemals wird sie vom Islam legitimiert. Aber ich kann verstehen, dass die Männer so reagieren. Einige von ihnen schlafen nicht mehr, aus Angst, in der Zeit könnte ihren Familien etwas passieren. Andere flüchten in den Alkohol, um zu vergessen. Und beides macht irgendwann aggressiv.“ Wie dem Herr zu werden ist, weiß er nicht. Und vermutlich wird es darauf auch keine Antwort geben, solange im fernen Osten der Krieg tobt und täglich auf furchtbare Weise Leben auslöscht.

Flüchtlinge und Einheimische in Kontakt zu bringen, ist schwer

Auch Sabrin Semmo hat Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht, wenn auch viel weniger dramatische. Einige von ihnen waren in der Turnhalle neben der Schule ihres Sohnes einquartiert. „Ich habe ihm zuerst verboten, zu zeigen, dass er arabisch versteht, weil ich nicht wollte, dass er mit ihnen in Kontakt kommt“, gibt sie zu und wirkt verlegen. Sie, die doch immer gegen jede Art von Ungerechtigkeit kämpft, ist für einen Moment Opfer ihrer eigenen Ängste geworden. Zum Glück teilte Mustafa sie nicht. „Er ist neugierig und hat natürlich doch schnell Kontakte geschlossen“, sagt sie und lacht. Heute organisiert sie Grillfeste mit, die helfen sollen, Flüchtlinge und Anwohner in Kontakt zu bringen. Genutzt hat es wenig. „Die, die sich am lautesten über die Flüchtlinge und ihre Unterbringung in unserer Gegend aufregen, sind die, die zu solchen Veranstaltungen niemals auftauchen“, sagt sie.

Sie versucht zu vermitteln, ist dafür gut geeignet: In Deutschland geboren und aufgewachsen, Tochter eingewanderter Libanesen. Ihr eigener Freundeskreis besteht aus Menschen ganz unterschiedlicher Nationalität und Religion. Sabrin Semmo spricht deutsch – mit ihren Kindern und auch sonst meistens. Arabisch, die Sprache ihrer Eltern, spricht sie aber ebenso fließend. Sie klinge dabei nur „seltsam“, sagt sie und lacht dann. Sie könne einen bestimmten Laut, ein „K“, das tief in der Kehle gebildet wird, einfach nicht richtig sprechen. „Das kommt aber in jedem zweiten Satz vor“, sagt sie und man hört ihr den Frust an. Auch deshalb sollen die Jungs früh die Sprache ihrer Großeltern lernen. Die stammen aus dem Libanon und leben ein eher traditionelles Rollenbild. Auch in Sabrins Jugend gab es diese Situationen, die wir heute mit Islam verbinden – und die uns dieses unbehagliche Gefühl im Bauch verursachen: Allein abends das Haus verlassen? Kurze Röcke und enge Kleidung tragen? Alles schwierig. Tat sie nicht. Und ärgerte sich doch über die Einschränkungen. Damals. „Heute weiß ich, dass sich viel davon nur in meinem Kopf abspielte. Es gab nie ein Ausgehverbot durch meine Familie, ebenso wenig wie Bekleidungsvorschriften, aber in meinem Kopf gab es dieses Bild davon, was ein anständiges Mädchen tut und was nicht“, sagt sie heute. Sie hat ihren eigenen Weg gefunden, ihre persönliche Freiheit zu erhalten und trotzdem eine „gute Muslima“ zu sein.

Zwischen Kopftuch, Burka und Burkini

Sie weiß, dass ihre körperbetonte Kleidung und ihr Make up bei einigen Muslimen nicht gut ankommen. Als wir darüber reden und die Sprache auch auf die Vollverschleierung kommt, reckt sie angriffslustig das Kinn. „Es gibt im Islam keine Regel, die einen Gesichtsschleier vorschreibt und es ist keine Sünde, ihn nicht zu tragen. Also warum tun diese Frauen das hier in Deutschland? Soll das eine Provokation sein? Dann verstehe ich den Grund dafür nicht!“, sagt sie und ihre Stimme wird immer lauter.

Ihr Kopftuch, findet sie, falle in eine andere Kategorie. „Ich zeige mein Gesicht, man hört mich nicht nur, wenn ich rede, sondern man sieht mich auch. Das finde ich wichtig.“ Außerdem beantworte sie gerne jederzeit jede Frage, die andere Menschen zu ihrer Religion und auch zu ihrer Kleidung hätten, sagt sie. Vollverschleierte Frauen täten das ihrer Erfahrung nicht. Sie schotteten sich bewusst ab. Deshalb finde sie es auch schwer auszuhalten, wenn die Burka – also der Ganzkörper- und Gesichtsschleier und der Burkini, der Badeanzug mit integriertem Kopftuch und langen Armen und Beinen, in einen Topf geworfen würden. Burka würde sie nie tragen, den Burkini finde sie super. „So können meine Jungs mit ihrer Mutter Spaß im Bad haben und das ist für mich das Wichtigste!“ Dafür nehme sie auch seltsame Blicke und Getuschel in Kauf – und freue sich, wenn Kinder auf sie zukämen und neugierig nach ihrer „komischen“ Kleidung fragten. „Ich beantworte dann jede einzelne Frage – auch wenn ich sie schon hundertmal gehört habe und vielleicht seltsam finde. Aber so lernen meine Söhne, dass wir zwar anders leben als viele andere Menschen in Deutschland, uns aber nicht abgrenzen, nicht isolieren und uns auch nicht für etwas Besseres halten.“

Ein guter Mensch sein – nicht „gut angezogen“ sein

Letzteres, sagt sie, sei ein ganz wichtiger Punkt. Im Islam gehe es vereinfacht darum, ein guter Mensch zu sein. „Wenn ich also Kopftuch trage und meine Nachbarin kurze Shorts und ein Trägertop sagt das doch nichts darüber aus, ob ich ein besserer Mensch bin. Vielleicht hat sie heute schon anderen Menschen geholfen – oder ihnen ein Lächeln geschenkt. Dann ist sie vielleicht viel weiter als ich“, sagt sie.

Als ich diese Episode später Krim Seghiri erzähle, lächelt er und nickt. Menschen gut zu behandeln, sei ein Kern seiner Religion, sagt er. „Gastfreundschaft zum Beispiel ist etwas, was uns nicht nur empfohlen wird, sondern uns als Pflicht auferlegt ist. Ein Gast muss verwöhnt und wie ein König behandelt werden.“ Vielleicht sollten deutsche und muslimische Nachbarn einander also einfach ab und an zu Gästen machen.

Ein Gedanke zu &8222;#StolzTexte: „Zuhause nebenan – Muslime in Deutschland“&8220;

  1. Liebe Anita

    Vielen Dank für diesen sehr berührenden Artikel zu einem wichtigen Thema.

    Besonders das was Sabrina Semmo sagt finde ich spannend. Dass sie zu sich steht, sich kleidet wie es ihr gefällt und den Mut hat, zu sagen was sie denkt. Ich wünsche mir mehr solche Frauen.

    Ich habe gerade eine Tunesierin kennengelernt, die „den Islam durchbrochen hat“, wie sie sagt. Sie wollte sich den Regeln nicht mehr unterwerfen, will frei leben und selbst entscheiden mit wem sie zusammen leben möchte. Es war ein sehr harter Weg. Jetzt unterstützt sie Frauen in der gleichen Situation und begleitet sie auf ihrem Weg. Sehr mutig.

    Herzlich
    Moni

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