Warum eine Pressereise sehr wohl Arbeit ist – und die Berichterstattung darüber auch objektiv sein kann.

Vergangene Woche war ich an der Nordsee. Auf Pressereise. Sagt man das in bestimmter Runde, erntet man stets gleichen zwei Vorwürfe:

  1. Da kannst du doch nicht mehr objektiv berichten.
  2. Das ist doch keine Arbeit.

An beidem ist was dran. Richtig ist trotzdem keiner dieser Vorwürfe. Eine Pressereise ist eine Reise, die von Touristikunternehmen, Regionalmarketingverbünden oder Reiseveranstaltern angeboten werden – für Journalisten und Blogger. Die Teilnehmer bekommen ein volles Programm, sehen und erfahren viel, können Interviews und Fotos machen und müssen sich um nichts kümmern – auch nicht um die Bezahlung dieser Reise. An- und Abfahrt, Unterkunft, Verpflegung, Eintritte, Transfers – alles wird bezahlt vom Veranstalter. Und weil die natürlich ein Interesse daran haben, dass die Teilnehmer möglichst positiv über ihre Region berichten, werden die Journalisten nicht gerade in den billigsten Absteigen untergebracht und zu McDonalds gekarrt. Daraus resultiert der erste Vorwurf.

Und klar, so viel Luxus und Zuvorkommenheit kann korrumpieren. Aber das ist ein Thema, für das die Medienbranche seit einigen Jahren extrem sensibilisiert ist. Auch bei der Pressereise an die Nordsee waren die Teilnehmer sich der Gefahr bewusst – und jeder betonte, dass er sehr bewusst auch schreiben würde, wenn ihm etwas nicht gefällt (In diesem und meinem Fall übrigens das Museum „Leben am Meer“ in Esens – hübsch in einer Windmühle und mit einigen interessanten Ansätzen, aber leider ziemlich in die Jahre gekommen und chaotisch im Konzept).

Vorwurf Nummer zwei hängt mit dem ersten zusammen: Man könne doch eine solche Reise nicht als Arbeit bezeichnen, höre ich oft. Ich verstehe das sogar – vor allem, wenn der Vorwurf von Menschen kommt, die selbst nicht journalistisch arbeiten. Die sehen vor allem das Programm: Diese Rundreise von Norddeich über Norderney und Juist zum Beispiel bis nach Esen, Bensersiel und Langeoog. Wenn man liest, dass auf dem Programm Radtouren, Wattwanderungen, Teezeremonien, Museumsbesuche und gute Abendessen stehen, dann klingt das wie ein schönes Ferienprogramm. Und ja, natürlich auch mir macht das Spaß. Ich genieße das und habe mir auch den Kopf frei pusten lassen und dabei neue Energie getankt.

Aber im Gegensatz zu einem Urlaub sind das Effekte, die bei einer Pressereise nur nebenbei mit Glück abfallen. Sie stehen weder im Mittelpunkt, noch sind sie vorrangiges Ziel. Ein weiterer Unterschied: Ich entscheide nicht selbst, wann ich was tue, wie viel Zeit ich damit verbringe und wann ich damit loslege. Das entscheidet der Veranstalter und weil die Zeit auf Pressereisen gewöhnlich knapp ist, ist das Programm voll. Von 8 bis 22 Uhr kann so ein Tag schon mal dauern. Und die meiste Zeit davon verbringt man hochkonzentriert, hört zu, fragt nach, schreibt mit, sucht nach den besten Bildern, sortiert und strukturiert Notizen, plant Zusatzrecherchen und die Veröffentlichung. Das schlaucht. Und ist ganz entschieden Arbeit. Aber eben eine, die besonders viel Spaß macht.

Natürlich, man könnte auch einfach Urlaub machen – und später darüber schreiben. Aber das halte ich persönlich aus zwei Gründen für keine gute Idee (und bei mir kommt noch ein dritter hinzu: Mein Mann würde mir was husten!):

  1. Wie eine Kollegin kürzlich sagte: „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps!“ Beides zu vermischen, führt nur dazu, dass man sich im Urlaub eben nicht erholt, weil man gedanklich bei jedem Ausflug und in jedem Hotel oder Restaurant Notizen macht, um später nichts zu vergessen, wenn es um den Text geht.
  2. Wollte man ein Programm, wie es auf einer Pressereise vorbereitet ist, selbst organisieren, wäre das mit extrem viel Aufwand im Vorfeld verbunden, denn es gilt, viele unterschiedliche Ansprechpartner unter einen Hut zu bringen und zur Zusammenarbeit zu motivieren (was vermutlich auch nur bedingt gelänge). Es würde also Zeit – und auch viel Geld – kosten, auf eigene Faust eine solche Reise zu stemmen. Oder man müsste eben auf einige, vielleicht ganz besondere, Programmpunkte verzichten, weil man dazu allein keinen Zugang bekäme.

Deshalb habe ich an dieser Pressereise an die Nordsee teilgenommen – und werde das auch für andere Destinationen nutzen, wenn es sich anbietet. Auf diese Weise sammle ich in einer Woche so viel Input und Inspiration wie sonst nur in vielen Monaten. Von der Nordsee zum Beispiel bringe ich eine Reportage über das Wattenmeer mit (persönlicher Tipp: Unbedingt Wattwanderung mit Heino auf Juist buchen!), aber auch eine Themenidee für eine große Geschichte über Tee (Nicht nur die Japaner haben eine Teezeremonie, die Ostfriesen auch – kann man in Bensersiel in der Saison einmal pro Woche mitmachen, kostet weniger als ein Fast-Food-Menü und ist wesentlich entspannender und zugleich unterhaltsamer). Und sogar für die Bastelseiten, die ich jede Woche für diverse Tageszeitungen in Bayern und Thüringen schreibe, könnte diese Reise interessant gewesen sein – weil sich auf Langeoog inzwischen ein regelrechter Kreativtourismus etabliert (und hier auch jeder Urlauber mit einer passenden Idee selbst Kreativkurse anbieten und damit was zur Urlaubskasse dazu verdienen kann, wenn die Gemeinde zustimmt).

Wie man Podiumsdiskussionen durch etwas viel Interessanteres ersetzen kann

Ich bin seit fast sechs Jahren Landesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes hier in Thüringen. Ehrenamtlich. Passiert halt, wenn man es doof findet, zu meckern, ohne selbst was zu tun. Ist auch an sich gar nicht schlimm. Ich mache gern ab und zu (Medien)Politik und vor allem bin ich wirklich, wirklich gern Chefin – auch im Ehrenamt. Man kann damit zwar die Welt nicht ändern, aber ich kann zumindest hier und da Impulse setzen, die vielleicht irgendwann zu etwas Größerem werden. Nur eine Sache gibt es an diesem Amt, die mich wahnsinnig macht: Ich bin relativ häufig auf Konferenzen, Fachtagen oder sonstigen Veranstaltungen und alle, also wirklich alle, eröffnen oder schließen sie mit einer Podiumsdiskussion. Und ich verstehe nicht, warum!

Es gibt wirklich wenig Diskussionsformate, die ineffektiver, langweiliger und damit sinnloser sind als eine Podiumsdiskussion. Warum? Darum:

  1. Auf den Podien, die ich kenne, sitzen immer viel zu viele Diskutanten. Üblicherweise hat der Moderator eine Stunde, um mit den Teilnehmern zu sprechen, dann kommt die Fragerunde mit dem Publikum. Wenn da oben aber sechs, sieben oder acht Diskutanten sitzen, dann kommen die in einer Stunde vielleicht zweimal dran. Und weil jeder mal drankommen soll, kann keiner wirklich in die Tiefe gehen. Erkenntnisgewinn für Diskutanten und Publikum ist damit am Ende gleich Null.
  2. Podiumsdiskussionen sind selten kontrovers. Das hängt mit Punkt eins zusammen. Um sich ordentlich zu streiten – und zwar inhaltlich – brauchen zwei Menschen Zeit. Das kann sehr interessant sein – aber die restlichen vier Teilnehmer auf dem Podium sitzen in dieser Zeit blöd rum. Also wird der Moderator einen Streit früher oder später abbrechen.
  3. Podiumsdiskussionen bringen selten Neues. Auch das liegt an den Teilnehmern. Jetzt mal im Ernst: Wer ein paar Podien zum selben Thema besucht hat, sieht dort auch immer dieselben Diskutanten. Man kennt sich. Damit kennt man aber auch die Positionen und Argumente der anderen. Und das gilt eben nicht nur für die Podiumsteilnehmer, sondern auch für das Publikum. Und weil die Form dieser Diskussion zu bekannt und eingeschliffen ist, kommen auch in der zehnten Podiumsdiskussion nicht plötzlich neue Erkenntnisse und Argumente, sondern der ewig gleiche Senf.

Dabei gibt es Alternativen. Natürlich ist nicht jeder meiner folgenden Vorschläge für alle Tagungsarten, alle Zielgruppen und alle Themen geeignet. Und manchmal mag eine Podiumsdiskussion wirklich das richtige Mittel sein. Aber IMMER lohnt es, vorher darüber nachzudenken, ob das so ist – oder ob es nicht unterhaltsamerer und zugleich effektivere Methoden gibt, sich über ein Thema auszutauschen. Diese hier zum Beispiel:

Fish Bowl

Die Fish-Bowl-Methode ist wahrscheinlich aktuell eine der beliebtesten Alternativen. Das Problem dabei: Es gibt keinen Moderator und funktioniert nur, wenn das Publikum sich wirklich selbst reguliert, also Viel- und Blödsinn-Redner konsequent „ersetzt“.

Die Fish Bowl hat ihren Namen von der Anordnung der Teilnehmer: Es gibt einen inneren und einen äußeren Stuhlkreis. Innen sitzen – mit dem Gesicht zueinander – die Ursprungsdiskutanten, außen das Publikum. Wie in einem Fischglas, der Fish Bowl, eben.

Zum Vorgehen: Der innere Kreis beginnt zu diskutieren. Aber jeder aus dem Publikum kann jederzeit in die Diskussion einsteigen, indem er sich auf einen freien Stuhl oder hinter den eines Diskutanten stellt. Der darf dann seinen Satz noch beenden und muss dann den inneren Kreis verlassen. Der Publikumsteilnehmer nimmt seinen Platz ein und bringt seinen Beitrag. Er bleibt im Kreis, bis er abgelöst wird oder von selbst geht, weil er nichts mehr beitragen kann. Um mehr Dynamik in die Diskussion zu bringen, kann im Innenkreis am Anfang ein Stuhl mehr stehen, als Diskutanten da sind. So muss der erste Teilnehmer aus dem Publikum nicht warten, bis ein Stuhl frei wird und er muss auch niemanden „rauswerfen“, um teilnehmen zu können.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Durch diese Methode ist das Publikum maximal eingebunden, wenn es das will. Und durch das Unerwartete bekommt die Diskussion im besten Falle Spannung und neue Perspektiven. Allerdings besteht eben immer auch die Gefahr, dass sich niemand traut, sich zu beteiligen oder die Diskussion, weil sie unmoderiert ist, mäandert und sich in unwichtigen Details verliert.

Worldcafé

Das Worldcafé, oder auf deutsch: Weltcafé, heißt so, weil es wie eine Reise konzipiert ist. Im Mittelpunkt stehen Tische und zwar so viele, wie es Themen oder Fragen zu diskutieren gibt. An jedem Tisch gibt es einen Gastgeber – das könnten die Experten sein, die sonst sich und das Publikum in einer simplen Podiumsdiskussion langweilen würden. Das Publikum wird in Kleingruppen von maximal sechs Personen aufgeteilt und auf die Tische verteilt. Dort wird jeweils ein Thema – an jedem Tisch ein anderes – etwa 20 Minuten diskutiert, dann gibt es das Signal zum Wechsel. Die Gastgeber bleiben an ihren Tischen und fassen für die nächste Gruppe kurz den Diskussionsstand der Vorgänger zusammen. Die Teilnehmer berichten, was aus den vorherigen Stationen hier für das Thema interessant sein könnte. So wird weiter diskutiert, wobei die Ergebnisse der Vorgänger eingebunden und entwickelt werden können. Am Ende präsentieren die Gastgeber der Tische die Ergebnisse im Plenum, wenn das gewünscht ist.

Ein bisschen schwieriger wird diese Methoden, wenn es sehr viele Teilnehmer gibt. In diesem Fall lässt sich das auf zwei Arten lösen: Entweder werden Tische und damit Themen gedoppelt – zu einer Fragestellung gibt es also zwei oder drei Tische. So können alle Teilnehmer gleichzeitig diskutieren, man braucht aber genug Gastgeber, um die Tische qualifiziert zu besetzen. Alternativ kann ein Teil der Gäste am Worldcafé teilnehmen, während der Rest in anderen Foren und Formen wie Arbeitsgruppen oder der stummen Diskussion arbeitet.

Stumme Diskussion

Ich bin ja ein bekennender Fan der Brain-Writing-Methode. Die stumme Diskussion ist im Prinzip genau das Gleiche, nur eben in großer Runde und öffentlich. Dafür wird das Oberthema der Veranstaltung in einzelne Fragestellungen unterteilt. Die werden jeweils auf große Plakate/Flipchartbögen geschrieben und im Raum verteilt. Die Teilnehmer laufen nun diese Stationen ab, schreiben zu jeder Frage ihre Gedanken auf die Blätter und kommentieren beziehungsweise ergänzen die Statements der anderen. Dabei können Symbole wie Frage- und Ausrufezeichen oder der Blitz anzeigen, zu welchem Thema die anderen Teilnehmer Fragen haben, zustimmen oder Widerspruch anmelden wollen. Nur eines ist in dieser Phase nicht erlaubt: das Reden. Die Teilnehmer dürfen sich beim Schreiben nicht austauschen. So soll verhindert werden, dass Thesen schon verworfen werden, bevor sie überhaupt zu Ende gedacht werden konnten.

Sind alle Stationen von allen bearbeitet, können die Ergebnisse die Grundlage für die weitere Arbeit sein. Zum Beispiel könnten die Experten, die sonst in der Podiumsdiskussion gesessen hätten, Arbeitsgruppen zu einzelnen dieser Untergruppen leiten, in denen es in die Tiefe geht und Lösungsvorschläge erarbeitet werden.

Blitzthesen

Vier Diskutanten, ein halbes Dutzend Thesen und eine Stoppuhr – das ist eine sehr schnelle Methode, Themen zu beleuchten. Die vier Teilnehmer werden in zwei Gruppen eingeteilt: Zwei Teilnehmer vertreten immer die Pro-, zwei die Contra-Seite. Der Moderator liest dann die erste These vor (optimalerweise wird die irgendwo projiziert zum Nachlesen) und fordert den ersten Teilnehmer auf, dafür oder dagegen zu argumentieren – je nachdem, ob er in der Pro- oder Contragruppe ist. Dabei hat er aber für seine Antwort nur 30 Sekunden Zeit. Je nach Anzahl der Thesen und geplanter Dauer kann pro These immer nur ein Diskutant aus jeder Gruppe zu Wort kommen – oder beide.

Das habe ich dieses Jahr beim Branchentag der Thüringer Kreativwirtschaft zum ersten Mal erlebt – als Teilnehmerin. Das ist anstrengend, aber auch sehr unterhaltsam und kann ganz neue Perspektiven eröffnen, weil die Teilnehmer keine Zeit haben, ihre Antworten lange zu filtern.

Planspiel

Bei einem Planspiel schlüpfen die Teilnehmer in verschiedene Rollen und versuchen in diesen Problemstellungen zu lösen. Das soll helfen, Dinge aus einer neuen Perspektive zu sehen und kann zum Beispiel Verständnis für die Entscheidungen und Handlungen anderer wecken. Sie kennen das System sicher: Wer schon mal ein Assessment Center durchlaufen musste, um einen neuen Job zu bekommen, dürfte damit vertraut sein. Sehr häufig bekommen kleine Bewerbergruppen dann eine Situation, die sie gemeinsam lösen müssen. Auch in der Politik gibt es Planspiele. So können Schüler in die Rollen internationaler Politiker schlüpfen und die Probleme der Weltpolitik diskutieren.

Als Alternative zur Podiumsdiskussion sehe ich zwei Möglichkeiten: Entweder, indem wirklich das komplette Publikum in kleine Gruppen aufgeteilt und mit unterschiedlichen Problemstellungen aus dem Oberthema versorgt wird. In der Gruupe werden die Rollen verteilt und die Teilnehmer achten selbst darauf, dass jeder wirklich in seiner Rolle bleibt und nur daraus argumentiert. Wenn es um die Zukunft der Medien und des Journalismus geht – ein beliebtes Thema der Podien, die ich besuche – könnt einer zum Beispiel Verlagsmanager sein, einer Redakteur, einer Freier Journalist, einer Volontär oder Student, einer Medienpolitiker, einer Drucker, einer Bankmanager…

Alternativ kann man auch aus einer klassischen Podiumsdiskussion ein Planspiel machen – wenn sich die Teilnehmer darauf einlassen. Um im Beispiel zu bleiben, sitzen auf diesen Medienpodien immer ein Medienmanager, mindestens zwei Journalisten und Verbandsvertreter. Der Moderator könnte nun daraus ein Planspiel machen, indem er die Teilnehmer auffordert, jeweils die Rolle eines anderen Teilnehmers zu übernehmen.

Open Space-Konferenz

Eine extrem aufwendige Form, die zudem steht und fällt mit dem Engagement des Publikums. Aber wenn alle mitziehen, kann damit jeder maximale Ergebnisse mit nach Hause nehmen. Bei einer Open-Space-Konferenz gibt es keine Tagesordnung. Die entsteht erst mit den Teilnehmern. In einem ersten Plenum werden die Themen und Fragestellungen der Teilnehmer zum entsprechenden Oberthema gesammelt und zu Arbeitsaufträgen gebündelt. Daraus entstehen dann Arbeitsgruppen, die sich in einem festgelegten Zeitfenster mit je einem dieser Unterthemen beschäftigt. Jeder kann frei wählen, welche Arbeitsgruppen er besucht. Denkbar ist auch, dass jeder jederzeit die Gruppe wechseln kann. So kommt innerhalb der Arbeitszeit ständig neuer Input dazu, allerdings kann es auch die Arbeitsgruppe sprengen, weil man nie zu einer Struktur und einem Ergebnis kommt. Abschließend werden die Ergebnisse der Arbeitsgruppen im Plenum präsentiert und diskutiert.

Und wenn es dann doch unbedingt eine Podiumsdiskussion sein muss, hier noch ein Tipp an die Moderatoren (die übrigens den härtesten Job überhaupt haben): Einfach mal Fragen wie ein Kind und die Warum- oder Wie-Kaskade ausprobieren. Natürlich nicht eine ganze Stunde lang, aber ab und an ist das eine wirklich einfache und effektive Methode, inhaltlich ein bisschen mehr in die Tiefe zu kommen.

Blogparade: Der weibliche Weg zum Erfolg

Kürzlich bin ich in einer Facebook-Gruppe über eine Blogparade gestolpert, in der es um „weiblichen“ Erfolg geht. Mit solchen Gender-Zuschreibungen tue ich mich furchtbar schwer. Ich bin kein Verfechter der Frauenquote und halte auch nicht viel von Ratgebern, die sich auf die männliche oder eben weibliche Art etwas zu tun fokussieren. Als wäre das Geschlecht ein Malus, den es zu überwinden gälte – oder eine Geheimwaffe, die man nur zu nutzen lernen müsse. Beides halte ich für Unsinn. Trotzdem: Seit ich von dieser Blogparade unter dem Titel „Der weibliche Weg zum Erfolg“ gelesen habe, geht mir das nicht mehr aus dem Kopf und ich habe mich also entschlossen, selbst teilzunehmen.

Männlichen Erfolg kann man zählen, weiblichen hören

Ich glaube, ob Erfolg männlich oder weiblich ist, hängt gar nicht so sehr mit den Dingen zusammen, die man tut oder sagt, um erfolgreich zu sein. Meiner Meinung nach ist der einzige Unterschied die Definition von Erfolg, denn darin unterscheiden sich Frauen (immer noch) häufig von vielen Männern, habe ich beobachtet.

Männlicher Erfolg lässt sich zählen. Ein Mann definiert sich als erfolgreich über das Gehalt oder den Umsatz, über die Zahl der Aufträge, die Position im Unternehmen, den Titel auf der Visitenkarte. Viele Frauen haben nach wie vor das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen, wenn sie das Gleiche anstreben, weil es so „unweiblich“ ist. Sie definieren ihren Erfolg eher über das Lob der Anderen, die Zahl der Weiterempfehlungen und manchmal sogar über die Zahl der Überstunden (wobei auch Männer die zum Prahlen nutzen, überarbeitet zu sein, ist derzeit sehr in und unsinnigerweise ein Erfolgssymbol).

Nicht der weibliche Weg, aber MEIN Weg

Ich bin mit Komplextext noch lange nicht da, wo ich mal sein möchte. Aber ich empfinde mich dennoch auch heute schon als erfolgreich. Aber bin ich anders erfolgreich als meine männlichen Texterkollegen? Ja, ich bin stärker auf Harmonie bedacht als viele von ihnen. Auch wenn ein Kunde oder Geschäftspartner Forderungen stellt, die an Unverschämtheit grenzen, schimpfe ich lange nur im (leeren) Büro allein vor mich hin, bevor ich den Konflikt (und damit eine Lösung) suche. Macht mich das weniger erfolgreich? Ich glaube nicht, denn ausschlaggebend ist, DASS ich den Konflikt annehme – nicht, WANN ich das tue.

Ich glaube nicht, dass Erfolg davon abhängt, ob ich einen weiblichen oder einen männlichen Weg gehe. Er hängt davon ab, ob ich MEINEN Weg finde. Ich muss mich mit dem, was ich verkaufe und den Konditionen, zu denen ich es anbiete, wohl fühlen. Nur dann kann ich authentisch und selbstbewusst auftreten – und erfolgreich sein. MEIN Weg zum Erfolg war mit folgenden Lektionen gepflastert:

  1. Keine Dumpinghonorare!

Der schlimmste Fehler, den ich im Laufe meiner Selbstständigkeit je gemacht habe: Am Anfang habe ich mich auf Honorare eingelassen, die nicht mal die Spritkosten für die Fahrt zum Briefing und zurück deckten. Warum? Weil ich zum einen keine (brauchbare) Kalkulation für meine Stunden- und Tagessätze gemacht hatte. Und zum anderen, weil ich vor lauter Panik, nicht genug zu verdienen, um davon zu leben, einfach jeden Auftrag angenommen habe.

Klar, am Anfang braucht man Referenzen und marktangemessene Preise durchzusetzen ohne jede Erfahrung ist schwierig. Aber: Einmal zu niedrig angesetzte Honorare später auf ein ordentliches Niveau zu bringen, ist beinahe unmöglich. Deshalb: Keine Dumpinghonorare!

Das hat noch einen weiteren Vorteil: Wenn ich bei 90 Prozent aller Aufträge angemessene Preise erziele, kann ich mir ein- oder zweimal im Jahr auch ein schlecht- oder unbezahltes Herzensprojekt gönnen.

  1. Netzwerken, Netzwerken, Netzwerken!

In meiner Branche haben viele Kollegen eine Heidenangst davor, sich zu vernetzen. Wenn sie einem anderen Texter einen Auftrag vermitteln oder ihn als Projektpartner ins Boot holen, befürchten sie, von ihm ausgebootet zu werden. Die Erfahrung (und der gesunde Menschenverstand) zeigt aber, dass das quasi nie passiert. Warum auch? Die Branche ist überschaubar, man kennt sich – und sei es nur über drei Ecken – und es spricht sich schlichtweg herum, wenn jemand ständig Kollegen verdrängt oder über den Tisch zieht. Derjenige steht sehr schnell selbst ohne Netzwerk und damit auch ohne Autragsnachschub da.

Die Ängste sind also zumindest übertrieben. Die Vorteile, die ein gutes Netzwerk mit sich bringt, werden dagegen immer noch oft unterschätzt. Wenn ich eine Flaute erlebt habe, fand ich den Weg heraus nie über Akquise (auch weil ich unfassbar unbegabt auf diesem Gebiet bin), sondern immer über mein Kollegen-Netzwerk, in dem ich dann gestreut habe, dass ich freie Kapazitäten und Lust auf neue Aufträge hätte. Das hat nicht immer sofort funktioniert, aber es hat funktioniert – und häufig sind daraus nicht nur einmalige, sondern auch langfristige Zusammenarbeiten entstanden.

Darüber hinaus habe ich mein Netzwerk auch auf Personen aus verwandten Branchen ausgeweitet, bin also gut vernetzt mit Fotografen, Webdesignern oder Grafikern, denn häufig kommt es vor, dass ein Kunde ein Projekt am liebsten als Ganzes vergeben will, um nur einen Ansprechpartner zu haben. Ich habe von Bereichen, die ans Texten grenzen, zwar Ahnung, aber ich bin darin kein Experte. Also sammle ich Experten um mich herum – und kann dem Kunden das Gesamtpaket zu optimaler Qualität anbieten.

  1. Ich muss nicht alles selber können!

„Du musst nicht alles selber können!“ Das hat mal ein Kommilitone zu mir gesagt. Damals ging es um eine Excel-Tabelle (Excel und ich – wir sind bis heute keine engen Freunde.), aber die Lektion hat sich festgesetzt. Man ist nicht erfolgreich, wenn man alles selbst macht. Erfolg ist, zu wissen, worin man so gut ist, dass es sich lohnt, seine Zeit genau in diese Aufgaben zu investieren – und andere zu delegieren. Dinge, die ich zum Beispiel abgegeben habe, weil ich darin nicht gut bin (und/oder sie mich wahnsinnig machen): Alles, was mit Steuern zu tun hat und alles, was nötig ist, damit ein Rechner oder eine sonstige Maschine mit einer Macke wieder richtig läuft. In der Zeit, in der mein Steuerbüro meine Buchhaltung macht oder der IT-Mann meinen Rechner wieder zum Laufen bringt, kann ich mich um mein Unternehmen, meine Aufträge und Auftraggeber – oder diesen Blog – kümmern. Davon haben wir alle was.

  1. Nische finden!

Gegen diese Lektion habe ich mich sehr lange gewehrt. Ich bin Journalistin geworden, um mich nicht festlegen zu müssen, fand es toll, dass ich jeden Tag etwas Neues sehen, erfahren, ausprobieren, lernen konnte. Entsprechend habe ich ein paar Jahre nach Beginn meiner Selbstständigkeit einen ganzen Bauchladen an Angeboten mit mir herumgetragen: Texten, Fotografieren, Layouten, Social-Media-Management, Lektorieren, Reden schreiben, Seminare geben – alles, was ich spannend fand, habe ich ausprobiert und schließlich auch meinen Kunden angeboten. Immer im Glauben: Je mehr ich anbiete, desto mehr verkaufe ich auch.

Das war ein kolossaler Trugschluss. Es ist vielmehr wie bei einem Handwerker: Wenn Sie Ihr Bad fliesen lassen wollen und der Fliesenleger Ihnen versichert, er könne genauso gut auch noch Ihr Dach decken und die elektrischen Leitungen neu verlegen, würden Sie ihm ja auch kein Wort glauben (egal, ob er für all diese Gewerke Zusatzqualifikationen nachweisen kann oder nicht). Wahrscheinlich würden Sie vielmehr anfangen, auch an seinen Fähigkeiten als Fliesenleger zu zweifeln. So ungefähr ging mir das auch. Bis ich mit Komplextext einen Neuanfang mit neuer – streng fokussierter – Ausrichtung wagte.

Meine Nische ist der Text – aber eben auch alles, was dazu gehört. Ich biete Fotografie- und Grafikdienstleistungen nicht mehr aktiv an (profitiere von der Qualifikation aber trotzdem und sei es nur, weil ich meine Geschäftsausstattung selbst produzieren kann), dafür aber alles rund um das professionelle Texten. Das sind Schreibwerkstätten und Seminare ebenso wie Texte für Website oder Social-Media-Kanäle. Text – das bin ich, ohne dass ich mich dabei allzu sehr einengen muss. Und das fühlt sich genau richtig an, was auch meine Auftraggeber merken.

Und noch einen Vorteil hat diese klare Fokussierung: Ich bin für potenzielle Auftraggeber viel leichter zu finden, denn die googeln im Zweifel nach „Texter“ und vielleicht noch der geografischen Nähe. Darunter hat man mich früher vergeblich gesucht. Heute ist das anders.

  1. An die Zukunft denken!

Dass man als Unternehmerin die Zahlen im Blick haben muss, ist nicht gerade das, was ich als die schönste Seite meines Jobs bezeichnen würde. Aber über die Jahre habe ich gelernt, dass es trotzdem wichtig ist. So bequem es ist, die Buchhaltung und den Steuerkram auszulagern: Ich habe trotzdem immer einen Überblick über meine Zahlen und bilde Rücklagen für alle relevanten Belange.

Das meint zum einen so kleine Dinge wie die Versicherung, die nur einmal im Jahr abbucht. Wenn ich jeden Monat einen kleinen Betrag dafür zurücklege, tut die große Abbuchung im Januar (einem der umsatzschwächsten Monate in der Regel) nicht so weh. Das meint aber auch große, weit in die Zukunft gedachte, Rücklagen wie für die Altersvorsorge oder auch für ein neues Auto, eine teure Weiterbildung oder neues Equipement. Wenn ich jeden Monat ein bisschen dafür abzweige, schlafe ich ruhiger – auch wenn ein Monat mal nicht so prickelnd läuft. Allerdings müssen diese Rücklagen dafür auch sicher sein. Wer also dazu neigt, Geld auszugeben, wenn es da ist, sollte für die Rücklagen ein eigenes, separates Konto anlegen.

  1. Auszeiten nicht nur planen, sondern auch nehmen!

Dieser Fehler hätte mich vor ein paar Jahren beinahe ins Verderben gestürzt. Auszeiten für den Sport, den Stadtbummel oder den Spaziergang habe ich mir immer eingeplant – die standen sogar fest im Kalender. Und waren das Erste, was daraus verschwand, sobald es stressig wurde. Ich habe nie weniger wichtige Termine mit anderen abgesagt, sondern immer die, die ich nur mit mir und für mich eingetragen hatte. Eine Zeit geht das gut, aber irgendwann fordern Körper und Seele ihren Tribut für diesen Raubbau. Ich muss mich noch immer ziemlich zusammenreißen, um diesen Fehler nicht zu wiederholen, aber mir half ein Umdenken: Ich bin es nicht nur mir schuldig, für Ausgleich und Erholung zu sorgen, sondern auch meinen Kunden. Die bezahlen schließlich ordentliches Geld und dürfen dafür auch eine sehr gute Leistung erwarten. Die kann ich aber nur bringen, wenn ich ausgeruht und voller Energie bin.

#starkesUrheberrecht – Mein Beitrag zur Blogparade

Gerade beschloss der Bundesrat ein neues Urheberrechtsgesetz, das für die, die es eigentlich schützen soll, eine Katastrophe ist. Warum, erklärt der DJV Thüringen hier und startet unter #starkesUrheberrecht gleich eine Blogparade zum Thema muss – in der Hoffnung, vielleicht das Gesetz im Bundestag noch zu stoppen. Gefragt sind Beiträge, die sich mit der Frage beschäftigten, warum wir ein starkes Urheberrecht brauchen und wie das aussehen muss. Als Landesvorsitzende des DJV habe ich den Auftaktbeitrag geschrieben. Als freiberufliche Texterin schreibe ich jetzt diesen, ganz persönlichen Post.

Dumping-Honorare und Buy-out-Verträge

Vor ein paar Jahren verhandelte ich meinen Honorarvertrag mit einer der großen Thüringer Tageszeitungen neu. Meine Forderungen: Ich wollte für Beiträge, die auch in anderen Titeln der Mediengruppe veröffentlicht werden, auch zusätzliches Honorar. Was ich dagegen nicht mehr wollte, war meine Texte nur noch exklusiv dieser Zeitung zu verkaufen und alle meine Rechte abzugeben, ohne dass das entsprechend bezahlt würde. Ich konnte mich in diesen Punkten ein Stück durchsetzen, ein Stück nicht. Am Ende stand ein Kompromiss, mit dem ich aber leben konnte. Die meisten anderen Kollegen haben einen solch angepassten Vertrag nicht. Sie haben – wenn es überhaupt eine schriftliche Absprache gibt – Regelungen unterschrieben, die eine Frechheit sind. Für teilweise unter 100 Euro Tageshonorar haben sie sich verpflichtet, dem Unternehmen alle Nutzungsrechte an den Texten und Bildern einzuräumen – und zwar die, die die Zeitungen heute schon kennt und will, aber auch jene, die erst noch erfunden werden (das steht da so wirklich!). Und oft genug enthält ihr Vertrag einen Passus, der ihnen verbietet, ihre Werke gleichzeitig an andere Nutzer zu verkaufen und so vielleicht noch ein bisschen zusätzliches Honorar rauszuholen.

Und warum gibt es immer noch Verträge wie diese? Weil sich kein Freier hierzulande traut, dagegen vor zu gehen. Weil das Argument, wenn einer sich beschwert, immer dasselbe ist: Wenn Sie mit der Arbeit nicht mehr zufrieden sind, gibt es viele andere, die sie gern übernehmen würden. Weil viele Freie eine Familie zu ernähren haben und in Thüringen kaum andere Verdienstoptionen haben, wenn sie es sich mit einem der beiden großen Zeitungsverlage verscherzen

Urheberrecht soll Urheber schützen, nicht die Verwerter

Das Urheberrecht sollte dem eigentlich einen Riegel vorschieben. Zumindest sollte es den Urhebern, also in meinem Beispiel den Autoren, helfen, ihre Rechte durchzusetzen und sie vor Ausbeutung schützen. Zugegeben, dabei ist die aktuelle Fassung des Gesetzes nicht mehr wirklich zeitgemäß. Viele Fragen, etwa nach dem Urheberrecht und seiner Durchsetzung im Internet oder nach der Vereinbarkeit der unterschiedlichen Urheberrechtsgesetze in den verschiedenen EU-Staaten spielen bisher keine Rolle. Sie werden aber auch in der neuesten Fassung kaum berücksichtigt. Und darüber hinaus verschlimmert die neue Fassung die Situation für die Freien sogar. Im Vergleich zwischen dem ersten und dem aktuellen Neuentwurf des Gesetzes, also zwischen dem des Justizministers und dem der Regierung, liegen Welten – und offenbar zahlreiche intensive Gespräche mit Verlagsvertretern. Manche Passagen im Gesetz lesen sich, als wären sie direkt von den großen Verlegern diktiert. Von einem Recht für Urheber kann keine Rede sein.

Kann man machen. Und in Zeiten, in denen die Lokalzeitungen ohnehin an allen Enden Personal einsparen, macht es vielleicht auch tatsächlich keinen Unterschied mehr. Ist ja schließlich egal, ob künftig statt vielleicht einem Drittel aller Beiträge von vermeintlich freien Journalisten fast alle von Menschen geschrieben werden, die nie eine journalistische Ausbildung genossen haben. Vor einigen Jahren nannte man sie Bürgerreporter. In Zukunft – wenn durch das mangelhafte Urheberrecht auch die letzten „echten“ Freien ihre Existenzgrundlage eingebüßt und den Beruf aufgegeben haben – wird man sie nur noch Reporter nennen. Und genau darum brauchen wir ein #starkesUrheberrecht, denn das kann keiner wollen – Urheber nicht, Leser und Medienkäufer nicht und eigentlich auch Medienunternehmen nicht!

Stillos: Als Texter bin ich Handwerker, kein Künstler

Vor kurzem erklärte ich hier, dass der größte Vorteil für meine Kunden die Tatsache ist, dass ich von nichts so richtig Ahnung habe. Es gibt einen weiteren: Ich bin keine Edelfeder. Sie wissen schon: Autoren, die regelrecht Künstler sind, die mit Sprache malen und komponieren und deren Stil so unverkennbar ist, dass Sie den Autorennamen gar nicht lesen müssen, um zu wissen, von wem der Text ist. Sprache auszureizen, mit ihr zu spielen und sie zu zelebrieren, genieße auch ich. Aber ich habe keinen persönlichen Stil. Ich bin eher Handwerker als Künstler. Wie ein Drechsler lernt, wie er das Holz bearbeiten muss, damit es am Ende gleichmäßig und weich ist, habe ich gelernt, wie ich Worte bearbeiten und verbinden muss, um eine bestimmt Wirkung zu erzielen.

Jeder Text ist anders – weil jeder Kunde anders ist

Und darin liegt in Sachen PR ein großer Vorteil: Ich bin auf das Handwerk, die Basis festgelegt, aber nicht auf das Ergebnis. Mein Stil ist flexibel und ich kann ihn frei auf den Auftraggeber und seine Zielgruppen anpassen. Das macht mich – so ehrlich muss man sein – als Autorin austauschbar. Es würde im Zweifel nicht auffallen, wenn ich zum Beispiel in der Zeitung nicht mehr schreibe, weil es einfach ein anderer machen würde. Wollte ich mein Geld vor allem im Journalismus oder als Buchautorin verdienen, würde mir das das Leben ziemlich schwer machen. Will ich aber nicht. Ich genieße die Mischung, die ich beruflich leben darf und zu der eben auch gehört, dass ich einen großen Teil meiner Zeit in PR-Projekte stecke. Dort ist meine „Stillosigkeit“ ein Segen.

Für einen Wirtschaftsverband, für den ich kürzlich wirtschaftspolitische Dossiers und Einzeltexte schrieb, texte ich ganz anders als für ein Gästemagazin, das den Jahreslauf extra für Kinder aus Sicht einer Wildkatze schildert. Einen Text für die Website eines Sonnenstudios lasse ich anders klingen als den für einen Finanzdienstleister. Und selbst in eigener Sache passe ich meinen Rhythmus, meine Klangfarbe und meine Ansprache an: Hier auf dem Komplextext-Blog bin ich formeller unterwegs als auf tueteglueck.wordpress.com, meinem Kreativblog, der aber inzwischen auch Teil meiner professionellen Präsenz ist.

„Komische“ Fragen im Kundenbriefing ernst nehmen

Aus diesem Grund bitte ich bei einem Briefing durch den Kunden auch immer um mehr als eine Erklärung zu Inhalt und Länge des Textes. Ich frage einen Kunden zum Beispiel auch nach solchen Dingen:

  • Wer soll den Text lesen?
  • Wie soll sich der Leser fühlen, wenn er den Text gelesen hat?
  • Was soll der Leser tun, wenn er den Text gelesen hat?
  • Welche Eigenschaften soll man mit Ihrem Unternehmen/Produkt/Angebot verbinden?
  • Welche Eigenschaften verbinden Sie mit Ihrem Unternehmen/Produkt/Angebot?

Diese Fragen stelle ich so nicht immer im Wortlaut, es gibt diverse Abwandlungen je nach Typ Mensch, der mir gegenüber sitzt. Der eine mag solche Gespräche eher sachlich und faktenorientiert, der andere fühlt sich auf der emotionalen Ebene direkt wohl. Aber wie auch immer es mir gelingt: Um den Text wirklich auf den Kunden zuzuschneiden, brauche ich die Antworten auf diese weichen Fragen, denn sie geben mir – mehr als alle Fakten – einen Hinweis darauf, wie der Text aufgebaut sein muss und wie er klingen darf.

Wenn Sie also das nächste Mal einen Texter engagieren und er Ihnen solche vermeintlich seltsamen Fragen stellt: Blocken Sie nicht ab, sondern freuen Sie sich. Vermutlich haben Sie auch ein Exemplar erwischt, das kein Künstler ist, sondern ein solider Handwerker. Und wie jeder gute Handwerker baut er Ihnen ihr (textliches) Zuhause so, dass Sie und Ihre Mitbewohner sich wohl fühlen – und nicht so, wie er selbst es gerne hätte.

Welche Texte prägten Sie?

„Wenige Dinge prägten einen Leser so sehr wie das erste Buch, das sich wirklich einen Weg zu seiem Herzen bahne.“ Seit ich diesen Satz in einem Buch gelesen habe, lässt er mich nicht mehr los. Ich denke darüber nach, welches wohl dieses besondere Buch für mich gewesen sein könnte, aber ehrlich gesagt, kann ich mich nicht erinnern. Dabei war das Lesen für mich der wichtigste Grund, endlich in die Schule zu gehen. Sobald ich die Buchstaben kannte, „las“ ich, was mir unter die Augen kam – Straßenschilder, Schaufensterwerbung, Autokennzeichen.

Heute besitze ich knapp 600 Bücher. Doch haben sie mich geprägt? Ich habe immer in Phasen gelesen. Der Stapel auf meinem Nachttisch enthielt also selten sowohl einen Krimi wie auch einen Klassiker UND einen Liebesroman. Ich hatte eine Phase, in der ich ausschließlich „Beißerromane“ las, eine, in der nur Shakespeare-Komödien auf der Leseliste standen und eine Fantasy-, eine Krimi-, eine Romantic-Thriller- und eine Frauenromanphase hatte ich auch. „Gute“ Bücher fand ich dagegen lange langweilig. Badewannenlektüre, die für ein paar Stunden in ein aufregenderes Leben entführte, war eher mein Stil als Bücher, mit denen man sich beschäftigen, über die man nachdenken musste. Diese Literatur habe ich erst vor kurzem für mich entdeckt.

Und tatsächlich: Einzelne Sätze wie der ganz oben bleiben mir eher von den „guten“ Büchern in Erinnerungen. Sie sind es auch, die mich reflektieren lassen – über das Leben im Allgemeinen und meines im Besonderen, darüber, wie Menschen mit einander umgehen und wie sie miteinander umgehen sollten.

Aber sie sind deshalb noch lange nicht die Bücher, die sich zuerst „wirklich einen Weg zu [meinem] Herzen“ bahnten. Das waren die leichten Bücher, der „Schund“, wie es damals hieß, die Liebesromane, mit denen ich als Teenager geträumt habe. An einige Heldinnen erinnere ich mich heute noch, obwohl die Bücher längst verschollen sind.

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu dieser Vorliebe zu stehen. Und mt dem Journalismus ist es nicht anders. Ich fühlte mich immer ein bisschen gezwungen, mich zu verteidigen, weil ich eben nicht die Welt verändern, Skandale aufdecken, den Mächtigen auf die Finger hauen wollte. Ich bin nicht Journalistin geworden aus all diesen idealistischen Gründen. Ich bin Journalistin geworden, weil ich Geschichten erzählen wollte, die den Menschen ans Herz gehen. An die sie sich auch Jahrzehnte später noch erinnern – und zwar auch dann, wenn die Geschichte selbst nicht spektakulär war. Ich wollte Schriftstellerin werden, aber die Aussicht, nicht zu verhungern, schien als Journalistin größer.

„Wenige Dinge prägten einen Leser so sehr wie das erste Buch, das sich wirklich einen Weg zu seiem Herzen bahne.“ Dieser Satz lässt sich leicht auch auf den Journalismus anwenden. Ich bewundere Kollegen, die im knallharten Nachrichtengeschäft nicht den Mut und die Motivation verlieren, die sich Konflikten und Anwürfen stellen und mit ihrer Arbeit tatsächlich die Welt verändern. Viele Ihrer Texte haben mich zum Nachdenken gebracht, meine politische Meinung und mein Weltbild geformt und dafür gesorgt, dass ich in der Lage bin, zu verstehen, was da draußen gerade vor sich geht. Doch mein Herz haben Geschichten berührt. Reportagen, Porträts, Essays, die gar nicht vorgaben, sachlich und neutral zu sein. Die sich erlauben konnten, emotional und Partei ergreifend zu sein. Geschichten, die nichts Sensationelles, Neues aufdeckten, sondern Bekanntes so präsentieren, dass es vom Abstrakten plötzlich zum Konkreten wurde. Sie berührten mein Herz, doch hätten sie das auch gekonnt ohne die anderen Texte, die sachlichen? Die, die mit ihren Erklärungen und Analysen erst dafür sorgten, dass ich die Emotionen und Hintergründe richtig einordnen – und mich davon berühren lassen – konnte?

Vielleicht ist es wahr, wenn der Autor, Carlos Ruiz Zafón, in seinem wundervollen Buch „Im Schatten des Windes“ davon spricht, dass das Buch, das als erstes das Herz eines Lesers berührte, ihn am meisten prägte. Ich glaube aber, dass es nur die halbe Wahrheit ist. Denn am prägendsten ist, was nicht nur das Herz, sondern auch den Verstand berührt. Und das geht eben manchmal nur, wenn man mehrere Werke bündelt. Für den Journalismus gilt das noch mehr als für die Literatur: Um Herz und Verstand in einer Sache gleichermaßen zu berühren, darf man sich nicht nur auf sachlichen Nachrichtenjournalismus verlassen, aber auch nicht nur auf emotionsgeladene Porträts oder Reportagen. Es ist die Pflicht der Redaktionen, beides anzubieten. Aber es ist auch die Pflicht der Leser, beides zu konsumieren – so schwer die Kost auch manchmal sein möge. Gerade in Zeiten der Flüchtlingsdebatte.

Widerspruch der „Lügenpresse“

Vor kurzem habe ich auf der Komplextext-Facebookseite den 100. Fan begrüßt. Um das zu feiern, durfte dieser Fan das Thema des nächsten Blogposts bestimmen, dieses Posts also. Der Auftrag lautete: „Immer wieder taucht in den letzten Monaten der Begriff ‚Lügenpresse‘ auf. Wie sehen Sie als ‚Frau vom Fach‘ diese Erscheinung? Wie würden Sie ein Plädoyer verfassen, wenn Sie ihren Berufsstand fiktiv verteidigen müßten- meinetwegen in einem Blog?“

Das ist ein Thema, über das ich lange nachdenken musste, weil es für mich eines ist, über das ich abendfüllend diskutieren kann und das ich weit weniger eindeutig finde, als man vielleicht glaubt. Das alles in einen Post zu gießen, der kein Roman ist, aber auch nicht nur die alten Phrasen widerkäut, war nicht so einfach – zumal mir wichtig war, dass meine Argumentation auch für jene Leser nachvollziehbar wird, die nicht zur Filterbubble der Medienmacher gehören. Hier also ist der Versuch einer Erklärung:

 

Mein erstes Praktikum in einer Tageszeitungsredaktion machte ich mit 17. Das war eine Zeit, als die Zeitung noch schwarz-weiß gedruckt und die Fotos noch auf Film geliefert und selbst entwickelt wurden. Es war eine Zeit, in der ich eine Menge über das Selbstverständnis meines Berufs gelernt habe. Eine wichtige Lektion brach damals bei einem lächerlichen Einspalter (Meldung in einer Randspalte, in diesem Fall sogar mit Bild, also vergleichsweise lang, aber kein großer Text) über mich herein. Ich hatte ein Ferienprogramm besucht. Was angeboten wurde, weiß ich nicht mehr, aber ich weiß noch, dass ich schrieb, Eltern wüssten ihre Kinder dort gegen ein „geringes Entgelt“ gut betreut, wenn sie in der Ferienzeit arbeiten müssten. Ein Redakteur las meinen Beitrag und setzte sich dann mit mir hin, um ihn zu besprechen. Und das erste, was flog, war die Formulierung „gegen ein geringes Entgelt“. Warum? Sinngemäß sagte er damals: „In einer Nachricht haben Kommentierungen und Wertungen nichts verloren. Darin informieren wir neutral. Also schreibst du entweder, wie viel genau die Eltern zahlen müssen – oder du lässt es ganz weg.“ Das hat mich geprägt. (Gebe ich heute Seminare, sitzen vor mir meist PR-Verantwortliche, doch eine der ersten Lektionen, die sie bei mir lernen, lautet: Benutzt die journalistischen Darstellungsformen trennscharf. Es gibt nicht umsonst so viele verschiedene!)

Schludriges Handwerk durch zu wenig Zeit

Heute sieht so ein Praktikum in einer Redaktion leider oft anders aus. In den meisten Lokalredaktionen in Thüringen zum Beispiel sitzen viel zu wenig Redakteure, die jeden Tag viel zu viele Seiten füllen müssen. Das soll weder eine Entschuldigung für schludriges Handwerk noch wehleidiges Klagen über die guten, alten Zeiten sein. Vielmehr ist es ein Aspekt einer Erklärung, wie die Medien ihre Glaubwürdigkeit so verspielen konnten. Denn das haben sie. Die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Menschen in das, was wir schreiben oder senden, ist nicht einfach so verschwunden, wir selbst haben einen guten Anteil daran. Aus verschiedenen Gründen.

Der erste: Auch in den Medien ist Meister Sparhans seit Jahren der einzige Kumpel der Geschäftsleitungen. Innovationen finden kaum noch statt, Entwicklungen hetzen wir hinterher, statt sie selbst zu gestalten. In der Lokalredaktion sieht das so aus: Da Fotos nicht mehr entwickelt und mit Digitalkameras endlos viele geschossen werden können, spart man vielerorts am Fotografen. Wenn der Lokalredakteur (oder Praktikant) ein paar Dutzendmal auf den Knopf drückt, wird schon ein Bild dabei sein, dass nicht unscharf ist und auf dem alle die Augen öffnen. Dass der Redakteur in diesem Moment, in dem er sich minutenlang darauf konzentrieren muss, ein brauchbares Bild zu machen, nicht mehr für seinen Text recherchieren kann, ist egal.

So entstehen aber die „Protokolltexte“ – Beiträge, die den offiziellen Sermon einer Veranstaltung widergeben und mehr nicht. Die Randbemerkungen und unterschwelligen Töne bekommt der Redakteur nicht mehr mit, denn Zeit, um nach dem offiziellen Teil zu bleiben, hat er nicht. In der Redaktion sitzt der Kollege nämlich unterdessen allein und muss drei bis vier Lokalseiten füllen (natürlich gibt es auch größere Lokalredaktionen mit deutlich mehr Seiten und ein paar mehr Kollegen). Er hetzt also in die Redaktion, hackt seinen Text in die Tasten, bearbeitet sein Foto, schiebt es auf die Seite und hetzt zum nächsten Termin. Um mit einem Praktikanten dessen Texte zu besprechen und ihm zu erklären, welche Regeln das Handwerk bestimmen, bleibt oft überhaupt keine Zeit.

Elitärer Dünkel verprellt Leser

Doch neben den Rahmenbedingungen, die in unserem Beruf immer schlechter werden, haben wir unsere Leser auch selbst verprellt. Schon im ersten Semester des Journalistik-Studiums hat man uns beigebracht, uns als „Elite“ zu sehen. Warum? Weil wir diejenigen mit der Informationshoheit seien, diejenigen, die alle Informationen hätten, die verantwortlich (!) auswählten, kuratierten, bewerteten und veröffentlichten, was wir für wichtig hielten – und damit bestimmten, welche Informationen all die anderen bekämmen, um sich eine Meinung zu bilden. Das Gatekeeper-Modell. Der Journalist als Wächter am Tor der Information, der bestimmt, was durchgehen darf und was nicht.

Das Dumme ist nur: dieses Modell ist längst passé. Jeder kann jederzeit und an jedem Ort jede Information finden, die er sucht (und auch die, die er nicht sucht). Die Menschen brauchen keinen elitären Gatekeeper, sondern jemanden, der ihnen erklärt, welche Information seriös ist und welche tendenziös. Sie brauchen Journalisten, die Spezial- und Hintergrundwissen haben – und zwar genug, um neue Informationen darin einzubetten und zu erklären, was diese Informationen bedeuten und bewirken. Sie brauchen starke Analysten und fundierte Meinungsmacher (nicht zu verwechseln mit Stimmungsmachern!). Sie brauchen niemanden, der ihnen sagt, was geschehen ist, sondern vor allem jemanden, der ihnen erklärt, wie es geschehen ist, warum und warum das wichtig ist.

Diese Rolle haben viele von uns aber nicht oder nicht rechtzeitig angenommen. Damit haben wir die Leser vergrätzt, weil die sich bevormundet, nicht ernst genommen fühlen. Sie finden sich nicht wieder in unseren Medien (und damit meine ich nicht, dass sie mit ihrem Vereinsfest in der Zeitung sind, sondern dass Journalisten ihren Sorgen und den Themen, die sie bewegen, ernsthaft nachgehen). Und dummerweise reagieren sie darauf nicht nur, indem sie sauer ihr Abo abbestellen, sondern indem sie erst der Zeitung und dann „den Medien“ unterstellen, sie würden ja eh gelenkt, dürften gar nicht schreiben, wovon der Leser selbst gern hätte, dass sie es täten. Das ist er, der Vorwurf „Lügenpresse“.

Nun ist aus diesem Post doch schon ein halber Roman geworden, und bei meiner eigentlichen Aufgabe, die Medien zu verteidigen, bin ich noch gar nicht angekommen. Ich glaube aber auch nicht, dass eine Verteidigungsrede viel nützt. Das einzige, was unsere Glaubwürdigkeit wiederherstellen kann, ist Transparenz. Deshalb will ich hier kurz erklären, wie wir Journalisten den lieben, langen Tag arbeiten und wie es zu den Erscheinungen kommen kann, die die Kritiker als Bestätigung für ihre „Lügenpresse“-These betrachten. Doch das Folgende ist dabei nur beispielhaft zu sehen, denn ich kann nur aus meinen eigenen Erfahrungen berichten und die begrenzen sich im Wesentlichen auf eine Tageszeitung in Thüringen. In anderen Redaktionen, vor allem in anderen Mediengattungen, kann das alles ganz anders aussehen:

Warum schreiben alle dasselbe?

10 Uhr: Arbeitsbeginn (wenn nicht vorher schon Termine anstanden). Der Redakteur fährt seinen Rechner hoch, bespricht mit den Kollegen, was den Tag über ansteht, welche Geschichten in der Pipeline sind, welche Termine heute besetzt werden müssen, welche Beiträge wo auf den Seiten und in welchem Umfang platziert werden sollen. Danach starten alle mit einer ersten Runde Recherche: auf Termin, am Telefon, online, in den Agenturen.

Und hier liegt schon die erste Erklärung für ein viel beschimpftes Phänomen: „Ihr schreibt doch eh alle dasselbe!“ Oft stimmt das leider (wenn auch gerade bei Pegida und Co. nicht, weil da viele Redaktionen inzwischen die Berichterstattung selbst abdecken), aber nicht, weil wir alle einen Anruf von der Kanzlerin oder ihren Mitarbeitern bekommen und auf Linie gebracht werden, sondern weil wir schlicht alle dieselben Nachrichtenagenturen benutzen.

Nachrichtenagenturen gibt es weltweit. Sie sammeln Informationen, bereiten sie auf und schicken sie an die Redaktionen (die diesen Dienst kostenpflichtig abonnieren). Die Nachrichtenagenturen habe hohe journalistische Standards und Zugang zu den wirklich wichtigen Informationen (vor allem zu jenen, die eine normale Lokalzeitung nicht selbst abdecken kann, wie zum Beispiel Außenpolitik und weite Teile der „großen“ Innenpolitik). Sie sind zuverlässig und seriös und deshalb für Journalisten eine wichtige Quelle. Aber es gibt nicht so wahnsinnig viele davon, die in Deutschland eine Rolle spielen, weshalb die meisten Redaktionen im Land von denselben Agenturen beliefert werden – und wenn deren Material übernommen wird, stehen in den Blätter eben dieselben Dinge, meist auch im selben Wortlaut.

12 Uhr: Lokalkonferenz. Die Lokalchefs tauschen sich in einer Telefonkonferenz darüber aus, was sie für die aktuelle Ausgabe planen, welche Themen und Termine sie an diesem Tag recherchieren. Das ist wichtig, weil viele Zeitungen Lokalredaktionen betreiben, deren Gebiete sich überschneiden und die deshalb Themen und Geschichten untereinander austauschen. Ein Beispiel: Wer in Bad Langensalza wohnt, kann sich auch für Themen aus Mühlhausen interessieren, weil das die Kreisstadt ist, also klären die Lokalredaktionen in Mühlhausen und Bad Langensalza regelmäßig, ob der eine Geschichten hat, die der andere in seiner Ausgabe auch veröffentlichen sollte. Das dient nicht der „Gleichschaltung“, sondern ist eigentlich ein Service für den Leser, der – egal, welche Ausgabe er liest – gleich gut informiert sein soll.

Warum erscheinen „ständig“ Falschmeldungen?

16 Uhr: Produktion. Spätestens um diese Zeit werden die Kollegen nervös, die die Seitenproduktion überwachen und steuern, wenn die Lokalredakteure immer noch nichts geschrieben haben. Die sind aber oft noch unterwegs oder hängen am Telefon, um ihre Geschichten „rund“ zu kriegen.

Das ist weniger einfach als gedacht, jedenfalls, wenn man es handwerklich richtig machen will, denn dann gehört dazu zum Beispiel, dass man immer beide Seiten eines Konflikts zu Wort kommen lässt (schwierig, wenn man eine Seite einfach nicht erreicht oder derjenige sich stur stellt und nichts sagen will). Dazu gehört aber auch, dass man sich Informationen von mindestens zwei unabhängigen Quellen bestätigen lässt, was gerade im Lokalen schwer ist, denn da gibt es für eine Information oft nicht so viele in Frage kommende Quellen.

Läuft die Recherche nicht so rund wie erhofft, muss der Journalist spätestens um diese Zeit abwägen: Schieben wir die Geschichte noch einen Tag, um in der Recherche auf Nummer sicher zu gehen oder bringen wir sie wie geplant? Schön wäre es, wenn diese Entscheidung nur getragen würde durch journalistische Sorgfalt und Integrität, oft genug sprengt aber banaler Pragmatismus diese Überlegungen: Haben wir eine andere Geschichte, die den geplanten Platz ausfüllen kann? Gibt es eine Konkurrenzzeitung, die die Geschichte vor uns bringen könnte, wenn wir länger warten? Diese Abwägungen führen manchmal dazu, dass Geschichten veröffentlicht werden, bevor sie wirklich fertig sind. Und das hat gelegentlich zur Folge, dass sie sich im Nachhinein im Detail oder insgesamt als falsch oder zumindest nicht ganz korrekt erweisen. Und wieder fühlen sich die „Lügenpresse“-Rufer bestätigt.

18 Uhr: Schlussproduktion. Jetzt sind die Seiten zum größten Teil gefüllt. Die Kollegen lesen Texte Korrektur (Ja, das wird wirklich noch gemacht, aber nach einem solchen Arbeitstag verschwimmen einem manchmal die Buchstaben vor Augen und eigene Fehler sieht man erst Recht nicht mehr), basteln noch mal an besseren Überschriften, fügen die letzten Fotos ein, schreiben die Teaser, die auf der ersten Seite darauf hinweisen, was den Leser im Lokalteil erwartet, machen die Seitenplanung für den nächsten Tag. Manche bestimmen jetzt auch noch, was auch im Onlineauftritt und auf Facebook veröffentlicht wird (manche haben dafür aber auch eigene Mitarbeiter). Dann verschwinden irgendwann zwischen 19 und 21 Uhr die Redakteure zu Abendterminen oder in den Feierabend, während die Zeitung in den Druck geht.

Wir machen Fehler, aber wir lügen nicht bewusst

Dass die Menschen auf der Straße uns nicht mehr glauben, kann ich verstehen. Dass sie sauer sind, auch. Ich kann sogar ein gewisses Verständnis dafür aufbringen, dass sie uns als „Lügenpresse“ beschimpfen, auch wenn ich finde, wer Sorgfalt fordert, sollte die auch in seinen eigenen Formulierungen walten lassen. Was ich weder verstehen noch akzeptieren kann, ist, dass sie ihrem Unmut mit Schlägen, Tritten, Spuckattakten gegen Journalisten Luft machen, die genau den Job machen, den diese Menschen einfordern: Sie berichten von vor Ort.

Ich kann nicht verstehen, dass Menschen, die von uns fordern, endlich ausgewogen zu berichten, Gewalt gegen alle und alles gutheißen, was anders ist als sie und das, was sie gut und richtig finden. Aber für diese Menschen habe ich diesen Text auch nicht geschrieben. Denn sie lassen sich von ihren „Lügenpresse“-Rufen nicht abbringen, schon gar nicht durch Sachlichkeit, Information und Transparenz.

Dieser Text ist für all die reflektierten Leser, die sich ärgern, weil sie das Gefühl haben, dass ihre Zeitung immer schlechter und oberflächlicher wird und die sich von den Journalisten und Vertriebsmitarbeitern der Verlage, bei denen sie sich darüber beschweren, ignoriert fühlen. Ihnen möchte ich sagen: Wir Journalisten kennen das Problem, wir wissen, dass wir es mit verursacht haben, aber wir sind weder gesteuert von Politik oder Wirtschaft, noch belügen wir vorsätzlich unsere Leser.

Ja, wir machen Fehler. Und in der Hektik und dem Personalmangel, den der Spardruck der vergangenen Jahre ausgelöst hat, machen wir vielleicht auch mehr Fehler. Aber in aller Regel stehen wir zu diesen Fehlern. Nie zuvor hat unsere Branche sich so intensiv mit sich selbst, mit ihren Schwächen beschäftigt wie jetzt – und damit, wie wir sie in Zukunft in den Griff bekommen können.

Wir sind Menschen und Menschen ändern Gewohnheiten nur langsam, deshalb wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis der Journalismus in Deutschland einer ist, der sich der Gesellschaft und der Technologie (der von heute statt der von vor 20 Jahren) angepasst hat, aber wir arbeiten hart daran. Deshalb halten Sie uns bitte die Stange, wenden Sie sich nicht ab (und denen zu, die behaupten, es besser zu können und dafür etwa angebliche Zeitungsberichte fälschen und in Umlauf bringen), geben Sie uns die Gelegenheit zu beweisen, dass Journalismus immer noch eine Berechtigung hat, auch wenn er seinen Schwerpunkt vielleicht verlagern muss.

Und das wird er tun, denn eines hat sich seit meinem ersten Praktikum vor knapp 17 Jahren nicht geändert: Man wird nicht Journalist, weil man damit so viel Geld verdienen und so eine tolle Work-Life-Balance erreichen kann. Man wird Journalist, weil man die Welt retten oder doch zumindest verändern, verbessern will. Wie das geht, davon hat jeder von uns andere Vorstellungen. Aber einig sind wir uns in einer Sache: Wir können den Vorwurf der „Lügenpresse“ nicht auf uns sitzen lassen – aus historischen Gründen müssen wir ebenso dagegen ankämpfen wie aus persönlichem Stolz. Und genau deshalb werden wir zu einem Journalismus finden, der es wert ist, bezahlt, genutzt, diskutiert und gesammelt zu werden – auch wenn die Information, die früher nur wir hatten, längst zu Hauf frei verfügbar ist.

#darumfrei: Beitrag zur Blogparade

Als mein Volontariat sich dem Ende neigte, wurde plötzlich alles anders bei der Zeitung, bei der ich damals arbeitete. Der alte Chefredakteur war gegangen worden, der neue mit klaren Sparvorgaben angetreten, wie man sich erzählte. Ziemlich schnell stand jedenfalls fest: Aus der Sache mit der fest eingeplanten Übernahme wird nichts. Das Angebot: frei weiter arbeiten. Schon zu der Zeit wechselte ich die Abteilungen nicht mehr, sondern war fest in der Ratgeberredaktion. Auf eigenen Wunsch. Ratgeber und Seite 3, vor allem am Wochenende (Damals durfte, wer am Samstag die drei hatte, noch 300 Zeilen schreiben!) – meine Traumkombi. Am 31. Januar ging ich morgens zur Arbeit, fuhr abends ganz normal den Rechner runter. Am 1. Februar hatte nur die IT-Abteilung gemerkt, dass sich bei mir was geändert hatte. Die hatten meinen Account abgeschaltet, weil keiner ihnen gesagt hatte, dass ich weiter arbeiten würde – aus der Volontärin war über Nacht eine freie Mitarbeiterin geworden.

Bis der Rechner wieder lief, dauerte es eine Weile, sonst änderte sich nichts: Ich ging weiter jeden Tag in dieselbe Redaktion, an denselben Schreibtisch, baute dieselbe Seite und sprach mit denselben Ansprechpartner. Nur zahlte ich plötzlich viel mehr Steuern, musste mich selbst für horrendes Geld krankenversichern und strich den Urlaub auf unbestimmt Zeit, weil ich mir das Wegfahren nicht hätte leisten können.

Trotz kam nach etwas über einem Jahr der Moment, indem ich auf die Versicherung, die nächste freie Redakteursstelle gehöre mir, antwortete: „Ich will sie gar nicht!“ Aus der Not war irgendwie mein Arbeitsmodell geworden. Eins, das ich mochte. Ich genoss die Freiheit, mein eigener Chef zu sein und mich neben dem Brotjob auf anderen Spielfeldern ausprobieren zu können. Ich begann, Seminare zu geben und PR zu machen, entstaubte meine Grafik-Kenntnisse und entdeckte, dass Facebook und Co. nicht nur zum Austausch mit alten, weit verstreuten Freunden taugt – sondern auch als Geschäftsmodell. Frei sein hieß plötzlich wirklich mehr „frei sein“ als „vogelfrei sein“.

Das geht mir bis heute so. Meine Geschäftsfelder haben sich seit damals massiv verschoben. Für die Zeitung arbeite ich kaum noch, neue Bereiche wie das Corporate Publishing sind dafür entstanden. Aber das Gefühl, Herr über mein eigenes Schaffen zu sein, ist auch heute noch einer der wichtigsten Vorteile meiner Selbstständigkeit. Dass ich mich nicht festlegen muss, sondern es beinahe sogar eine Verpflichtung ist, neue Trends selbst auszuprobieren, begeistert mich. Dass allmählich (ganz, ganz allmählich) auch bei vielen Unternehmen die Einsicht greift, dass professionelle Kommunikation genauso wie professionelles Programmieren oder professionelles Maschinen bauen auch professionell bezahlt werden muss, erleichtert mich.

Außerdem bin ich eitel und finde es großartig, Chefin zu sein – und auch so wahrgenommen zu werden. Das ist nun sicher kein ausschlaggebender Grund, um sich selbstständig zu machen, aber es kann ein ziemlich gutes Gefühl sein.

Ja, ich bin gerne frei – aber ich bin nicht naiv. Die Freiberuflichkeit hat eine Menge Vorteile, die ich liebe. Aber sie hat eben auch dicke Fallstricke: Um mich sozial abzusichern, müsste ich deutlich mehr verdienen, als ich es tue. An eine lange Krankheit (oder das Alter!) denke ich lieber nicht. An eine Familiengründung eher auch nicht. Wer, wie ich selbst, zwar die Sache mit dem Marketing und der Kommunikation beherrscht, in der Akquise aber keine perfekte Figur macht, hat ein zusätzliches Problem (das ich mit der nächsten Weiterbildung aus der Welt zu schaffen gedenke). Und so schön es ist, den halben Tag im Pyjama arbeiten und sich die Zeit frei einteilen zu können: Genau das sorgt dafür, dass ich regelmäßig auch nachts und an den Wochenenden arbeite, dass mein Kopf keine Pause mehr kennt, selbst wenn mein Körper gerade eine macht.

Ob das in einer Festanstellung besser würde? Vielleicht. Aber nicht, weil die Festanstellung per se sicherer wäre (siehe oben: Ich bin nicht naiv!). Es würde vielleicht besser, weil die Verantwortung dafür nicht mehr allein auf meiner Willensstärke läge. Eine Festanstellung hat Strukturen, die nun mal sind, wie sie sind, an die man sich zu halten hat. Das kann man einengend und belastend empfinden. Aber eben auch erleichternd. Die Vorstellung, nur noch für die Inhalte seiner Arbeit verantwortlich zu sein und nicht auch noch für die Rahmenbedingungen, hat in schwachen Momenten ihren Reiz für mich. Die Vorstellung, dass jemand anders sich um die verflixten Zahlen kümmert, hat sogar in jedem Moment eine Menge Reiz für mich.

Doch reicht das, um eine Anstellung der Freiberuflichkeit vorzuziehen? Ja, vielleicht – wenn der richtige Job im richtigen Unternehmen lockte. Mein Herz müsste von Anfang an höher schlagen, damit Anwesenheitspflicht zu festen Zeiten, Weisungsgebundenheit, fehlende Flexibilität und weniger Vielfalt in den Arbeitsfeldern gegen die zeitliche, räumliche und inhaltliche Freiheit meines aktuellen Arbeitsalltags eine Chance haben. Die große Mehrzahl der offenen Jobs schafft das nicht und deshalb: #darumfrei.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Blogparade „Warum ich gern freier Journalist bin“ der Kollegen Bettina Blaß und Timo Stoppacher. Unter dem Hashtag #darumfrei finden Sie erste Beiträge auch in den sozialen Netzwerken.

Kann eine PR-Frau eine gute Journalistin sein?

Vor kurzem habe ich mal wieder irgendwo eines dieser Interviews mit einem dieser Journalisten gelesen, die wir anderen Journalisten so gerne „Edelfeder“ nennen. Oder „einen der ganz Großen der Branche“. Oder so. Ich weiß nicht mehr, wer es war. Ich weiß auch nicht mehr, was Anlass des Interviews war oder worum es eigentich ging, aber eine Sache ist mir seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen: Die obligatorische Frage nach dem Warum. „Warum sind Sie Journalist geworden?“ Genauso obligatorisch ist fast immer auch die Antwort: Weil man die Welt verbessern wolle, Skandale aufdecken, den Mächtigen genau auf die Finger schauen, die Demokratie schützen und einen mündigen Bürger bilden.

 

Lange Zeit habe ich ebenso geantwortet, wenn man mir die Frage stellte. Meistens war ich zumindest ehrlich genug, voran zu stellen, dass ich  Geschichten erzählen wollte. Denn um genau zu sein: Nichts der oben genannten, idealistischen Ziele hätte mich zum Journalismus bringen können. So beschämend es ist: Mit Politik beschäftige ich mich vielleicht seit acht Jahren. Vorher hat mich das nicht die Bohne interessiert. Und auch heute noch fasziniert es mich genug, um darüber schreiben zu wollen. Meine Motivation, Journalistin zu werden, war viel profaner: Ich wollte Geschichten erzählen, aber nicht unter der Brücke schlafen müssen. Und damals, mit 14, als ich mich für den Beruf entschied, war die Aussicht, als Journalist seine Miete UND das Essen bezahlen zu können, tatsächlich noch größer als es sie für Schriftsteller gewesen ist – mein heimlicher, echter Berufswunsch.

 

Ich liebte Sprache und was sie auslösen und bewirken kann. Ich mochte Geschichten, die mich aufsogen und deren Charaktere und Handlung, wenn sie mich wieder ausspuckte, noch lange in meinem Kopf weiter lebten. Damit wollte ich mein Geld verdienen. Und da meine erste Erfahrung mit dem Journalismus der Lokaljournalismus war, schien das irgendwie gar nicht so abwegig, denn dort ging es mehr ums Erzählen als ums Kontrollieren und Skandale aufdecken. Jedenfalls für mich als Praktikantin.

 

Klar, heute kenne ich die Aufgaben der Presse – und verteidige sie glühend, wenn es sein muss. Heute lese ich viel und gerne die Kollegen, von denen ich im ersten Absatz schrieb, weil ich über sie meine politische Bildung nachhole. Aber meine Motivation für mich ganz persönlich ist die gleiche geblieben: Ich möchte Texte schreiben, die die Menschen lange Zeit erinnern. Die Routine und Hetze im Tageszeitungsgeschäft hat mir das mal beinahe kaputt gemacht. Als ich vor zwei Jahren aus der Tretmühle ausscherte, war meine Lust am Schreiben nur noch eine kleine Amöbe – gerade entwickelt genug zum Überleben, aber von Denken und Fühlen keine Rede. Einer meiner Texte las sich wie der andere. Kein Wunder: Was am Fließband produziert ist, soll ja eben immer identisch sein. Doch was einer Autotür gut tut, tötet Kreativität und Leidenschaft.

 

Heute habe ich beides wieder gefunden. Dabei bin ich inzwischen größtenteils auf die „dunkle Seite der Macht“ gewechselt. Heute schreibe ich vor allem im Auftrag. Es geht nicht mehr um Unabhängigkeit, Objektivität und Aufklärung. Es geht um Image und Absatz. Das kann man als Verrat an der großen, guten Sache empfinden. Ich empfinde es als perfekte Symbiose der guten Sache und meiner ureigenen Motivation. Ich arbeite nicht (nur) als PR-Beraterin, weil das besser bezahlt wird, sondern – da bin ich grenzenlos egoistisch – weil es mir mehr Spaß macht. Vor allem, wenn es nicht nur um eine simple Pressemitteilung geht, sondern zum Beispiel um Corporate Publishing-Projekte wie das Erlebnismagazin für die Welterberegion Wartburg Hainich.

 

Hier habe ich für meine Texte Platz und Zeit, um der Sprache, die meine Muttersprache ist, wieder ihre schönsten Bilder abzuringen. Um sie dazu zu überreden, mit mir zu spielen, statt sich gegen mich zu sperren. Um mit ihr starke, neue Formulierungen zu schmieden, statt auf die üblichen Phrasen zu setzen. Lange Texte (die ich am Ende auf die Hälfte kürze, damit sie neben lang nicht auch langweilig werden), große Bilder, Infokästen, gute O-Töne. Das Handwerk, das ich auf der guten Seite gelernt habe, benutze ich jetzt immer noch. Und ich glaube auch, dass ich damit immer noch nichts schlechtes tue. Denn PR – wenn das bitte endlich in alle Schädel ginge – ist nicht Werbung. Ich ziehe niemanden ab oder über den Tisch, ich verkaufe streng genommen nicht mal etwas.

 

Ich fühle mich wohl in der PR. Und etwas Besseres hätte dem Teil in mir, der immer noch Journalistin ist, nicht passieren können. Meine Begeisterung für das Erzählen ist wieder da – und damit auch die Begeisterung für Menschen. Beides Grundvoraussetzungen, um guten (Lokal-)Journalismus zu machen, wie ich finde.

 

Früher hieß es mal, es gebe keinen Weg zurück für Journalisten, die in die PR gewechselt seien. Ich halte das für Quatsch. Aber es interessierte mich auch nicht, wenn es so wäre. Denn ich will gar nicht zurück. Ich will beides. Und ich kann das auch. Als Journalistin schreibe ich nicht über Firmen, die ich als PR-Beraterin betreue. Damit müssen beide Seiten leben, auch wenn es beiden nicht immer passt, weil es für die einen mehr Aufwand bedeutet (muss ja ein anderer Kollege gefunden werden, der den Termin für die Redaktion übernimmt) und die anderen damit leben müssen, dass über sie jemand schreibt, den sie nicht kennen und nicht briefen können.

 

Aber auch da bin ich egoistisch: Meine eigene Glaubwürdigkeit ist mir  wichtiger als das Wohlbefinden von Redaktion oder Kunden. Ich bin gerne PR-Mensch. Ich bin gerne Journalistin. Und für mich schließt sich nichts davon gegenseitig aus.

Frankfurt brennt – und die Medien sind schuld

Vor fast genau einer Woche brannte Frankfurt am Main. Ja ja, ich weiß, diese Formulierung ist reichlich überzogen, denn natürlich brannte nicht die ganze Standt. Nur ein paar Mülltonnen, Polizeiautos, Bushaltestellen. Dazu ein paar eingeschlagene Scheiben, ein paar mit Säure und Gas verletzte Polizisten, ein paar verängstigte Passanten und 20.000 dummerweise in Mitleidenschaft gezogener, friedlicher Demonstranten. Und schließlich: Man hatte ja gar keine andere Wahl als Gewalt anzuwenden. Immerhin hat die Polizei provoziert, weil sie gleich im Vollschutz aufmarschierte. Und in die Medien wäre man mit seiner wichtigen Botschaft ja auch nicht gekommen, wenn man nur friedlich protestiert hätte. Sieht man ja: Die Berichterstattung rund um die Eröffnung des neuen EZB-Gebäudes spiegelte doch fast nur die Ausschreitungen. Wer schrieb denn über die friedliche Demonstration?

Ich könnte kotzen, wenn ich all diese Rechtfertigungsmärchen lese!

Was in Frankfurt passiert ist, ist durch nichts, aber auch durch überhaupt nichts, zu rechtfertigen. Da sind Vollpfosten durch die Stadt gezogen und haben – offenbar gut geplant und vorbereitet – bewusst Angst und Schrecken verbreitet. Sie haben Polizeiwagen angezündet, in denen Menschen saßen. Keine Symbole irgendeines, von mir aus auch eines verkorksten, kapitalistischen, Systems, sondern Menschen! (Toller Beitrag dazu übrigens hier) Sie haben auf U-Bahnhöfen Passanten bedrängt, die nichts weiter wollten, als zur Arbeit zu gehen. Auch das: Menschen! Sie haben Mülltonnen und Buashaltestellen abgefackelt und Häuser „entglast“, wie es im Beamtendeutsch heißt. Total verständlich. So eine Mülltonne ist ja nun auch wirklich das totale Böse, das Symbol internationaler Finanzpolitik und Abzocke.

 

Mich regt das aber nicht nur als Mensch auf, der es verachtenswert findet, wenn Leben und Unversehrtheit anderer derart niedergetrampelt werden. Mich regt das auch als politisch, gewerkschaftliche Engagierte auf. 20.000 Menschen gingen vergangenen Mittwoch auf die Straße, um friedlich  gegen die Geldpolitik der EZB zu protestieren. Um auf- und einzustehen für die Forderung, dass internationale Finanzwächter gefälligst nicht nur den Großen und Größten wohlgefällig sein sollen, sondern dass sie auch den Mittelstand und vor allem die Armen und Ärmsten im Blick haben müssen. Dass Sparpolitik in Krisenzeiten heißen muss, dass alle sparen und nicht nur die unteren Schichten, die sich ja eh kaum richtig wehren können oder werden. 20.000, die friedlich marschierten, um klarzumachen, dass sie eine Stimme und Macht habe, auch wenn Sie nicht mit den Mächtigen der Welt Champagner trinken. 20.000, deren berechtigter Protest in der Gewalt der Bekloppten unterging.

 

Aber daran sind natürlich nicht die Gewalttäter schuld. Nein, die bösen Medien sind es, die nicht so ausführlich über die friedlichen Demonstranten berichteten wie über die Krawalle. Liebe „Lügenpresse“-Schreier, ich sag euch was: Genau diese Einordnung, die Gewichtung ist unser Job. Ja, die Medien haben mehr über die Gewlat berichtet als über die Demo. Aber längst nicht „ausschließlich“, wie ihr behauptet. Und vor allem: Sie taten das aus gutem Grund.

Kurzer Exkurs in die Journalismustheorie: Ob ein Ereignis oder eine Information eine Nachricht (also von den Medien aufgegriffen) wird, entscheiden unter anderem sogenannte Nachrichtenwertfaktoren (ausführlich hier). Stark verkürzt: Ist etwas zum Beispiel neu, aktuell, hat einen lokalen Bezug, Prominenz, Konflikt und/oder besondere Relevanz, steigen seine Chancen, es in die Blätter und Sendungen dieses Landes zu schaffen. Die Ausschreitungen in Frankfurt, und vor allem ihr Ausmaß, erfüllen nahezu jeden Nachrichtenwertfaktor und sind deshalb nicht nur berichtenswert, sondern unterliegen quasi einer Berichtspflicht.

 

Und nur der Vollständigkeit halber: Aus ebenso gutem Grund tauchten die Polizisten in Frankfurt in Vollschutz auf statt in Sommeruniform. Ausschreitungen waren zu erwarten. Und ebenso war zu erwarten, dass die Polizisten mittendrin sein würden, denn genau das ist eben ihr Job: Sie sind mittendrin, damit andere es nicht sein müssen. Dass sie sich bei dieser Lage durch Protektoren und Helme vor Messerstichen, Steinwurfverletzungen oder auch nur vor Prellungen durch das Gedränge schützen, halte ich nicht nur für legitim, sondern für vernünftig. Es nicht zu tun, wäre fahrlässig gewesen. Ihnen zu unterstellen, Sie hätten durch diesen Selbstschutz provoziert, ist, als würde man Vergewaltigungsopfern unterstellen, sie hätten die Tat durch ihren kurzen Rock ja herausgefordert. Es ist zynisch. Es ist menschenverachtend. Es ist abscheulich.

 

Hoffen wir, dass dieser Mittwoch nicht zum schwärzesten Mittwoch für alle wird, die den Mut haben, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen. Hoffen wir, dass dieser Mittwoch nicht dazu führt, dass Einsatzkräfte und Medien sich künftig zurückhalten, weil sie statt Unterstützung nur Kloppe kassieren – im wörtlichen wie übertragenen Sinn. Hoffen wir, dass dieser Mittwoch und die Art, wie wir damit umgehen, unser demokratisches System nicht nachhaltig in Schieflage bringt. Hoffen wir!