#stolzTexte: Was ist eigentlich Achtsamkeit?

 

Alle Welt redet von Achtsamkeit – und meint damit mal Erfolg, mal Glück, Dankbarkeit, Produktivität, Ausgeglichenheit, Vergebung oder auch Entschleunigung. Achtsamkeit ist zu einem Trend geworden. Doch wem nützt sie wirklich, was kann sie – und was nicht? Das waren Fragen, denen ich im Auftrag des So!-Magazins der Verlagsgruppe Hof Coburg Suhl nachspürte. Das Ergebnis war dieser Beitrag aus der Kategorie #stolzTexte.

 

Annas Malbuch für Erwachsene verstaubt im Regal. Kaum eine Handvoll Seiten hatte sie ausgemalt. Damit hat die Sache mit der Achtsamkeit schon mal nicht geklappt. Anna ist Anfang 30 und beruflich erfolgreich. Sie arbeitet viel, kann sich ihre Zeit dabei aber frei einteilen. Das hat Vorteile – wenn eine Regenwoche überraschend zwei Sonnenstunden spendiert, kann sie die für einen ausgiebigen Stadtbummel nutzen oder für eine Radtour – egal zu welcher Uhrzeit. Aber diese Freiheit hat auch Nachteile: Einen echten Feierabend kennt Anna nicht. Sie schreibt Mails auch mal nach Mitternacht oder sitzt am Sonntag am Schreibtisch, wenn noch ein Auftrag fertig werden muss. Privat- und Berufsleben fließen ineinander, im Kopf läuft die Arbeit immer mit – auch wenn sie eigentlich Wochenende oder Urlaub hat.

Ist Achtsamkeit gleich Ruhe, Kraft, Zufriedenheit?

Anna gibt es wirklich, aber sie könnte auch einfach nur ein Dummy sein – ein Prototyp für die Generation der Um-die-30-Jährigen. Viele Akademiker, viele beruflich stark eingespannt, aber nicht abgesichert. Viele von ihnen teilen eine Sehnsucht nach innerer Ruhe, Ausgeglichenheit, Entschleunigung, Zufriedenheit. Auf dem Weg dahin lesen sie Ratgeber, besuchen Seminare, buchen Coachings, um Gelassenheit und Glück zu lernen. Der Hype ist enorm und er trägt seit einigen Jahren ein Etikett: Achtsamkeit!

Glaubt man den Ratgebern und Gurus könnte Achtsamkeit ein Allheilmittel für viele Krankheiten und Probleme dieser Gesellschaft sein, in der „Müßiggang“ zum Schimpfwort geworden ist und „Produktivität“ zur Religion: Es soll gegen Stress und Angst helfen, es soll produktiver und effektiver machen, zugleich entspannter und fokussierter. Doch schaut man genauer hin, fällt auf, dass jeder dieser „Experten“ etwas Anderes meint, wenn er „Achtsamkeit“ sagt. So! hat sich also auf Spurensuche begeben und nach den Wurzeln dieses Trends gesucht.

Achtsamkeit wissenschaftlich erforscht

Mitten in Coburg stehen Kräne und Baufahrzeuge um ein paar eher nüchterne Gebäude herum. Der Campus der Hochschule für angewandte Wissenschaften und Künste Coburg. Hier werden traditionell vor allem technisch-ingenieurswissenschaftliche Fächer gelehrt. An der Fakultät „Soziale Arbeit und Gesundheit“ ist aber auch der Fachbereich Gesundheitsförderung angesiedelt, in dem der Medizinpsychologe Prof. Dr. Niko Kohls seit 2013 auch zum Thema Achtsamkeit forscht.

Was genau das ist, dazu habe auch die Wissenschaft noch keinen eindeutigen Konsens finden können, sagt er. „Betrachtet man es psychologisch, ist Achtsamkeit ein spezifischer Bewusstseinszustand, der durch längeres Praktizieren auch zu einer Lebenseinstellung oder einem Persönlichkeitsmerkmal werden kann“, erklärt er. „Dabei geht es um zwei Dinge: Achtsamkeit lehrt, im Hier und Jetzt, also ganz in der Gegenwart, zu bleiben, die Dinge alle immer so zu betrachten, als erlebte man sie zum ersten Mal. Aber es geht noch ein Stück weiter: Es geht auch darum, Dinge, die man in diesem Moment fühlt, sieht oder zum Beispiel hört, einfach nur wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten.“

Wer profitiert von Achtsamkeitsübungen

Grundsätzlich kann mehr Achtsamkeit jedem Menschen guttun. Prof. Dr. Niko Kohls von der Hochschule Coburg plädiert sogar dafür, Achtsamkeit zum Bestand von Schul- und Hochschulbildung zu machen. Wenn Sie sich damit auseinandersetzen möchten, sollten Sie:

  • die Möglichkeit und den Willen haben, sich täglich etwa 10 bis 20 Minuten Zeit für die Achtsamkeitsübungen zu nehmen,
  • in der Lage sein, sich wirklich ehrlich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Menschen, die psychisch instabil sind, sollten sich ärztliche oder therapeutische Begleitung sichern, bevor Sie sich an Achtsamkeitsübungen probieren.

Klingt ganz einfach, ist aber in der Praxis sehr anstrengend, denn der Mensch ist nicht dazu gemacht, Dinge nicht zu bewerten. Und auch nicht dazu, nur auf die Gegenwart zu fokussieren. „Die Evolution hat es so eingerichtet, dass wir alles, was wir erleben, ständig mit Vergangenem, bereits Erlebtem und Erinnertem vergleichen und an unsere Zukunftserwartungen anpassen“, erklärt Niko Kohls. Das war vor ein paar Millionen Jahren durchaus nützlich, denn wer sich nur auf die Gegenwart konzentrierte und Erlebnisse nicht bewertete, war unter Umständen schnell tot. Stand plötzlich ein Säbelzahntiger vor einem, war es geschickter, wenn das Gehirn sich automatisch und ohne Zeitverlust erinnerte, dass man so einem Tier besser aus dem Weg ging. „Wenn wir aber diesem Autopiloten, der immer noch in uns steckt, zu viel Raum lassen, vergeben wir uns eine Chance, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen“, sagt der Experte.

Achtsamkeit ist eine innere Haltung

Wer achtsam ist, trifft Entscheidungen – darüber, wie er die Welt und sich wahrnehmen will. Er erlebt dasselbe, wie jemand, der nicht achtsam ist, doch er entscheidet sich vielleicht bewusst für eine andere Perspektive. „Nehmen Sie einen Stau“, erklärt Niko Kohls an einem Beispiel: „Sie können sich eine Stunde lang aufregen, weil Sie im Stau stehen und zu spät ins Büro kommen. Oder Sie können den Stau als willkommene Auszeit betrachten, der Ihnen eine Stunde Zeit schenkt – zum Beispiel für Achtsamkeitsübungen.“

Doch wie gelingt es denn nun, diese innere Haltung zu finden, in der uns nichts mehr aus der Bahn werfen kann? Angebote, die alle unter dem Etikett „Achtsamkeit“ verkauft werden, gibt es viele: Die Empfehlungen reichen von der Meditation über Achtsamkeitskurse, die erwähnten Malbücher für Erwachsene, die Anregung, Dankbarkeitstagebücher zu führen, zu gärtnern oder eine Schweigezeit einzulegen. Und nicht wenige davon kosten richtig viel Geld. „Achtsamkeit ist heute wie ein Black-Box-Container, in den jeder wirft, was ihm gerade dazu einfällt. Doch die meisten dieser Dinge beinhalten vielleicht Aspekte von Achtsamkeit, aber sie füllen das Konzept häufig nicht vollständig, denn meist lehren sie nur, wie man sich im Sinne von Aufmerksamkeit auf die Gegenwart fokussiert. Aber sie vergessen, dass es eben auch darum geht, das Nicht-Bewerten und damit Unvoreingenommenheit, Demut oder freundliche Neugier zu lernen.“

Achtsamkeit braucht Übung: die Meditation

Für Puristen der Achtsamkeitslehre gibt es dafür nur eine echte Übung: die Achtsamkeitsmeditation.

Die Achtsamkeitsmeditation

Die Achtsamkeitsmeditation geht auf Weisheitslehren wie die buddhistische, vor allem aber auch die christliche Meditationslehren zurück. Setzen Sie sich dafür bequem hin und sorgen Sie dafür, dass Sie mindestens zehn Minuten wirklich ungestört sind. Atmen Sie ruhig ein und aus und konzentrieren Sie sich auch gedanklich ganz auf den Atem. Schweifen Ihre Gedanken ab – und das werden sie – führen Sie sie einfach wieder zum Atem zurück. Wenn Sie diese Meditation regelmäßig trainieren, wird es Ihnen immer leichter fallen, die Gedanken zu zügeln – und es wird weniger anstrengend werden.

Der Body Scan ist ebenfalls eine Meditationstechnik, aber Sie gibt Ihren Gedanken etwas mehr „zu tun“. Probieren Sie einfach aus, ob Ihnen diese Methode am Anfang vielleicht leichter fällt. Legen Sie sich dazu bequem auf den Rücken, schließen Sie die Augen und konzentrieren Sie sich nun auf Ihren Körper. Beginnen Sie bei den Zehen und spüren Sie jedem kleinsten Körpergefühl nach. Das Gewicht der Decke, ein Jucken, vielleicht ist Ihnen warm – wandern Sie langsam gedanklich durch Ihren Körper und nehmen Sie ganz bewusst jedes dieser Gefühle wahr.

Bei beiden Übungen ist es wichtig, dass Sie sich auf die reine Wahrnehmung konzentrieren. Es gibt kein richtig oder falsch, denn genau das soll Achtsamkeit ja trainieren: Wahrzunehmen ohne zu bewerten.

„Das Einzige, worum es bei der Achtsamkeit wirklich geht, ist die Innenschau, die ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst“, sagt Niko Kohls. Und auch das sei viel anstrengender, als es im ersten Augenblick klinge. „Viele Menschen, die damit beginnen, sind erschrocken, wie schwer es ihnen fällt, sich zum Beispiel nur ein paar Minuten auf den eigenen Atem zu konzentrieren. Unser Geist rennt hin und her wie ein wild gewordenes Huhn, obwohl wir doch eigentlich gerade dabei sind, nichts zu tun.“ Diesen Ruhemodus, der eigentlich ein Unruhemodus ist, nennt die Neurobiologie das „Default Mode Network“, Vorgänge im Gehirn, die dafür verantwortlich sind, dass unsere Gedanken anfangen zu rasen, sobald wir zur Ruhe kommen könnten. „Wer die Achtsamkeitsmeditation trotzdem weiterverfolgt und regelmäßig trainiert, kann dieses ‚Default Mode Network‘ zumindest ein stückweit runterfahren und wirklich zur Ruhe finden.“

Allerdings: Das ist kein Automatismus und es ist auch nicht wie Radfahren, das man – einmal erlernt – nie wieder vergisst. „Achtsamkeit ist ein Weg, kein Ziel. Es ist wie ein Muskel. Beide nehmen ab, wenn sie nicht mehr trainiert werden.“ Schon dieser Satz macht klar: Stressbewältigung, Effizienz und Produktivität können kaum Ziele von Achtsamkeitsübungen sein, denn sie zielen ja auf Methoden und Instrumente, die man einmal lernt und immer einsetzt. „Wer achtsam mit sich und seiner Umgebung, seinen Mitmenschen umgeht, kann dabei auch lernen, mit Stress besser umzugehen, bewusster oder dankbarer zu leben, aber das sind eher Folgen der Achtsamkeit, nicht ihr Ziel“, sagt Niko Kohls.

Achtsamkeit für mehr Selbstbestimmtheit

Das Ziel ist die Selbstbeobachtung, die Fokussierung. Wer das schafft, holt sich auch ein Stück Kontrolle über sein Leben zurück, das sich für viele Menschen fremdbestimmt anfühlt. Sie haben das Gefühl, im Hamsterrad gefangen zu sein, das ein Anderer antreibt und in dem sie nur mitrennen müssen. „Wer lernt, Situationen wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten, lernt auch, sie aus einer neuen Perspektive zu betrachten und Auswege zu finden“, sagt Prof. Kohls. Deshalb eigne sich Achtsamkeit eben gerade nicht zur Selbst- oder Fremdoptimierung. Auch wenn viele Unternehmen inzwischen Achtsamkeitskurse buchen, um ihre Mitarbeiter produktiver, effektiver und ausgeglichener zu machen. „Wer eine neue Perspektive auf die Dinge findet, die ihn schon lange unzufrieden machen, reagiert nicht immer, wie sich die Unternehmen das wünschen, sondern auch schon mal genau gegenteilig“, erzählt Kohls aus Studien und Kursen in Firmen. Da habe es durchaus auch Mitarbeiter gegeben, die nach diesem Kurs nicht „auf Linie“ liefen – sondern kündigten. „Achtsamkeit gibt den Menschen Autonomie und damit Würde zurück und das kann sehr heilsam sein.“

Achtsamkeit in der Medizin

Achtsamkeitsbasierte Konzepte wurden vor ca. 30 Jahren in die westliche Medizin eingebracht. Man hatte festgestellt, dass vor allem Schmerzpatienten, denen keine Medikamente halfen, durch Achtsamkeitsübungen Erleichterung fanden. „An den Schmerzen änderte sich zwar nichts, aber die Patienten lernten, sie anders wahrzunehmen und anders mit ihnen umzugehen“, erklärt Prof. Niko Kohls. Heute wird die Achtsamkeit vor allem in der Psychotherapie eingesetzt. MBSR- oder MBCT-Therapien, also die „Mindfulness Based Stress Reduction“, die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, und die „Mindfulness Based Cognitive Therapy“, die Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie, werden vor allem bei Depressionen erfolgreich eingesetzt.

Auch vorbeugend bieten viele MBSR-Trainer Achtsamkeitskurse an. Diese Trainer sind zertifiziert und arbeiten nach strengen Vorgaben. Das ist ein gutes Kriterium, um Geldmacherei und seriöse Angebote zu unterscheiden. Teilweise übernehmen auch die Krankenkassen anteilig die Kosten für solche Kurse, die durch die Zentrale Prüfstelle Prävention akkreditiert sind.

#stolzTexte: Schreibtisch auf Zeit

In der Kategorie #stolzTexte zeige ich Ihnen in unregelmäßigen Abständen Texte von mir, die ich für besonders gelungen oder besonders relevant halte. Texte, die meine Vielfalt als Texterin zeigen, aber auch solche, die einfach Themen behandeln, die diskutiert werden müssen – meiner Meinung nach.

Heute geht es dabei um die „schöne, neue Arbeitswelt“. So nennen wir intern eine Serie, die in loser Folge im So!-Magazin erscheint, der Wochenendbeilage in allen Tageszeitungen der Verlagsgruppe Hof Coburg Suhl. Darin dreht es sich um die neuen Entwicklungen, die die Digitalisierung für die Arbeit mit sich bringt. Industrie 4.0., Firma ohne Hierarchien. Oder eben Coworking. Was das ist und wie es funktionieren kann, habe ich im Krämerloft in Erfurt ausprobiert:

Schreibtisch auf Zeit im Krämerloft

Wer einen Coworking Space nutzt, mietet sich einen Schreibtisch auf Zeit. Das ist praktisch für Selbstständige, aber auch Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter mittlerweile öfter ins Gemeinschaftsbüro mit Fremden. Zum Beispiel im Krämerloft in Erfurt.

Von Anita Grasse

Auf dem Tisch, der aussieht, als wäre er früher einmal Teil einer Tischtennisplatte gewesen, steht ein Laptop. Daneben liegen ein Smartphone, zwei Schreibblöcke, ein Kugelschreiber. Mehr braucht Jesssika Fichtel nicht zum Arbeiten. Die 27-Jährige Bloggerin und Autorin sitzt an diesem Tag im „Open Space“, dem großen Gemeinschaftsbüro im Krämerloft in Erfurt, in dem sich jeder spontan einen Schreibtisch mieten kann.

Der neueste Coworking Space der Stadt hat vor etwas mehr als einem Monat eröffnet. Er ist in einem Hinterhof untergebracht, nur fünf Gehminuten vom Erfurter Hauptbahnhof entfernt. Beim ersten Besuch läuft man schon einmal am Eingang vorbei, so unscheinbar wirkt er.

Wo man sich den Schreibtisch mit Fremden teilt

Innen setzen die Betreiberinnen Nicole Sennewald und Bianca Schön-Ott bewusst auf das Unperfekte. Die Wände sind absichtlich nicht glatt verputzt, als Beleuchtung im Gemeinschaftsarbeitsraum hängen Glühlampen in simplen, schwarzen Fassungen von der Decke. Für jeden Arbeitsplatz gibt es eine Verteilersteckdose. An den grünen Tischen blättert die Farbe ab und die Stühle sehen aus, als wären sie zu einer Zeit Büromöbel gewesen, als man Briefe noch mit der Schreibmaschine schrieb.

Dieser Raum, in dem Jessika Fichtel gerade arbeitet, wirkt kleiner – und gemütlicher! – als erwartet. 18 Arbeitsplätze gibt es hier, immerhin. Arbeitsplätze, die täglich und manchmal auch mehrmals am Tag neu besetzt werden. Jeder, der in Erfurt einen Ort zum Arbeiten sucht, aber die Ausgaben für ein eigenes Büro scheut, kann sich hier im Krämerloft einen Platz mieten. Das Angebot richtet sich ebenso an Menschen, die nur kurz in der Stadt sind wie an solche, die das Arbeiten in einem Coworking Space als Ergänzung zum normalen Büro betrachten.

Das ist Coworking

Coworking bedeutet „zusammenarbeiten“. Es bezeichnet eine Arbeitsform, bei der Unternehmen und Selbstständige einzelne Arbeitsplätze oder ganze Büros in einem Coworking Space mieten können. Oft werden dabei sehr kurze Mietzeiten vereinbart. So kann man Schreibtische für einen Tag buchen, aber auch monats- oder jahresweise abrechnen. Die Betreiber der Coworking Spaces bieten die notwendige Büro-Infrastruktur wie ein Internet-Netzwerk, Drucker und Kopierer an. Auch Meeting-Räume sind oft vorhanden.

Weil die Mieten in einem Coworking Space in aller Regel deutlich günstiger sind als die Kosten für eigene Büroräume, ist diese Arbeitsform vor allem bei Freiberuflern und Solo-Selbstständigen beliebt. Aber auch immer mehr Unternehmen schätzen den Austausch mit Vertretern verschiedener Branchen.

Nicole Sennewald und Bianca Schön-Ott, die Betreiberinnen des neuen Erfurter Coworking Space, stellen ihren Kunden die Infrastruktur, die man so zum Arbeiten im Büro braucht. Etwa einen Drucker oder Kopierer, aber auch ein Netzwerk für schnellen Internetzugang, eine gemütliche Lounge zum Austauschen und eine hochmoderne Küche mit einem unbegrenzten Vorrat an ausgezeichnetem Kaffee.

Coworking: Arbeiten nach dem Pippilotta-Prinzip

„Coworking ist für uns mehr als einfach nur Schreibtische oder Büros zu vermieten“, sagen die beiden Frauen. Sie haben das Krämerloft gemeinsam gegründet, im Februar war Eröffnung. „Coworking ist für uns eine Möglichkeit, Menschen wirklich zusammenzubringen. Sie sollen hier nicht nur im selben Raum arbeiten, sondern eine Umgebung vorfinden, die sie inspiriert, ins Gespräch zu kommen, zu netzwerken, Kooperationen aufzubauen, zu experimentieren und Neues zu wagen.“ Bianca Schön-Ott ergänzt nach kurzem Nachdenken: „Wir arbeiten hier sozusagen alle nach dem Pippilotta-Prinzip und machen uns zumindest die Arbeitswelt, wie sie uns gefällt.“

Das funktioniere super, bestätigt Jessika Fichtel. Seit der Eröffnung arbeitet sie im Schnitt einmal pro Woche hier. Die selbstständige Bloggerin und Autorin genießt die Abwechslung zum Büro in der eigenen Wohnung. „Ich arbeite gern von zu Hause aus, aber manchmal fehlten mir einfach Kollegen. Jetzt habe ich das Beste aus beiden Welten“, sagt sie. „Ich fühle mich hier sehr wohl und genieße die gemeinsame Mittagspause oder den Kaffee mit Menschen aus ganz anderen Branchen und Bereichen.“ Menschen wie Konstanze Wutschig. Die Fotografin nickt zustimmend, als die junge Bloggerin ins Schwärmen kommt.

Coworking geht auch mit festem Büro

Konstanze Wutschig ist einer der Coworker, die im Krämerloft nicht nur einen Schreibtisch mieten, wenn sie ihn brauchen, sondern einen festen Arbeitsplatz in einem der sechs Büros gebucht haben. Nicht jeden Tag ist sie hier, ein großer Teil ihrer Arbeit findet im Freien oder bei ihren Kunden statt. Aber die Büroarbeit und das Nachbearbeiten der Bilder erledigt sie heute eben nicht mehr im Homeoffice, sondern im Coworking Space.

Das Büro teilt sie sich mit mehreren anderen Coworkern, alle aus unterschiedlichen Branchen und längst nicht alle Selbstständige. Zwar fing die Coworking-Bewegung tatsächlich als Unterstützung für Solo-Selbstständige, kleine Start-ups und Freiberufler der Kreativbranche an. Doch allmählich entwickelt sich diese Form des Arbeitens weiter.

Für wen eignet sich Coworking?

Aber auch wenn inzwischen auch eine Lehrerin und ein reisender Versicherungsmakler zu den Coworkern im Krämerloft gehörten: Der Großteil der Coworker, nicht nur in Erfurt, kommt aus eher kreativen Berufen und ist selbstständig. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn so attraktiv Coworking wegen seiner großen Flexibilität sein kann, es ist nicht für jede Branche und jeden Menschen geeignet.

Wer sich zum Beispiel nicht gut konzentrieren kann, wenn es um ihn herum mal unruhig wird, bekommt in vielen Coworking Spaces Probleme. Auch wer mit viel Ausrüstung, zahlreichen Ordnern und Materialien arbeitet, ist mit einem festen Büro besser dran, denn Coworking im klassischen Sinne, also mit befristet gemietetem Arbeitsplatz, bedeutet auch, dass man alle Arbeitssachen jedes Mal neu mitbringen muss. Wer da die viel schleppen muss oder gerade die eine, wichtige Akte vergisst, hat Pech.

Checkliste: Ist Coworking etwas für mich?

Nicht für jede Branche und jede Stelle eignet sich Coworking. Ob diese neue Arbeitsform etwas für Sie sein könnte, klären diese Fragen. Je mehr Sie mit „Ja“ antworten können, desto wahrscheinlicher ist Coworking eine Option für Sie:

  1. Arbeiten Sie gern in Gesellschaft?

  2. Können Sie sich gut konzentrieren, auch wenn es um Sie herum mal unruhig wird?

  3. Brauchen Sie zum Arbeiten nur wenig Material, das sich leicht transportieren lässt?

  4. Können Sie sich gut selbst organisieren und haben auch ohne festen Rahmen ein gutes Zeitmanagement?

  5. Können Sie auf eine Festnetz-Büro-Telefonnummer verzichten?

  6. Können Sie auf ein festes Büro verzichten, das nur Sie benutzen?

  7. Brauchen oder wollen Sie den Austausch mit Menschen aus anderen Branchen?

  8. Wollen Sie beim Arbeiten ein Netzwerk aufbauen?

  9. Haben Sie wenig Kundenkontakt bzw. können Sie Kundengespräche in jeder Umgebung führen?

  10. Sind Sie oder Ihr Arbeitgeber bereit, zwischen 150 und 250 Euro monatlich für die Miete im Coworking Space zu investieren (Durchschnittswert, in jedem Coworking Space unterschiedlich)?

Auch Berufe mit viel Kundenkontakt finden sich in den meisten Coworking Spaces eher selten, es sei denn, die Coworker können Ihre Kunden überall bedienen. Dann stellen fast alle Coworking Spaces Konferenzräume zu Verfügung, die man mieten kann, um in Ruhe Geschäftstermine abzuwickeln. Für Fotografin Konstanze Wutschig klappt das super. „Meine Kundinnen reagierten durchweg begeistert von der neuen Option, auch im Krämerloft Porträtfotos von sich machen zu lassen“, sagt sie.

Familie und Beruf unter einen Hut bringen

Doch für die Kollegen von Timmy Hack zum Beispiel, mit dem sich die Fotografin ein Büro im Krämerloft teilt, wäre das schon weniger einfach. Timmy Hack ist als Marketing Manager bei „Hörgeräte Möckel“, einem Unternehmen mit Sitz im südthüringischen Meiningen, festangestellt. „Für mich klappt das mit dem Coworking Space super, für unsere Mitarbeiter, die vor Ort beim Kunden arbeiten und etwa Hörgeräte anpassen, wäre das aber kaum umsetzbar“, sagt er. Er selbst hätte Schreibtisch und Arbeitsplatz ebenfalls in Meiningen haben könnte. Genau das wollte der 31-Jährige aber nicht, der vor Kurzem zum zweiten Mal Vater geworden ist.

„Ich stelle die Familie im Moment über den Beruf, will meine Söhne aufwachsen sehen und meine Frau unterstützen können, wenn es nötig ist. Deshalb habe ich beim Vorstellungsgespräch um eine Lösung gebeten, die mir erlaubt, an meinem Wohnort in Erfurt zu arbeiten“, erklärt er.

Damit trifft er in diesem Coworking Space einen Nerv. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war vor anderthalb Jahren nämlich der Grund, warum Nicole Sennewald überhaupt einen (weiteren) Coworking Space in Erfurt gründen wollte. Und deshalb gibt es hier neben den Büros, den 18 Tischen im „Open Space“, der großen Küche mit Lounge, den Meetingräume und dem Telefonierzimmer auch ein buntes, üppig mit Spielzeug ausgestattetes Familienzimmer für all die Coworker, die ihre Kinder zur Arbeit mitbringen.

Jeder Coworking Space ist anders – probearbeiten lohnt sich

Auf dieses Weise hat jeder Coworking Space sein eigenes Profil. Das System ist zwar überall gleich, die Ausrichtung aber immer ein bisschen anders. Es lohnt sich also, sich verschiedene Coworking Spaces anzusehen, wenn man mit dieser Form der Arbeit liebäugelt. Vor allem in größeren Städten gibt es inzwischen meist mehrere Anbieter und langsam ziehen auch kleinere Orte nach. Eine vollständige Übersicht über alle deutschen Coworking Spaces gibt es nicht – dafür sind zu viele zu unterschiedliche Anbieter auf dem Markt. Es gibt große Ketten, die gleich mehrere Coworking Spaces in verschiedenen Städten betreiben und kleine, private Initiativen wie die in Erfurt.

Global Coworking Survey – Prognose 2017

Jedes Jahr erscheint die „Global Coworking Survey“, eine Umfrage zu Entwicklungen und Erwartungen der Coworking Spaces weltweit. An der aktuellen Fassung vom 9. November bis 23. Dezember 2016 beteiligten sich insgesamt 1876 Befragte. Das Ergebnis:

  • Bis Ende 2017 wird es weltweit etwa 14000 Coworking Spaces geben.
  • Bis Ende 2017 werden weltweit fast 1,2 Millionen Menschen in Coworking Spaces arbeiten.
  • Jeder fünfte Coworker arbeitet zu sehr unregelmäßigen Zeiten.
  • Etwa 40 Prozent der Coworker kommen mindestens jeden Werktag in den Coworking Space, etwa 30 Prozent drei- bis viermal pro Woche.

Nachzulesen sind Details der „Global Coworking Survey“ bei deskmag, einem Onlinemagazin über neue Arbeitsformen.

Timmy Hack hat sich für letztere entschieden und für seinen Arbeitgeber sei dieser Wunsch nach wohnortnahmen Arbeiten kein Problem gewesen. „Unser Geschäftsführer ist selbst Vater und beobachtet zudem die Trends, die vor allem die Digitalisierung für den Arbeitsmarkt bedeuten, genau. Er war sehr offen, was meinen Vorschlag anging, es mit dem Coworking Space zu versuchen.“

Coworking trotz Festanstellung? Das sagen Arbeitgeber

Das ist nicht selbstverständlich, denn auch für Timmy Hacks Arbeitgeber bedeutete diese Lösung zunächst Mehraufwand. Es mussten Server und Datenverbindungen eingerichtet werden, mit denen Timmy Hack auch von Erfurt aus sicher auf Kundendaten zugreifen konnte. Und wer sich nur einmal pro Woche persönlich sieht, muss auch sein Kommunikationsverhalten anpassen, effektiver gestalten. Doch „Hörgeräte Möckel“ ist nicht das einzige Unternehmen, das diese zusätzlichen Anstrengungen auf sich nimmt, um gute Mitarbeiter zu finden – und zu halten.

Auch Sven Lindig, Geschäftsführer der Lindig Fördertechnik GmbH in Krauthausen bei Eisenach, hat einen Arbeitsplatz im Krämerloft für einen seiner Mitarbeiter gemietet. Der Fachkräftemangel setze seinem Unternehmen zu. Längst ließen sich nicht mehr alle offenen Stellen mit Personal aus der Region besetzen und es gebe einige Mitarbeiter, die in Erfurt wohnten statt in der Wartburgregion.

„Wir öffnen uns im Zuge von New Work auch für neue Arbeitsformen und wollen so als Alternative zum Homeoffice auch den Coworking Space anbieten“, erklärt er. Er sieht darin vor allem drei Vorteile: Mitarbeiter, die nicht ständig pendelten, sparten erstens Zeit und zweitens Kraftstoff, schonten somit auch die Umwelt. Und der „potenzielle Vernetzungseffekt“ sei ebenfalls nicht zu unterschätzen. „Vielleicht ergibt ein Gespräch mit jungen Gründern eine Innovation?“, hofft er.

Diesen Vorteil sieht man auch bei „Hörgeräte Möckel“ in Meiningen. „Der Austausch führt zu neuen Ideen und Arbeitsansätzen und damit letztlich auch zu besseren Arbeitsergebnissen. Viel wichtiger aber ist, dass Unternehmen, die ihren Mitarbeitern die Möglichkeit geben, wohnortnah und zeitlich flexibel zu arbeiten, motiviertere, leistungsfähigere und bessere Mitarbeiter bekommen“, sagt Timmy Hack. „Meine Generation will mehr vom Leben als nur viel Geld. Ich bin meinem Arbeitgeber sehr dankbar dafür, dass ich meine Familie über alles stellen, aber auch auf meine Selbstverwirklichung nicht verzichten muss. Und das gebe ich mit Leistung zurück.“

#StolzTexte: „Zuhause nebenan – Muslime in Deutschland“

Ich gebe mir bei jedem Text Mühe. Natürlich. Sonst hätte ich nicht so viel Spaß an meinem Job. Aber manchmal gibt es da diese Beiträge, an denen das Herz ein Stückchen mehr hängt als an anderen: Texte, in denen besonders viel und intensive Arbeit steckt – in der Recherche, in der Dramaturgie oder einfach in der Formulierung – und deren Botschaft wichtig ist. So ein Text von mir ist Ende September als Titelgeschichte im So! erschienen, dem Wochenendmagazin der Zeitungen aus der Verlagsgruppe Hof Coburg Suhl. Unter dem Titel „Zuhause nebenan – Muslime in Deutschland“ habe ich versucht so unvoreingenommen und neutral wie möglich zu berichten, wie die Lage ist, wo Probleme liegen und wie die, über die alle Welt redet, statt mit ihnen zu reden, die Situation betrachten:

Zuhause nebenan – Muslime in Deutschland

Mehr als vier Millionen Muslime leben in Deutschland, Tendenz steigend, denn auch viele Flüchtlinge gehören dem Islam an. Und trotzdem: Kontakt haben Muslime und Nichtmuslime hierzulande kaum. Doch was fremd bleibt, macht Angst und Furcht führt zu Abwehr und Aggressivität. Grund genug hinter die Kulissen zu schauen und zu fragen: Wie leben, denken und fühlen die Muslime hier in Deutschland heute? Ein Besuch in einer fremden Welt.

Von Anita Grasse

Sabrin Semmo ist Anfang 30. Sie trägt enge helle Hosen, einen figurbetonten Blazer über dem langen Spitzentop und ein farblich abgestimmtes Kopftuch. Ihre Augen sind sorgfältig geschminkt und in ihre Riesenhandtasche passt alles, was man im Alltag mit zwei Kindern so braucht. Mit ihren Söhnen Mustafa und Noah steht sie vor der Majid al’Itidal-Moschee in Hannover. Ein unauffälliger heller Bau, von außen lässt nichts erahnen, dass es sich hier um ein Gotteshaus handelt. Der Moscheebesuch am Sonntag gehört zur Routine der gläubigen Muslima.

Von 11 bis 14 Uhr haben die Jungs hier Unterricht: Sie lernen die arabische Sprache und Schrift, lesen den Koran – und lernen, ihn teilweise auswendig zu rezitieren – und in der dritten Stunde geht es um die Auslegung ihrer Religion. Für mich war das fremd – und befremdlich. Ein Sechs- und ein Neunjähriger, die sonntags freiwillig in die Schule gehen und dann für eine religiöse Unterweisung? Nichts ist meiner eigenen Kindheit ferner. Aber für Sabrin Semmo ist die Religion ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags und sie sagt: „Ich habe mir sehr bewusst eine muslimische Gemeinde ausgesucht, die den Islam lebt, wie ich ihn verstehe: Als eine Religion, die Frieden und Gewaltfreiheit zur obersten Maxime erhebt. Und ich will, dass meine Kinder von klein auf mit dieser Interpretation aufwachsen. Damit sie, wenn sie in die Pubertät kommen und eine dieser kranken Phasen haben, stark bleiben. Wenn ihnen dann ein sogenannter Salafist entgegentritt und ihnen erzählen will, sie würden den falschen Islam leben und sie zu einem Islam aus Gewalt und Terrorismus zu ‚bekehren‘ versucht, dann sollen sie selbstbewusst und gut informiert zu ihrer Religion stehen können.“

Gewalt ist Sünde – ohne Ausnahme

In der Moschee in Hannover hat man dazu eine ziemlich eindeutige Meinung und die teilt auch Krim Seghiri, Vorsitzender der muslimischen Gemeinde in Weimar: Wer einen anderen Menschen verletzt, ihm Gewalt antut oder dabei hilft, begeht eine schwere Sünde. Und davon gebe es keine Ausnahmen. „Das Schlimme ist, dass die Menschen sich heute selbst aussuchen wollen, wie der Koran zu interpretieren ist“, sagt eine freundliche Frau mit dunklem, langem Kleid und Kopftuch in der Majid al’Itidal-Moschee in Hannover. So würden Terroristen sich aus der Religion ihr Weltbild zimmern. „Aber das geht so nicht. Wie der Islam zu interpretieren ist, kann nicht jeder für sich entscheiden. Das haben Gelehrte in Jahrhunderten weitergegeben. Als gläubige Muslime müssen wir uns an alle Regeln unserer Religion halten, nicht nur an die, die uns passen“, sagt sie aufgebracht.

Auch Krim Seghiri formuliert das so oder so ähnlich immer wieder. Das Problem, sagt er, sei, dass Religion und Tradition immer häufiger vermischt werden. Da würden Regeln im Namen des Islam aufgestellt, die damit gar nichts zu tun hätten, sondern schlicht auf Sitten und Bräuchen einzelner Ländern beruhten. „Das ist aber ein Unterschied. Und einer, den vor allem diejenigen begreifen müssen, die neu hier nach Deutschland kommen. An meinem Glauben kann und soll ich mich festhalten – immer und überall. Aber Sitten und Gebräuchen muss ich mich anpassen können, wenn ich in ein neues Land komme. Ich muss neugierig sein und lernen wollen, wie das Leben hier funktioniert.“ Deutschland, das sage er den Flüchtlingen oft, sei nicht ein Brot, auf dem nur Butter liege. Es sei hier süß und da scharf, aber man müsse eben das ganze Brot essen, wenn man sich für Deutschland entschieden habe.

Muslimische Flüchtlinge brauchen Orientierung

Krim Seghiri ist Vorsitzender der muslimischen Gemeinde in Weimar und sieht in diesen Tagen erschöpft aus. Jeden Sonntag fährt er nach Augsburg, wo er die Woche über arbeitet. Am Wochenende leitet er nicht nur regelmäßig das Freitagsgebet in dem etwas traurigen Kellerraum, der in Weimar die Moschee ist. Er besucht auch die Flüchtlinge in den Einrichtungen in und um Weimar, ist Ansprechpartner für Behörden und die christlichen Kirchen, die sich hier um eine Ökumene bemühen. Zum Ausruhen kommt er kaum. Doch er winkt ab. Es sei wichtig, dass die Muslime hier einen Ansprechpartner hätten – das gelte vor allem auch für die Flüchtlinge.

„Der übergroße Teil von ihnen sind arme Bauern. Man muss ihnen die grundlegendsten Regeln des Zusammenlebens hier in Deutschland erklären, um Konflikte zu verhindern“, sagt er. Dass man den Müll trennt, ab 22 Uhr auch in der Wohnung Ruhe herrscht, Abfall nicht einfach in die Gegend geworfen wird – all diese Dinge seien für sie unbekannt und in den Erstaufnahmeeinrichtungen würden sie nicht darauf vorbereitet. Die Konflikte entstünden dann, wenn sie in eigene Wohnungen ziehen. Doch die Flüchtlinge seien nur eine Seite einer potenziell problematischen Nachbarschaft. Auch andersrum begegneten Muslime ständig Ressentiments. „Ich kenne eine Familie, die haben beim Einzug extra für jede der anderen Mietparteien Blumen gekauft und sind von Tür zu Tür, um sich vorzustellen. Man hat die Blumen entgegengenommen, aber seither gab es keinen weiteren Kontakt. Die Nachbarn grüßen die Familie nicht einmal.“ Doch auf der anderen Seite seien dann wieder Geschichten wie die von der jungen Muslima, die dringend ein neues Kleid samt Kopftuch brauchte. Das, was man ihr über die Gemeinde besorgt hatte, passte nicht, war viel zu groß. „Da hat eine deutsche Nachbarin sie einfach eingeladen, sich online zwei Kleider samt Kopftuch auszusuchen. Einfach so!“, sagt Krim Seghiri immer noch überrascht und lächelt.

Mit Alkohol und Drogen gegen Verzweiflung und Angst

Geschichten wie diese geben ihm Kraft. Zwar hätte er bisher noch keine körperlichen Angriffe auf Muslime erlebt, aber das Misstrauen und die Alltagskonflikte setzen ihm zu. Zumal er es nicht gutheißt, wenn Flüchtlinge aggressiv auftreten, er aber verstehen kann, wie diese Aggressivität entsteht. „Ich besuche regelmäßig die Flüchtlingsunterkünfte. Eines Tages war ich gerade im Gespräch mit einem jungen Mann, als sein Handy klingelte. Ich war dabei und habe mitanhören müssen, wie seine alte Mutter in ihrer Panik mit ihm sprach, während ihre Straße unter Beschuss genommen und zerbombt wurde. Die Mutter ist allein mit der vielleicht zwei Jahre alten Tochter des Mannes zurückgeblieben. Und jetzt muss er hören, wie sie in Todesgefahr sind und kann ihnen nicht helfen“, sagt er und muss das Gespräch dann unterbrechen. Zu nahe geht ihm die Erinnerung.

„Aggressivität ist keine Lösung und niemals wird sie vom Islam legitimiert. Aber ich kann verstehen, dass die Männer so reagieren. Einige von ihnen schlafen nicht mehr, aus Angst, in der Zeit könnte ihren Familien etwas passieren. Andere flüchten in den Alkohol, um zu vergessen. Und beides macht irgendwann aggressiv.“ Wie dem Herr zu werden ist, weiß er nicht. Und vermutlich wird es darauf auch keine Antwort geben, solange im fernen Osten der Krieg tobt und täglich auf furchtbare Weise Leben auslöscht.

Flüchtlinge und Einheimische in Kontakt zu bringen, ist schwer

Auch Sabrin Semmo hat Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht, wenn auch viel weniger dramatische. Einige von ihnen waren in der Turnhalle neben der Schule ihres Sohnes einquartiert. „Ich habe ihm zuerst verboten, zu zeigen, dass er arabisch versteht, weil ich nicht wollte, dass er mit ihnen in Kontakt kommt“, gibt sie zu und wirkt verlegen. Sie, die doch immer gegen jede Art von Ungerechtigkeit kämpft, ist für einen Moment Opfer ihrer eigenen Ängste geworden. Zum Glück teilte Mustafa sie nicht. „Er ist neugierig und hat natürlich doch schnell Kontakte geschlossen“, sagt sie und lacht. Heute organisiert sie Grillfeste mit, die helfen sollen, Flüchtlinge und Anwohner in Kontakt zu bringen. Genutzt hat es wenig. „Die, die sich am lautesten über die Flüchtlinge und ihre Unterbringung in unserer Gegend aufregen, sind die, die zu solchen Veranstaltungen niemals auftauchen“, sagt sie.

Sie versucht zu vermitteln, ist dafür gut geeignet: In Deutschland geboren und aufgewachsen, Tochter eingewanderter Libanesen. Ihr eigener Freundeskreis besteht aus Menschen ganz unterschiedlicher Nationalität und Religion. Sabrin Semmo spricht deutsch – mit ihren Kindern und auch sonst meistens. Arabisch, die Sprache ihrer Eltern, spricht sie aber ebenso fließend. Sie klinge dabei nur „seltsam“, sagt sie und lacht dann. Sie könne einen bestimmten Laut, ein „K“, das tief in der Kehle gebildet wird, einfach nicht richtig sprechen. „Das kommt aber in jedem zweiten Satz vor“, sagt sie und man hört ihr den Frust an. Auch deshalb sollen die Jungs früh die Sprache ihrer Großeltern lernen. Die stammen aus dem Libanon und leben ein eher traditionelles Rollenbild. Auch in Sabrins Jugend gab es diese Situationen, die wir heute mit Islam verbinden – und die uns dieses unbehagliche Gefühl im Bauch verursachen: Allein abends das Haus verlassen? Kurze Röcke und enge Kleidung tragen? Alles schwierig. Tat sie nicht. Und ärgerte sich doch über die Einschränkungen. Damals. „Heute weiß ich, dass sich viel davon nur in meinem Kopf abspielte. Es gab nie ein Ausgehverbot durch meine Familie, ebenso wenig wie Bekleidungsvorschriften, aber in meinem Kopf gab es dieses Bild davon, was ein anständiges Mädchen tut und was nicht“, sagt sie heute. Sie hat ihren eigenen Weg gefunden, ihre persönliche Freiheit zu erhalten und trotzdem eine „gute Muslima“ zu sein.

Zwischen Kopftuch, Burka und Burkini

Sie weiß, dass ihre körperbetonte Kleidung und ihr Make up bei einigen Muslimen nicht gut ankommen. Als wir darüber reden und die Sprache auch auf die Vollverschleierung kommt, reckt sie angriffslustig das Kinn. „Es gibt im Islam keine Regel, die einen Gesichtsschleier vorschreibt und es ist keine Sünde, ihn nicht zu tragen. Also warum tun diese Frauen das hier in Deutschland? Soll das eine Provokation sein? Dann verstehe ich den Grund dafür nicht!“, sagt sie und ihre Stimme wird immer lauter.

Ihr Kopftuch, findet sie, falle in eine andere Kategorie. „Ich zeige mein Gesicht, man hört mich nicht nur, wenn ich rede, sondern man sieht mich auch. Das finde ich wichtig.“ Außerdem beantworte sie gerne jederzeit jede Frage, die andere Menschen zu ihrer Religion und auch zu ihrer Kleidung hätten, sagt sie. Vollverschleierte Frauen täten das ihrer Erfahrung nicht. Sie schotteten sich bewusst ab. Deshalb finde sie es auch schwer auszuhalten, wenn die Burka – also der Ganzkörper- und Gesichtsschleier und der Burkini, der Badeanzug mit integriertem Kopftuch und langen Armen und Beinen, in einen Topf geworfen würden. Burka würde sie nie tragen, den Burkini finde sie super. „So können meine Jungs mit ihrer Mutter Spaß im Bad haben und das ist für mich das Wichtigste!“ Dafür nehme sie auch seltsame Blicke und Getuschel in Kauf – und freue sich, wenn Kinder auf sie zukämen und neugierig nach ihrer „komischen“ Kleidung fragten. „Ich beantworte dann jede einzelne Frage – auch wenn ich sie schon hundertmal gehört habe und vielleicht seltsam finde. Aber so lernen meine Söhne, dass wir zwar anders leben als viele andere Menschen in Deutschland, uns aber nicht abgrenzen, nicht isolieren und uns auch nicht für etwas Besseres halten.“

Ein guter Mensch sein – nicht „gut angezogen“ sein

Letzteres, sagt sie, sei ein ganz wichtiger Punkt. Im Islam gehe es vereinfacht darum, ein guter Mensch zu sein. „Wenn ich also Kopftuch trage und meine Nachbarin kurze Shorts und ein Trägertop sagt das doch nichts darüber aus, ob ich ein besserer Mensch bin. Vielleicht hat sie heute schon anderen Menschen geholfen – oder ihnen ein Lächeln geschenkt. Dann ist sie vielleicht viel weiter als ich“, sagt sie.

Als ich diese Episode später Krim Seghiri erzähle, lächelt er und nickt. Menschen gut zu behandeln, sei ein Kern seiner Religion, sagt er. „Gastfreundschaft zum Beispiel ist etwas, was uns nicht nur empfohlen wird, sondern uns als Pflicht auferlegt ist. Ein Gast muss verwöhnt und wie ein König behandelt werden.“ Vielleicht sollten deutsche und muslimische Nachbarn einander also einfach ab und an zu Gästen machen.

Widerspruch der „Lügenpresse“

Vor kurzem habe ich auf der Komplextext-Facebookseite den 100. Fan begrüßt. Um das zu feiern, durfte dieser Fan das Thema des nächsten Blogposts bestimmen, dieses Posts also. Der Auftrag lautete: „Immer wieder taucht in den letzten Monaten der Begriff ‚Lügenpresse‘ auf. Wie sehen Sie als ‚Frau vom Fach‘ diese Erscheinung? Wie würden Sie ein Plädoyer verfassen, wenn Sie ihren Berufsstand fiktiv verteidigen müßten- meinetwegen in einem Blog?“

Das ist ein Thema, über das ich lange nachdenken musste, weil es für mich eines ist, über das ich abendfüllend diskutieren kann und das ich weit weniger eindeutig finde, als man vielleicht glaubt. Das alles in einen Post zu gießen, der kein Roman ist, aber auch nicht nur die alten Phrasen widerkäut, war nicht so einfach – zumal mir wichtig war, dass meine Argumentation auch für jene Leser nachvollziehbar wird, die nicht zur Filterbubble der Medienmacher gehören. Hier also ist der Versuch einer Erklärung:

 

Mein erstes Praktikum in einer Tageszeitungsredaktion machte ich mit 17. Das war eine Zeit, als die Zeitung noch schwarz-weiß gedruckt und die Fotos noch auf Film geliefert und selbst entwickelt wurden. Es war eine Zeit, in der ich eine Menge über das Selbstverständnis meines Berufs gelernt habe. Eine wichtige Lektion brach damals bei einem lächerlichen Einspalter (Meldung in einer Randspalte, in diesem Fall sogar mit Bild, also vergleichsweise lang, aber kein großer Text) über mich herein. Ich hatte ein Ferienprogramm besucht. Was angeboten wurde, weiß ich nicht mehr, aber ich weiß noch, dass ich schrieb, Eltern wüssten ihre Kinder dort gegen ein „geringes Entgelt“ gut betreut, wenn sie in der Ferienzeit arbeiten müssten. Ein Redakteur las meinen Beitrag und setzte sich dann mit mir hin, um ihn zu besprechen. Und das erste, was flog, war die Formulierung „gegen ein geringes Entgelt“. Warum? Sinngemäß sagte er damals: „In einer Nachricht haben Kommentierungen und Wertungen nichts verloren. Darin informieren wir neutral. Also schreibst du entweder, wie viel genau die Eltern zahlen müssen – oder du lässt es ganz weg.“ Das hat mich geprägt. (Gebe ich heute Seminare, sitzen vor mir meist PR-Verantwortliche, doch eine der ersten Lektionen, die sie bei mir lernen, lautet: Benutzt die journalistischen Darstellungsformen trennscharf. Es gibt nicht umsonst so viele verschiedene!)

Schludriges Handwerk durch zu wenig Zeit

Heute sieht so ein Praktikum in einer Redaktion leider oft anders aus. In den meisten Lokalredaktionen in Thüringen zum Beispiel sitzen viel zu wenig Redakteure, die jeden Tag viel zu viele Seiten füllen müssen. Das soll weder eine Entschuldigung für schludriges Handwerk noch wehleidiges Klagen über die guten, alten Zeiten sein. Vielmehr ist es ein Aspekt einer Erklärung, wie die Medien ihre Glaubwürdigkeit so verspielen konnten. Denn das haben sie. Die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Menschen in das, was wir schreiben oder senden, ist nicht einfach so verschwunden, wir selbst haben einen guten Anteil daran. Aus verschiedenen Gründen.

Der erste: Auch in den Medien ist Meister Sparhans seit Jahren der einzige Kumpel der Geschäftsleitungen. Innovationen finden kaum noch statt, Entwicklungen hetzen wir hinterher, statt sie selbst zu gestalten. In der Lokalredaktion sieht das so aus: Da Fotos nicht mehr entwickelt und mit Digitalkameras endlos viele geschossen werden können, spart man vielerorts am Fotografen. Wenn der Lokalredakteur (oder Praktikant) ein paar Dutzendmal auf den Knopf drückt, wird schon ein Bild dabei sein, dass nicht unscharf ist und auf dem alle die Augen öffnen. Dass der Redakteur in diesem Moment, in dem er sich minutenlang darauf konzentrieren muss, ein brauchbares Bild zu machen, nicht mehr für seinen Text recherchieren kann, ist egal.

So entstehen aber die „Protokolltexte“ – Beiträge, die den offiziellen Sermon einer Veranstaltung widergeben und mehr nicht. Die Randbemerkungen und unterschwelligen Töne bekommt der Redakteur nicht mehr mit, denn Zeit, um nach dem offiziellen Teil zu bleiben, hat er nicht. In der Redaktion sitzt der Kollege nämlich unterdessen allein und muss drei bis vier Lokalseiten füllen (natürlich gibt es auch größere Lokalredaktionen mit deutlich mehr Seiten und ein paar mehr Kollegen). Er hetzt also in die Redaktion, hackt seinen Text in die Tasten, bearbeitet sein Foto, schiebt es auf die Seite und hetzt zum nächsten Termin. Um mit einem Praktikanten dessen Texte zu besprechen und ihm zu erklären, welche Regeln das Handwerk bestimmen, bleibt oft überhaupt keine Zeit.

Elitärer Dünkel verprellt Leser

Doch neben den Rahmenbedingungen, die in unserem Beruf immer schlechter werden, haben wir unsere Leser auch selbst verprellt. Schon im ersten Semester des Journalistik-Studiums hat man uns beigebracht, uns als „Elite“ zu sehen. Warum? Weil wir diejenigen mit der Informationshoheit seien, diejenigen, die alle Informationen hätten, die verantwortlich (!) auswählten, kuratierten, bewerteten und veröffentlichten, was wir für wichtig hielten – und damit bestimmten, welche Informationen all die anderen bekämmen, um sich eine Meinung zu bilden. Das Gatekeeper-Modell. Der Journalist als Wächter am Tor der Information, der bestimmt, was durchgehen darf und was nicht.

Das Dumme ist nur: dieses Modell ist längst passé. Jeder kann jederzeit und an jedem Ort jede Information finden, die er sucht (und auch die, die er nicht sucht). Die Menschen brauchen keinen elitären Gatekeeper, sondern jemanden, der ihnen erklärt, welche Information seriös ist und welche tendenziös. Sie brauchen Journalisten, die Spezial- und Hintergrundwissen haben – und zwar genug, um neue Informationen darin einzubetten und zu erklären, was diese Informationen bedeuten und bewirken. Sie brauchen starke Analysten und fundierte Meinungsmacher (nicht zu verwechseln mit Stimmungsmachern!). Sie brauchen niemanden, der ihnen sagt, was geschehen ist, sondern vor allem jemanden, der ihnen erklärt, wie es geschehen ist, warum und warum das wichtig ist.

Diese Rolle haben viele von uns aber nicht oder nicht rechtzeitig angenommen. Damit haben wir die Leser vergrätzt, weil die sich bevormundet, nicht ernst genommen fühlen. Sie finden sich nicht wieder in unseren Medien (und damit meine ich nicht, dass sie mit ihrem Vereinsfest in der Zeitung sind, sondern dass Journalisten ihren Sorgen und den Themen, die sie bewegen, ernsthaft nachgehen). Und dummerweise reagieren sie darauf nicht nur, indem sie sauer ihr Abo abbestellen, sondern indem sie erst der Zeitung und dann „den Medien“ unterstellen, sie würden ja eh gelenkt, dürften gar nicht schreiben, wovon der Leser selbst gern hätte, dass sie es täten. Das ist er, der Vorwurf „Lügenpresse“.

Nun ist aus diesem Post doch schon ein halber Roman geworden, und bei meiner eigentlichen Aufgabe, die Medien zu verteidigen, bin ich noch gar nicht angekommen. Ich glaube aber auch nicht, dass eine Verteidigungsrede viel nützt. Das einzige, was unsere Glaubwürdigkeit wiederherstellen kann, ist Transparenz. Deshalb will ich hier kurz erklären, wie wir Journalisten den lieben, langen Tag arbeiten und wie es zu den Erscheinungen kommen kann, die die Kritiker als Bestätigung für ihre „Lügenpresse“-These betrachten. Doch das Folgende ist dabei nur beispielhaft zu sehen, denn ich kann nur aus meinen eigenen Erfahrungen berichten und die begrenzen sich im Wesentlichen auf eine Tageszeitung in Thüringen. In anderen Redaktionen, vor allem in anderen Mediengattungen, kann das alles ganz anders aussehen:

Warum schreiben alle dasselbe?

10 Uhr: Arbeitsbeginn (wenn nicht vorher schon Termine anstanden). Der Redakteur fährt seinen Rechner hoch, bespricht mit den Kollegen, was den Tag über ansteht, welche Geschichten in der Pipeline sind, welche Termine heute besetzt werden müssen, welche Beiträge wo auf den Seiten und in welchem Umfang platziert werden sollen. Danach starten alle mit einer ersten Runde Recherche: auf Termin, am Telefon, online, in den Agenturen.

Und hier liegt schon die erste Erklärung für ein viel beschimpftes Phänomen: „Ihr schreibt doch eh alle dasselbe!“ Oft stimmt das leider (wenn auch gerade bei Pegida und Co. nicht, weil da viele Redaktionen inzwischen die Berichterstattung selbst abdecken), aber nicht, weil wir alle einen Anruf von der Kanzlerin oder ihren Mitarbeitern bekommen und auf Linie gebracht werden, sondern weil wir schlicht alle dieselben Nachrichtenagenturen benutzen.

Nachrichtenagenturen gibt es weltweit. Sie sammeln Informationen, bereiten sie auf und schicken sie an die Redaktionen (die diesen Dienst kostenpflichtig abonnieren). Die Nachrichtenagenturen habe hohe journalistische Standards und Zugang zu den wirklich wichtigen Informationen (vor allem zu jenen, die eine normale Lokalzeitung nicht selbst abdecken kann, wie zum Beispiel Außenpolitik und weite Teile der „großen“ Innenpolitik). Sie sind zuverlässig und seriös und deshalb für Journalisten eine wichtige Quelle. Aber es gibt nicht so wahnsinnig viele davon, die in Deutschland eine Rolle spielen, weshalb die meisten Redaktionen im Land von denselben Agenturen beliefert werden – und wenn deren Material übernommen wird, stehen in den Blätter eben dieselben Dinge, meist auch im selben Wortlaut.

12 Uhr: Lokalkonferenz. Die Lokalchefs tauschen sich in einer Telefonkonferenz darüber aus, was sie für die aktuelle Ausgabe planen, welche Themen und Termine sie an diesem Tag recherchieren. Das ist wichtig, weil viele Zeitungen Lokalredaktionen betreiben, deren Gebiete sich überschneiden und die deshalb Themen und Geschichten untereinander austauschen. Ein Beispiel: Wer in Bad Langensalza wohnt, kann sich auch für Themen aus Mühlhausen interessieren, weil das die Kreisstadt ist, also klären die Lokalredaktionen in Mühlhausen und Bad Langensalza regelmäßig, ob der eine Geschichten hat, die der andere in seiner Ausgabe auch veröffentlichen sollte. Das dient nicht der „Gleichschaltung“, sondern ist eigentlich ein Service für den Leser, der – egal, welche Ausgabe er liest – gleich gut informiert sein soll.

Warum erscheinen „ständig“ Falschmeldungen?

16 Uhr: Produktion. Spätestens um diese Zeit werden die Kollegen nervös, die die Seitenproduktion überwachen und steuern, wenn die Lokalredakteure immer noch nichts geschrieben haben. Die sind aber oft noch unterwegs oder hängen am Telefon, um ihre Geschichten „rund“ zu kriegen.

Das ist weniger einfach als gedacht, jedenfalls, wenn man es handwerklich richtig machen will, denn dann gehört dazu zum Beispiel, dass man immer beide Seiten eines Konflikts zu Wort kommen lässt (schwierig, wenn man eine Seite einfach nicht erreicht oder derjenige sich stur stellt und nichts sagen will). Dazu gehört aber auch, dass man sich Informationen von mindestens zwei unabhängigen Quellen bestätigen lässt, was gerade im Lokalen schwer ist, denn da gibt es für eine Information oft nicht so viele in Frage kommende Quellen.

Läuft die Recherche nicht so rund wie erhofft, muss der Journalist spätestens um diese Zeit abwägen: Schieben wir die Geschichte noch einen Tag, um in der Recherche auf Nummer sicher zu gehen oder bringen wir sie wie geplant? Schön wäre es, wenn diese Entscheidung nur getragen würde durch journalistische Sorgfalt und Integrität, oft genug sprengt aber banaler Pragmatismus diese Überlegungen: Haben wir eine andere Geschichte, die den geplanten Platz ausfüllen kann? Gibt es eine Konkurrenzzeitung, die die Geschichte vor uns bringen könnte, wenn wir länger warten? Diese Abwägungen führen manchmal dazu, dass Geschichten veröffentlicht werden, bevor sie wirklich fertig sind. Und das hat gelegentlich zur Folge, dass sie sich im Nachhinein im Detail oder insgesamt als falsch oder zumindest nicht ganz korrekt erweisen. Und wieder fühlen sich die „Lügenpresse“-Rufer bestätigt.

18 Uhr: Schlussproduktion. Jetzt sind die Seiten zum größten Teil gefüllt. Die Kollegen lesen Texte Korrektur (Ja, das wird wirklich noch gemacht, aber nach einem solchen Arbeitstag verschwimmen einem manchmal die Buchstaben vor Augen und eigene Fehler sieht man erst Recht nicht mehr), basteln noch mal an besseren Überschriften, fügen die letzten Fotos ein, schreiben die Teaser, die auf der ersten Seite darauf hinweisen, was den Leser im Lokalteil erwartet, machen die Seitenplanung für den nächsten Tag. Manche bestimmen jetzt auch noch, was auch im Onlineauftritt und auf Facebook veröffentlicht wird (manche haben dafür aber auch eigene Mitarbeiter). Dann verschwinden irgendwann zwischen 19 und 21 Uhr die Redakteure zu Abendterminen oder in den Feierabend, während die Zeitung in den Druck geht.

Wir machen Fehler, aber wir lügen nicht bewusst

Dass die Menschen auf der Straße uns nicht mehr glauben, kann ich verstehen. Dass sie sauer sind, auch. Ich kann sogar ein gewisses Verständnis dafür aufbringen, dass sie uns als „Lügenpresse“ beschimpfen, auch wenn ich finde, wer Sorgfalt fordert, sollte die auch in seinen eigenen Formulierungen walten lassen. Was ich weder verstehen noch akzeptieren kann, ist, dass sie ihrem Unmut mit Schlägen, Tritten, Spuckattakten gegen Journalisten Luft machen, die genau den Job machen, den diese Menschen einfordern: Sie berichten von vor Ort.

Ich kann nicht verstehen, dass Menschen, die von uns fordern, endlich ausgewogen zu berichten, Gewalt gegen alle und alles gutheißen, was anders ist als sie und das, was sie gut und richtig finden. Aber für diese Menschen habe ich diesen Text auch nicht geschrieben. Denn sie lassen sich von ihren „Lügenpresse“-Rufen nicht abbringen, schon gar nicht durch Sachlichkeit, Information und Transparenz.

Dieser Text ist für all die reflektierten Leser, die sich ärgern, weil sie das Gefühl haben, dass ihre Zeitung immer schlechter und oberflächlicher wird und die sich von den Journalisten und Vertriebsmitarbeitern der Verlage, bei denen sie sich darüber beschweren, ignoriert fühlen. Ihnen möchte ich sagen: Wir Journalisten kennen das Problem, wir wissen, dass wir es mit verursacht haben, aber wir sind weder gesteuert von Politik oder Wirtschaft, noch belügen wir vorsätzlich unsere Leser.

Ja, wir machen Fehler. Und in der Hektik und dem Personalmangel, den der Spardruck der vergangenen Jahre ausgelöst hat, machen wir vielleicht auch mehr Fehler. Aber in aller Regel stehen wir zu diesen Fehlern. Nie zuvor hat unsere Branche sich so intensiv mit sich selbst, mit ihren Schwächen beschäftigt wie jetzt – und damit, wie wir sie in Zukunft in den Griff bekommen können.

Wir sind Menschen und Menschen ändern Gewohnheiten nur langsam, deshalb wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis der Journalismus in Deutschland einer ist, der sich der Gesellschaft und der Technologie (der von heute statt der von vor 20 Jahren) angepasst hat, aber wir arbeiten hart daran. Deshalb halten Sie uns bitte die Stange, wenden Sie sich nicht ab (und denen zu, die behaupten, es besser zu können und dafür etwa angebliche Zeitungsberichte fälschen und in Umlauf bringen), geben Sie uns die Gelegenheit zu beweisen, dass Journalismus immer noch eine Berechtigung hat, auch wenn er seinen Schwerpunkt vielleicht verlagern muss.

Und das wird er tun, denn eines hat sich seit meinem ersten Praktikum vor knapp 17 Jahren nicht geändert: Man wird nicht Journalist, weil man damit so viel Geld verdienen und so eine tolle Work-Life-Balance erreichen kann. Man wird Journalist, weil man die Welt retten oder doch zumindest verändern, verbessern will. Wie das geht, davon hat jeder von uns andere Vorstellungen. Aber einig sind wir uns in einer Sache: Wir können den Vorwurf der „Lügenpresse“ nicht auf uns sitzen lassen – aus historischen Gründen müssen wir ebenso dagegen ankämpfen wie aus persönlichem Stolz. Und genau deshalb werden wir zu einem Journalismus finden, der es wert ist, bezahlt, genutzt, diskutiert und gesammelt zu werden – auch wenn die Information, die früher nur wir hatten, längst zu Hauf frei verfügbar ist.

Deutschlands jüngstes Weltnaturerbe liegt in Thüringen

Weil in wenigen Tagen das zweite Erlebnismagazin der Welterberegion Wartburg Hainich erscheint, an dem wir wieder fleißig mit gewerkelt haben, heute schon mal ein Appetizer aus dem letzten Heft:

 

Wo der Specht quäkt und die Bäume knarren

 2014 ist das UNESCO-Welterbe-Jahr. Seit drei Jahren zählt auch ein großer Teil des Nationalparks Hainich zum weltweiten Naturerbe. Mit seinem alten Buchenbestand reiht er sich ein in das Ensemble „Buchenurwälder der Karpaten und Alte Buchenwälder Deutschlands“. Eine Spurensuche querfeldein zu 300 Jahre alten Buchen.

„Nicht bewegen, nichts sagen. Eine Minute ganz still sein.“ Rüdiger Biehl wirft einen Blick auf die Uhr. Diese Übung macht er hier, mitten im Nationalpark Hainich, oft, um seinen Besuchern zu zeigen, wie sich die Welt auch anhören kann. Die Handys schweigen auf der Welterbefläche zwischen 30 Meter hohen Buchen. Kein Empfang. Der Lärm der Autos, selbst der der Flugzeuge wird gedämpft durch die dichten Laubkronen der alten Buchen. Kein Fernseher. Kein Radio. Kein Internet. So kann eine Minute verflixt lang sein.

Doch wer absolute Stille erwartet, sieht sich getäuscht. Nach ein paar Sekunden, in denen noch hier und dort ein Rucksackgurt knarrt, sich einer aus der Gruppe räuspert und ein anderer im Laub raschelt, ist da nur der leise Atem und der Wald. Und der ist lauter, als man denkt. Überall raschelt und klappert es leise. Plötzlich klopft es laut ein paar Meter weiter hoch oben im Baum. „Ein Specht?“, fragt ein Wanderer. „Nein“, lacht Rüdiger Biehl, „das war nur ein Baum, der im Wind knarrt.“ Das tun sie hier häufig. Im Kerngebiet des Nationalparks hat seit 50 Jahren kein Mensch mehr in die Natur eingegriffen. Bäume sterben hier ab, wenn sie alt sind. Sie werden nicht vorher gefällt, um zu Nutzholz zu werden. Im Winter ist das Knarren noch heftiger, wenn der Sturm durch den Wald fegen kann, ohne dass die dichten Blätter ihn schwächen, und nasser Schnee und Raureif die Äste so schwer machen, dass sie wie Streichhölzer abknicken und auf den Waldboden krachen. Doch nur ein paar Augenblicke später quäkt es aus einer anderen Richtung. „Das ist jetzt ein Specht, ein Mittelspecht“, sagt Biehl, der den Hainich und die Welterbefläche als stellvertretender Nationalparkchef wie seine Westentasche kennt. Der Mittelspecht ist im April und Mai auf Brautschau. Dann quäkt und klopft er im Werben um das schönste Weibchen. Dass er im Hainich zu finden ist, ist eine kleine Sensation, denn er gilt als Eichenspecht. An der schorfigen Rinde alter Eichen klettert er auf und ab und pickt sich die Insekten aus den Fugen. Im Hainich, der überwiegend aus Buchen besteht, flankiert von Eschen und Bergahorn und ein paar absterbenden Ulmen, sollte der Mittelspecht also gar nicht vorkommen. „Wir haben hier aber Buchen, die bis zu 300 Jahre alt sind, und im Alter bekommen auch sie eine rissige Rinde, an der sich der Specht entlang klettern kann.“

 Urwald mitten in Deutschland

Rüdiger Biehl führt seine Gruppen mitten durch den Wald. Wer hier nicht trittfest ist, hat es schwer. Weit und breit keine befestigten Wege. Wer sich einmal um die eigene Achse dreht, sieht, wohin er auch schaut, nur Wald. Ob er in den Himmel schaut oder auf den Boden. Mitten im Hainich ist der Nationalpark wirklich Urwald. Die 1500 Hektar große Fläche, die 2011 zum UNESCO-Weltnaturerbe wurde, ist seit Jahrzehnten unberührt. Auf dem Boden wachsen zarte junge Buchentriebe auf umgefallenen Bäumen. Einige sind an der Bruchkante noch hell. Sie sind erst im Winter dem Wind oder einem Schädling zum Opfer gefallen. Andere geben unter dem Tritt der Wanderer schon nach. Sie liegen seit Jahrzehnten hier und werden irgendwann zu nährstoffreichem Waldboden zerfallen. Insgesamt gut 70 Festmeter Totholz pro Hektar steht oder liegt in diesem Waldgebiet. Normal ist in deutschen Wäldern eine Quote von fünf bis zehn Festmetern.

Dass dieses Gebiet so unberührt ist, liegt in seiner Geschichte begründet. In der Zeit, bevor man mit Traktoren und Motorsägen Holz machte, war der Kern des Hainich schlicht zu schwer zu erreichen. Man beschränkte sich bei der Bewirtschaftung lieber auf die leichter befahrbaren Randgebiete, in denen auch die Transportwege für die gefällten Bäume kürzer und weniger beschwerlich waren. Später dann war die heutige Welterbefläche Sperrgebiet. Auf dem Kindel bei Eisenach waren zu DDR-Zeiten russische Truppen stationiert. Bei Schießübungen war der ganze Umkreis Sperrgebiet, das niemand betreten durfte. „Und es gab eben einfach oft Schießübungen, so dass man dieses Waldgebiet irgendwann aus der Bewirtschaftung nahm“, erklärt Rüdiger Biehl.

Um diesen gut geschützten Kern des Hainich heute zu erreichen, gibt es nur einen Weg: Eine der von den Rangern geführten Wanderungen zur Welterbefläche. Alternativ führen etliche zauberhafte Wanderwege wie der Sperbersgrundweg oder der Rundwanderweg Craulaer Kreuz in die Randgebiete der Welterbefläche. Wer es auf eigene Faust versucht, von den Wanderwegen abweicht und einfach drauflos läuft, riskiert sich gnadenlos zu verlaufen. Und er macht unter Umständen die Arbeit von Jahrzehnten zu Nichte. Denn nicht umsonst soll der Hainich zum Urwald werden. Der Mensch soll möglichst wenig Spuren hinterlassen. Tiere und Pflanzen sollen sich ihren Wald zurückerobern. Und tun das auch. Rüdiger Biehl zeigt auf eine kleine Höhle, die sich im Wurzelwerk eines großen, umgestürzten Baumes gebildet hat. „Vor Jahren habe ich bei einer Führung hier fünf Frischlinge entdeckt“, erinnert er sich. Ein paar Meter weiter zeugt die aufgewühlte Erde davon, dass die Gegend bei Wildschweinen noch immer sehr beliebt ist. Meist hätten die Tiere allerdings mehr Angst vor den Wanderern als umgekehrt. „Einem Frischling zu nahe zu kommen oder ihn gar hochzuheben, ist keine besonders gute Idee, aber sonst braucht man sich vor Wildschweinen eigentlich nicht zu fürchten“, erklärt er.

 Forschung im Hainich

Ganz und gar Natur also, was den Besucher auf der Weltnaturerbefläche im Hainich erwartet. Jedenfalls, bis man sich unter einem tief hängenden Ast hindurch schlängelt und aufblickt. Wie aus dem Nichts steht mitten im Wald plötzlich ein 45 Meter hoher Stahlturm mit unzähligen schmalen Stufen. Daneben auf dem eingezäunten Areal eine kleine, verwitterte Hütte und Apparaturen, die wie eine Wetterstation aussehen. Lange Diskussionen gab es um das Areal. Konnte man sowas in einen Nationalpark stellen, ganz und gar in einen Urwald? Man durfte. Denn hier wird auf allen Ebenen des Waldes, aber auch im Boden und im Laub die Zusammensetzung der Luft gemessen. Das ist nur eines von vielen langfristigen Forschungsprojekten, bei denen die Nationalparkverwaltung mit verschiedenen Universitäten zusammen arbeitet. „Hier versuchen wir eine alte Frage zu klären: Helfen ungenutzte Wälder nun, den Treibhauseffekt zu mindern, oder verstärken sie ihn sogar noch?“, erklärt Rüdiger Biehl.

Auf dem Weg zum ältesten Teil des Nationalparks begegnen dem aufmerksamen Wanderer immer wieder Versuchsaufbauten, wenn auch die meisten viel unschein-, vielleicht sogar unsichtbarer, sind als diese. Da tragen Bäume metallene Plaketten oder rote Bänder. Eine umgestürzte, lange Buche hat einen Maschendrahtzaun eingerissen, hinter dem eine kleine Fläche voller junger Bäume ungestört vom Wild vor sich hin wachsen kann, das die Triebe und Knospen der saftigen Nachwuchsbuchen ungeheuer lecker findet.

Um das zu beobachten, müssten Besucher allerdings deutlich länger ganz still verharren als die eine Minute, die Rüdiger Biehl ihnen abverlangt. Doch wer genau hinsieht, kann ihnen trotzdem folgen. Kratz- und Knabberreste an den Bäumen, Kotspuren und abgeknickte Pflanzenstängel legen sichtbare Fährten. Doch um die zu finden, muss man sich einlassen auf den Wald. Und vielleicht lernt man dann auch als Stadtmensch schnell einen knarrenden Baum von einem quäkenden Specht zu unterscheiden.

 

Und zur Info:

Die wertvollsten Relikte naturbelassener alter Buchen­wälder in Deutschland bilden mit dem seit 2007 bestehenden UNESCO-Weltnaturerbe „Buchenurwälder der Karpaten“ in der Ukraine und der Slowakischen Republik eine gemeinsame Welterbestätte – „Buchenurwälder der Karpaten und Alte Buchenwälder Deutschlands“. Im Hainich zählen dazu etwa 1.500 Hektar Fläche mit einem der ältesten und größen Buchenbestände Deutschlands. Die Fläche liegt etwa 400 Meter über Meereshöhe und weist mit über 800 Liter Niederschlag im Jahr ein feuchtes Klima aus, das Buchen lieben – ebenso wie den nährstoffreichen Muschelkalkboden.

Winter ist eine Frage der Perspektive

Dieser Text ist am 26. Januar 2013 in der Lokalausgabe Bad Langensalza der Thüringer Allgemeine erschienen.

Bad Langensalza. Fünf Grad unter Null. Als ich vor der Friederikentherme in Bad Langensalza aus dem Auto steige, fühlt sich der Winter schrecklich an, und ich fange an zu zweifeln, ob es eine gute Idee war, dem ausgerechnet mit einer Kältetherapie zu begegnen. 110 Grad unter Null erwarten mich in der Therme, obwohl dort schon das Foyer kuschelig warm ist.

Und auch die Kältekammer sieht harmlos aus. Ein Zimmer im Zimmer, verkleidet mit dicken Metallwänden und -türen. Durch beschlagene Fenster kann man ins Innere sehen. Die Kammer sieht aus wie eine Sauna ohne Bänke. Rundherum mit hellem Holz ausgekleidet, gerade so groß, dass man beim Im-Kreis-Laufen keinen Drehwurm bekommt. Und im Kreis laufen soll ich gleich, erklärt mir Sabine Heyer, die die Kälte- oder Cryotherapie, wie die Anwendung im Fachjargon heißt, durchführt. „Nicht hektisch werden, sonst wird es mit der Luft knapp“, rät sie noch, dann darf ich mich umziehen.

Wenn man nicht gerade bei der Zeitung arbeitet, sollte man sich in der Kältekammer besser nicht fotografieren lassen. Mütze, Wollhandschuhe, Mundschutz, Socken und Schnürstiefel zum Badeanzug sehen nicht wirklich sexy aus – und fühlen sich auch nicht so an. Aber die Kälte soll ja an meine Haut, sonst kann sie nicht wirken.

Wer das hier nicht nur aus Neugier macht, sondern als Therapie, hofft auf Schmerzlinderung. Vor allem bei rheumatischen, entzündlichen und einigen Hauterkrankungen kann die Kältekammer helfen. „Wir können nicht die Krankheit behandeln, aber die Schmerzen, die oft mit ihr einher gehen“, erklärt Sabine Heyer.

Mir ist mulmig zumute. Das Kameradisplay vor der Kältekammer zeigt drei Räume – und eine Temperaturanzeige. Die erste Kammer ist nur eine Schleuse, durch die ich gleich einfach hindurch gehen soll. Minus 15 Grad. Danach eine weitere Schleuse – Minus 60 Grad – und dann der Hauptraum mit Minus 103 Grad. An diesem Morgen ist die Kühlkammer noch nicht komplett hochgefahren, eine Stunde später wird sie bei 110 Grad unter Null angekommen sein.

Sabine Heyer kontrolliert, ob ich allen Schmuck entfernt habe und Handschuhe, Mütze und Mundschutz richtig sitzen, dann wirft sie einen dicken Wintermantel über und öffnet die Tür zur ersten Schleuse. Sie begleitet mich hinein und neben ihr fühle ich mich noch unpassender angezogen. Doch die erste Schleuse ist eine Überraschung: Die Minus 15 Grad fühlen sich nicht viel kälter an als die Zimmertemperatur im Vorraum. Das läge daran, dass die Luft hier drinnen so trocken sei, erklärt Sabine Heyer.

Auch die zweite Schleuse ist gut zu ertragen. Zugegeben, Minus 60 Grad sind kühl, aber ehrlich gesagt, habe ich dick eingepackt im Freien stärker gezittert als jetzt. Mein Puls macht einen kleinen Sprung, als Sabine Heyer die Tür zur Hauptkammer öffnet. Im ersten Moment bin ich nicht sicher, was ich fühle. Es ist kalt, aber der Schock, den ich erwartet hatte, bleibt aus.Sabine Heyer versichert sich, dass es mir gut geht, dann verlässt sie die Kammer und drückt draußen vor dem Fenster auf die Stoppuhr. Meine drei Minuten laufen – genau wie ich.

Ich bewege mich langsam im Kreis, beim Ausatmen verschwindet der Raum kurz hinter weißen Wolken, die aus meinem Mundschutz aufsteigen. Die feinen Härchen in der Nase kleben zusammen. Mit jeder Runde spüre ich die Kälte stärker. Die Stimme von Sabine Heyer, die mir durch ein Mikrophon alle dreißig Sekunden die verstrichene Zeit ansagt, wird mein Anker. An Oberschenkel und Po fühlt sich die Luft jetzt an, als würde ich mit einer harten, aber feinen Bürste massiert. An der Innenseite der Arme scheint die Haut dünn wie Papier und brennt. Allmählich wird es schmerzhaft, aber mich hat der Ehrgeiz gepackt. Sabine Heyer hatte mir gesagt, dass die wenigsten Patienten beim ersten Mal drei Minuten durchhalten. Nach zweieinhalb Minuten reicht es mir eigentlich, aber das will ich jetzt schaffen. Und dann ist es vorbei.

Wieder im warmen Vorraum fange ich plötzlich an, zu zittern. Als ich mich wieder anziehe, fühlt sich meine Haut an wie mit feinem Samt bezogen, den man gegen den Strich bürstet. Ich bin wie berauscht. Die Müdigkeit ist weg, die Haut ist rosig. Ich fühle mich fit und voller Tatendrang. „Ganz normal“, sagt Sabine Heyer lächelnd. In Japan sei die Cryotherapie aus diesem Grund zu einer Modeerscheinung geworden, mit der sich Manager in der Mittagspause in Form bringen. Nur eines sagt sie mir nicht: Dass ich aussehe wie ein Panda. In der Kälte bilden sich in den Wimpern kleine Eiskristalle, die in der Wärme wieder tauen – und mit ihnen die Wimperntusche.