Und was machen Sie so beruflich?

Sie kennen das doch alle: Geburtstagsparty (In meinem Fall war es eine sehr nette, gemütliche Kaffeerunde unter Frauen), man plaudert, der Gastgeber stellt diejenigen seiner Freunde vor, die sich noch nicht kennen. Meist geschieht das mit Namen, der eigenen Kennenlerngeschichte und dem Beruf des Neuen.

So war am Wochenende auch der Plan einer guten Freundin von mir. Nur scheiterte sie, als sie erklären wollte, was ich eigentlich beruflich mache. Nicht, weil sie das nicht wusste, sondern weil sie sich nicht entscheiden konnte. Und als sie den Ball an mich abgab, war meine erste Antwort auch: „Wie viel Zeit habe ich?“

Die Sache mit der Nische und warum es mir schwer fällt, mich darin einzurichten, habe ich ja schon mal erklärt. Inzwischen ist das bei dieser Frage auch nicht mehr das Problem, denn ich habe mir in den Jahren meiner Selbstständigkeit einen klaren Fokus erarbeitet: Ich biete Dienstleistungen an, die sich um Text drehen.

Das ist aber für die meisten Menschen immer noch zu unkonkret, um sich ein Bild zu machen. Und deshalb beginne ich auf diesen Partys schließlich immer mit dem Erzählen. Wenn ich merke, dass mein Gegenüber glasige Augen bekommt, bin ich meist gerade in der Hälfte angekommen.

Deshalb also hier einmal als Zusammenfassung:

Mein Unternehmen gliedert sich in drei Bereiche: Komplextext, die Tüte Glück und die Traureden (Achtung: Da steht KEIN „er“ zwischen „Trau“ und „Reden“ – nur um einem häufigen Missverständnis vorzubeugen.

Die letzten beiden sind schnell erklärt:

Traurednerin: individuelle Hochzeitszeremonien

Als Traurednerin biete ich Paaren ihre ganz persönliche, individuelle Hochzeitszeremonie und vor allem eine Rede, die den Namen verdient und nicht nur gut geschrieben, sondern auch gut vorgetragen ist. Ich bin ausdrücklich keine Hochzeitsplanerin. Das überlasse ich Kollegen, die darin mehr Erfahrung haben und viel besser sind als ich. Ich gestalte ausschließlich die Zeremonie um das „Ja-Wort“ – vor allem dann, wenn Paare an einem Ort heiraten wollen, an dem es kein Standesamt gibt oder wenn sie sich nicht darauf verlassen wollen, dass ein Standesbeamter in einer Zeremonie, auf deren Ablauf sie selbst nur wenig Einfluss haben, die richtigen Worte findet. Mehr dazu erkläre ich ausführlich auf der Seite und im Blog, die zu dem Traureden-Geschäft gehören.

Kreativ ausleben im DiY-Blog „Tüte Glück“

Die Tüte Glück begann als Hobby, als Blog, um meine Kreativität auszuleben, die Ergebnisse von Handarbeits- und Bastelorgien zu zeigen. Irgendwann ist daraus ein weiterer Pfeiler im Geschäft geworden, nämlich als eine Kollegin von der Tageszeitung fragte, ob ich aus den Blogbeiträgen nicht auch eine regelmäßige Seite für die Wochenendbeilage machen könnte.

Heute läuft der Workflow umgekehrt: Ich produziere jede Woche eine Anleitung für die Tageszeitungen der Verlagsgruppe Hof Coburg Suhl und die wird später zu einem Blogpost auf der Tüte Glück. Inzwischen versuche ich, diesen Geschäftbereich weiter auszubauen, denke und bastle schon eine Weile an einem Buch herum, doch dessen Realisierung scheitert noch an den Produktionsbedingungen. Die sind viel weniger leicht umzusetzen, als ich in meiner Blauäugigkeit bisher dachte.

Komplextext: Leidenschaft um Sprache und Text

Unter Komplextext schließlich fasse ich alle Angebote zusammen, die direkt mit dem werblichen Texten zu tun haben.

Das ist zum einen die journalistische Arbeit für verschiedene Tageszeitungen, obwohl die heute nur noch einen sehr kleinen Anteil meines Umsatzes ausmacht. Viel wichtiger sind da die Aufträge für Agenturen und Unternehmen geworden.

Im letzten Jahr habe ich vor allem die Arbeit als Texterin für Web-Auftritte kleinerer Unternehmen ausgebaut, aber auch Corporate-Publishing-Projekt wie das Erlebnismagazin der Welterberegion Wartburg Hainich oder das Buch des Wartburgkreises realisiere ich unter dem Komplextext-Label. Und natürlich gehören hier auch alle Seminare und Workshops zum Portfolio, die ich über die Jahre vor allem direkt in Unternehmen oder bei Partnern wie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Thüringen angeboten habe.

Wer also schreiben lassen will – egal zu welchem Anlass – oder es lieber selbst lernen will, ist bei Komplextext richtig.

So viel also dazu. Und ich werde mir diesen Blogpost jetzt ausdrucken (oder lieber den Link auf die Visitenkarten drucken lassen?), um ihn auf der nächsten Geburtstagsparty einfach jedem zu übergeben, der fragt: „Und was machst du so beruflich?“

#starkesUrheberrecht – Mein Beitrag zur Blogparade

Gerade beschloss der Bundesrat ein neues Urheberrechtsgesetz, das für die, die es eigentlich schützen soll, eine Katastrophe ist. Warum, erklärt der DJV Thüringen hier und startet unter #starkesUrheberrecht gleich eine Blogparade zum Thema muss – in der Hoffnung, vielleicht das Gesetz im Bundestag noch zu stoppen. Gefragt sind Beiträge, die sich mit der Frage beschäftigten, warum wir ein starkes Urheberrecht brauchen und wie das aussehen muss. Als Landesvorsitzende des DJV habe ich den Auftaktbeitrag geschrieben. Als freiberufliche Texterin schreibe ich jetzt diesen, ganz persönlichen Post.

Dumping-Honorare und Buy-out-Verträge

Vor ein paar Jahren verhandelte ich meinen Honorarvertrag mit einer der großen Thüringer Tageszeitungen neu. Meine Forderungen: Ich wollte für Beiträge, die auch in anderen Titeln der Mediengruppe veröffentlicht werden, auch zusätzliches Honorar. Was ich dagegen nicht mehr wollte, war meine Texte nur noch exklusiv dieser Zeitung zu verkaufen und alle meine Rechte abzugeben, ohne dass das entsprechend bezahlt würde. Ich konnte mich in diesen Punkten ein Stück durchsetzen, ein Stück nicht. Am Ende stand ein Kompromiss, mit dem ich aber leben konnte. Die meisten anderen Kollegen haben einen solch angepassten Vertrag nicht. Sie haben – wenn es überhaupt eine schriftliche Absprache gibt – Regelungen unterschrieben, die eine Frechheit sind. Für teilweise unter 100 Euro Tageshonorar haben sie sich verpflichtet, dem Unternehmen alle Nutzungsrechte an den Texten und Bildern einzuräumen – und zwar die, die die Zeitungen heute schon kennt und will, aber auch jene, die erst noch erfunden werden (das steht da so wirklich!). Und oft genug enthält ihr Vertrag einen Passus, der ihnen verbietet, ihre Werke gleichzeitig an andere Nutzer zu verkaufen und so vielleicht noch ein bisschen zusätzliches Honorar rauszuholen.

Und warum gibt es immer noch Verträge wie diese? Weil sich kein Freier hierzulande traut, dagegen vor zu gehen. Weil das Argument, wenn einer sich beschwert, immer dasselbe ist: Wenn Sie mit der Arbeit nicht mehr zufrieden sind, gibt es viele andere, die sie gern übernehmen würden. Weil viele Freie eine Familie zu ernähren haben und in Thüringen kaum andere Verdienstoptionen haben, wenn sie es sich mit einem der beiden großen Zeitungsverlage verscherzen

Urheberrecht soll Urheber schützen, nicht die Verwerter

Das Urheberrecht sollte dem eigentlich einen Riegel vorschieben. Zumindest sollte es den Urhebern, also in meinem Beispiel den Autoren, helfen, ihre Rechte durchzusetzen und sie vor Ausbeutung schützen. Zugegeben, dabei ist die aktuelle Fassung des Gesetzes nicht mehr wirklich zeitgemäß. Viele Fragen, etwa nach dem Urheberrecht und seiner Durchsetzung im Internet oder nach der Vereinbarkeit der unterschiedlichen Urheberrechtsgesetze in den verschiedenen EU-Staaten spielen bisher keine Rolle. Sie werden aber auch in der neuesten Fassung kaum berücksichtigt. Und darüber hinaus verschlimmert die neue Fassung die Situation für die Freien sogar. Im Vergleich zwischen dem ersten und dem aktuellen Neuentwurf des Gesetzes, also zwischen dem des Justizministers und dem der Regierung, liegen Welten – und offenbar zahlreiche intensive Gespräche mit Verlagsvertretern. Manche Passagen im Gesetz lesen sich, als wären sie direkt von den großen Verlegern diktiert. Von einem Recht für Urheber kann keine Rede sein.

Kann man machen. Und in Zeiten, in denen die Lokalzeitungen ohnehin an allen Enden Personal einsparen, macht es vielleicht auch tatsächlich keinen Unterschied mehr. Ist ja schließlich egal, ob künftig statt vielleicht einem Drittel aller Beiträge von vermeintlich freien Journalisten fast alle von Menschen geschrieben werden, die nie eine journalistische Ausbildung genossen haben. Vor einigen Jahren nannte man sie Bürgerreporter. In Zukunft – wenn durch das mangelhafte Urheberrecht auch die letzten „echten“ Freien ihre Existenzgrundlage eingebüßt und den Beruf aufgegeben haben – wird man sie nur noch Reporter nennen. Und genau darum brauchen wir ein #starkesUrheberrecht, denn das kann keiner wollen – Urheber nicht, Leser und Medienkäufer nicht und eigentlich auch Medienunternehmen nicht!

Pflegenotstand

Es war eine lange Zeit geplante OP. Ich hatte hinreichend Gelegenheit, alles so zu organisieren, dass die Woche im Krankenhaus und die sechs Wochen mit Gipsfuß möglichst wenig durcheinander brachten. Ich hatte fürs Krankenhaus einen Koffer mit allem nötigen gepackt, Besuche organisiert und Arbeit mitgenommen. Und trotzdem war es ein Graus.

Vor der OP kurzer Blick ins Zimmer: Der Toilette sah man deutlich an, dass eine der Mitpatientinnen in der Nacht unter Durchfall litt. Nach der OP wartete ich stundenlang im Aufwachraum, zweimal haben die Schwestern auf Station angerufen, dass ich abgeholt werden könne. Auf Station schließlich zu dritt auf dem Zimmer, jedes Klingeln nach der Schwester fünf Mal überlegt, weil es spürbar zusätzliche Arbeit für das Personal bedeutete, einen von uns zum Beispiel auf die Toilette zu rollen.

Krankenschwester möchte ich heute nicht sein. Eine ganze Station voller mehr oder weniger bewegungsunfähiger Patienten und vielleicht eine Handvoll Pflegepersonal – wenn man die Schülerinnen mitzählt. Vermutlich frisst der Verwaltungsaufwand noch mal so viel Zeit wie sie für die Patienten investieren können. Unter diesen Umständen leisteten auch unsere Schwestern großartige Arbeit. Nach dem Klingeln hat keiner lange warten müssen. Keine hat mich je angepflaumt. Alle haben geholfen, ohne zu murren. Aber Zeit, um meine Bettnachbarin mal zu beruhigen, die seit 12 Wochen von einem Krankenhaus zum nächsten geschoben wurde, hatte auch keiner. Zeit, um mal ausführlich darüber zu reden, wie die Wundversorgung weitergeht oder welche Regeln für die Zeit nach dem Krankenhaus gelten, die fand man erst kurz vor Entlassung. Zeit für ein ruhiges Wort, ein aufrichtiges Lächeln müssen sich die Krankenschwestern mühsam freiarbeiten.

Ich bin mir sicher, die meisten von ihnen haben diesen Job mal mit anderen Erwartungen angetreten. Ich bin überzeugt, sie sind in die Pflege gegangen, weil sie helfen und wirklich etwas bewirken wollten. Heute dürften sie einigermaßen desillusioniert sein. Und wenn ich mir ansehe, wie sich das Pflegewesen in den vergangenen paar Jahren entwickelt hat, habe ich keine Hoffnung, dass es kommenden Pflegegenerationen anders gehen wird. Ich bin froh, dass ich mit 31 Jahren und gesund nicht auf dauerhafte Pflege angewiesen wird. Aber mir wird schwindlig, wenn ich darüber nachdenke, dass das in ein paar Jahrzehnten anders aussehen wird.

Gute Vorsätze gesucht

Vor ein paar Tagen habe ich diesen Blogbeitrag von Julian Heck gelesen. Er schreibt über gute Vorsätze, die Journalisten 2015 vorwärts bringen. Er schreibt auch, dass sein Privatleben „in vollem Umfang“ nichts auf seinem beruflichen Blog zu suchen hat. Ich gebe ihm in beiden Punkten recht. Seine Vorsätze sind wichtig und richtig. Und gläsern muss sich niemand machen, nur weil er einen Blog betreibt. Trotzdem glaube ich, dass man das berufliche und das private Ich gerade bei diesem Thema nicht streng trennen kann (macht Julian Heck im Blogpost auch gar nicht, war aber nun mal mein Denkanstoß hierfür).

Um als Journalistin und in den vielen anderen Berufspersönlichkeiten, die ich von Zeit zu Zeit bekleide, richtig durchstarten zu können, muss ich Können und Wissen aktuell halten, Neugier erhalten und netzwerken. Sicher. Aber um das zu leisten, muss ich mich erstmal mit mir wohlfühlen. Und zwar nicht nur mit mir als Journalistin, Trainerin, PR-Tante, sondern mit meinem ureigenen Selbst. Mit der Frau, die ihr Gewicht hasst, zu Biestigkeit neigt, wenn sie hungrig ist, sich furchtbar leicht ablenken lässt, die Kinder und Hunde liebt, Orange hasst, die mit Krallen und Zähnen gegen jeden kämpft, der ihre Familie und Freunde angeht, auch wenn die ihr selbst bisweilen auf den Keks gehen. Die gern „Schundromane“ liest, Schmuck bastelt, alles über aktuelle Königsfamilien weiß und ein Faible für Ketchup und Kinderschokolade hat.

Diese Frau ins Gleichgewicht zu bringen, ist aber viel schwerer, als das Beruf-Ich gut zu positionieren. Nur kostet das Positionieren des Beruf-Ichs viel mehr Kraft, wenn das Ich-Ich nicht im Lot ist. Das war in den vergangenen drei Jahren viel zu oft weit neben der Schnur. Deshalb habe ich mir für den aktuellen Jahreswechsel etwas vorgenommen: Mir nichts vorzunehmen – und mir stattdessen selbst Aufgaben zu stellen. Mir zu sagen, dass ich mich ab Januar besser um mich selbst kümmern will, bringt nichts. Dafür habe ich das mit dem Nein-Sagen noch nicht gut genug drauf. Dafür tanze ich auf zu vielen Hochzeiten, die ich leider alle mag.

Deshalb will ich eine kleine Kiste bis Silvester mit 52 Aufgaben füllen, für jede Woche des neuen Jahres eine. Einzige Bedingung: Sie dürfen kein oder kaum Geld kosten und müssen mir gut tun. Es sollen Aufgaben sein, die mich zwingen, mich einmal in der Woche damit auseinander zu setzen, wie es mir gerade geht – und etwas dafür zu tun, dass es mir weiter gut oder eben besser geht. Die ersten paar Aufgaben fallen mir leicht: einen Mädelsabend einberufen, eine Stunde Yoga machen, die Mittagspause im Park verbringen, auf Fototour gehen, sich ein Nicht-Kitsch-Buch kaufen, einen Brief an mein Ich in einem Jahr schreiben… Aber dann verließen sie mich, und deshalb brauche ich euch/Sie. Bitte postet in die Kommentare eure Vorschläge. Was könnte, sollte, müsste ich 2015 tun, um dafür zu sorgen, dass ich genug Kraft und Lust habe, um zum Beispiel auch die Vorsätze von Julian Hecker umzusetzen und beruflich weiter zu kommen?

Ich bin riesig gespannt und wünsche auch euch und Ihnen einen guten Start in ein hoffentlich erfolgreiches, gesundes und zufriedenes 2015.

 

Adventskalendereien

Ich liebe Adventskalender. Die aus Schokolade, vor allem aber die, bei denen ich vorher nicht weiß, was sich hinter dem Türchen versteckt. Früher gab es die Adventskalender immer von Oma. Als ich 21 war, versuchte sie, das einzustellen. Hinweis auf das Alter und so. Ich habe mich so vehement gewehrt, dass ich selbst mit Ende 20 noch immer einen Adventskalender von Oma bekam. Inzwischen kommt jedes Jahr einer vom Steuerbüro dazu, einer, mit dem man gute Taten tun kann (dieses Jahr vom Lions Club Gotha) und ein bis zwei Dutzend virtuelle.

Auf Adventskalender-Suche

Wirklich, kurz vor dem 1. Dezember setze ich mich seit einigen Jahren einen Abend lang vor den Rechner und suche mir virtuelle Adventskalender zusammen, bei denen man interessante Dinge gewinnen kann. Die klappere ich dann täglich ab. Nicht jeden Tag spiele ich mit, schließlich will ich ja auch nur gewinnen, was ich wirklich gebrauchen kann. Aber ich bin ein Mädchen-Mädchen: Wenn es glitzert, Kosmetik ist, Schuhe oder Taschen oder Bücher eine Rolle spielen, bin ich dabei. Und ja, dabei verliere ich dann schon auch mal meine Distanz dazu, eigene Kontaktdaten preiszugeben. Nur Kalender, bei denen man sich dauerhaft registrieren oder seine Facebook- oder Twitterfreunde mit Hinweisen nerven muss, fliegen aus dem Raster.

 

In diesem Jahr sind in dieser Sammlung zum ersten Mal auch Adventskalender, bei denen man nichts gewinnen, aber viel lernen kann. Dank der sammelwütigen Epxerten von t3n habe ich Kalender gefunden, hinter dessen Türchen sich jede Menge Tipps und Fachtexte für Kommunikations- und Webmenschen verstecken. Das hat mich auf eine Idee gebracht, und ich habe angefangen, zu suchen: Ich wollte wissen, ob es Journalisten gibt, die Adventkalender nutzen, um ihre Leser auf sich aufmerksam zu machen und an die eigene Website, den eigenen Blog zu binden. Immerhin ist es die perfekte Lösung, um Nutzer innerhalb kurzer Zeit sehr oft auf die eigene Seite zu ziehen. Uns geht man von der Theorie aus, dass man Dinge 21 (oder 30, je nach Theoretiker) Tage wiederholen muss, um sie zur Gewohnheit werden zulassen, wäre das DIE Lösung, um dauerhaft mehr Leser zu gewinnen. Aber der Aufwand ist enorm. 24 Tage lang jeden Tag einen neuen Text, eine neue Arbeit. Und zwar eine, die so gut, so relevant ist, dass der Adventkalenderianer auch am nächsten Tag gespannt ist, was sich diesmal hinter dem journalistischen Türchen versteckt. Vielleicht ist das der Hauptgrund, dass ich nur wenige Journalisten finden konnte, die einen Adventskalender anboten und keinen, der dieses Jahr einen anbietet.

Adventskalender zum Journalisten-Selbstmarketing

Da sind Kollegen, wie Udo Stiehl, dessen Adentskalender 2013 vor allem für Kollegen taugte. Hinter jedem Türchen bot er neue Basics unseres Handwerks an. Für manche „Neuland“, für viele Erinnerungen an das, was man mal gelernt hat, was im Alltag aber immer öfter untergeht. Sehr empfehlenswert. Einziges Hinkebein: Man erkennt den Adventskalender nicht (mehr) als solchen, denn die Türchen kommen einfach als Blogbeiträge daher (einfach unter diesem Beitrag immer „nächster“ klicken, EDIT: Danke an Udo Stiehl, der mich darauf hinwies, dass es die alten Beiträge doch auch noch in einer Übersicht gibt, und zwar hier). Dann spendiert Google mir ein paar weitere Ergebnisse aus den vergangenen Jahren, doch aktuell scheint sonst kaum ein Journalist selbst einen Adventskalender zu bestücken. Es gibt Kollegen, die andere Adventskalender empfehlen. Wie Henning Bulka, der auf einen Kalender für die Ohren fliegt, der übrigens wirklich nett ist. Und es gibt jede Menge Medien von der Sueddeutschen bis zum kleinen Lokalblatt, die ihre Leser mit Adventskalendern ködern. Hinter deren Türchen stecken aber in der Regel Sachpreise statt Journalismus. Hilft sicher auch, die Leute auf die Seite zu locken. So ein iPad oder Smartphone zu gewinnen, ist verlockend. An die Marke bindet das aber niemanden, denn vom Markenkern merkt bei diesem Adventskalender ja keiner was (mal abgesehen vom Logo oben rechts in der Ecke).

 

Auch wir bei Curcuma Medien haben die Chance dieses Jahr verschlafen, aber mal sehen, vielleicht fangen wir am 25.12.2014 an, tolle Texte, unsere besten Bilder und besten Kreativtipps zu sammeln, um einen Adventskalender 2015 für euch zu bestücken. Und vielleicht machen wir das ja auch nicht allein, sondern bieten einen grandiosen Adventskalender mit Kollegen und Partnern an, die können, was wir nicht können, und damit und – oder gemeinsam mit uns unsere Kunden – oft sehr glücklich machen. Wie wäre es, Livia Schilling, Rainer Aschenbrenner, Pauline Werner, Susann Winkel, Michael Plote, Jürgen Creutzburg, liebe Kollegen von Style your web, Ann Red oder Dr. Bernd Seydel, starten wir einen Kooperations-Adventskalender?

Erinnerungslücke Mauerfall

Nun ist es vorbei, das große Jubiläum. 25 Jahre Mauerfall. Alle hatten dazu etwas zu sagen, nur ich habe den Mund gehalten. Und es hatte seinen Grund, dass ich sowohl im Blog als auch in den sozialen Netzwerken stumm blieb: 1989 war ich sechs Jahre alt. Ich habe keine Erinnerung an dieses große Datum. Nicht die geringste. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir fassungslos vor dem Fernseher gesessen und das Spektakel aus der Ferne beobachtet hätten, noch wüsste ich, dass wir mit dem Trabbi „rüber“ gefahren wären, um Begrüßungsgeld und Kulturschock abzuholen. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, ob wir damals den hässlichen kackgrünen Trabbi gefahren sind oder unser Feuerwehrauto, den knallroten.

 

Die großen Ereignisse dieses Jahres erinnere ich nicht. Trotzdem war 1989 wichtig für mich. In diesem Jahr bin ich in die Schule gekommen. Und ich wurde Jungpionier. Vergangenen Samstag vor genau 25 Jahren hat man mich in die Pionierorganisation aufgenommen. So besagt es jedenfalls mein Pionierausweis, den ich immer noch mit mir herumtrage. Ursprünglich, weil er ein prima Eisbrecher auf Partys war, und sich hervorragend zum Anlass für Small Talk eignete. Inzwischen, weil er sich zu einer Art persönlicher Talisman entwickelt hat. Und das könnte zum Problem werden.

 

 Pionierausweis als Talisman

 

Als ich ein Bild des Ausweises am Samstag zum Jubiläum auf Facebook teilte, war ich schon unschlüssig, ob das eine so gute Idee war. Darf man ein Symbol einer Diktatur als Glücksbringer mit sich herumtragen? Darf man davon erzählen, wie stolz man war, dazu zu gehören?

 

Eine meiner lebendigsten Erinnerungen an das Jahr 1989 ist ein Abend kurz vor meiner Schuleinführung. Meine Eltern hatten damals eine der typischen DDR-Couchgarnituren: Ein Dreisitzer, ein Zweisitzer und ein Sessel, knüppelfest gepolstert und überzogen von robustem, graubraun gesprenkeltem Stoff. Diese Couchgarnitur war für die Ewigkeit gemacht. Als ich 2001 auszog, nahm ich sie mit in meine erste Wohnung. In die zweite. In die dritte. Irgendwann habe ich sie einem Sozialkaufhaus gespendet, weil es sich selbst auf dem Dreisitzer zu zweit schlecht kuscheln ließ. Aber 1989 war die Couch Bühne für meine neuesten Errungenschaften. In meiner Erinnerung breitete ich an jenem Abend die Jungpionieruniform über den gesamten Dreisitzer aus: Der dunkelblaue Faltenrock weit aufgefächert, die weiße Bluse glatt gezogen und das blaue Halstuch schon mal zum Pionierknoten gebunden. Ich weiß nicht, wie viel von dieser Erinnerung real ist und wie viel die Zeit dazu erfand, aber das Gefühl von damals ist sicher nicht verfälscht: Ich war unendlich stolz, Pionier zu sein und habe mich riesig darauf gefreut, die Uniform zum ersten Mal zu tragen.

 

Heute weiß ich, dass schon die Pionierorganisation der politischen „Bildung“, man könnte auch sagen: der Indoktrination, dienen sollte. Heute weiß ich, dass auch die Pionierorganisation ein Ort war, an dem Familien über die jüngsten, ungeschütztesten Mitglieder ausspioniert werden konnten. Heute weiß ich, dass schon bei den Jungpionieren nach Linientreue selektiert wurde. Und trotzdem bleibt dieser Stolz von damals. Immer wenn ich jemandem erzähle, dass ich zum allerletzten Jahrgang gehöre, der noch Jungpionier wurde, bin ich mir meines Exotenstatuses bewusst – und stolz darauf. Aber darf ich das eigentlich? Ist es nicht Hohn für all jene, die unter dem Regime gelitten habe, dass ich eines seiner Symbole als Talisman benutze?

 

Darf man stolz sein auf ein Leben in der DDR?

 

Dieser Pionierausweis steht für ein Stück meiner Identität. Ein Stück, das für mich weit weniger prägend und damit auch weniger wichtig ist als für die Generationen vor mir. Aber doch ein Stück, das zu mir gehört. Den Stolz und die Freude aufs Pioniersein zu verleugnen, würde sich wie Verrat anfühlen. Ich fühle mich als Deutsche, nicht als DDR-Bürgerin, seit ich die Bedeutung von Nationalitäten verstehen, seit ich bewusst darüber nachdenken kann. Die DDR spielt in meiner Persönlichkeitsbildung nur insofern eine Rolle, als sie für meine Eltern und Großeltern, also für mein direktes Umfeld, prägend war. Und trotzdem: Ich will diese ersten sechs Jahre meines Lebens nicht verdammen müssen. Ja, ich habe ich einem Staat gelebt, in dem Menschen Furchtbares mitmachen mussten. Aber ich bin auch in ein Leben geboren wurden, in dem jedes Mitglied meiner Familie Arbeit hatte. Ich bin in ein Leben geboren wurden, dessen Nachmittage für mich aus endlosen Abenteuern bestanden. Vom Mittagessen bin ich aufgestanden, zum Abendessen war ich wieder da, und dazwischen gehörte der Tag allein mir und meinen Freunden. Ein Garagenkomplex in der Nachbarschaft war unser Treffpunkt, der Spielplatz auf dem Schulhof auch nach dem Unterricht unser Lieblingsort. Wir waren frei und am nächsten Morgen trotzdem stolz darauf, die Klasse „vollständig zum Unterricht bereit“ zu melden oder aufzuzählen, wer fehlt. Wir haben gerne mit „immer bereit“ gegrüßt, wenn uns jemand mit „seid bereit“ ansprach. Wir mochten das Flaschen- oder Altpapiersammeln und die Pioniernachmittage, auch wenn wir von beidem höchstens noch ein oder zwei Veranstaltungen mitbekommen haben. Wir fühlten uns dazugehörig und wichtig, irgendwie erwachsen.

 

Das politische Konstrukt DDR spielte für mich keine Rolle. Vielleicht kann ich mich auch deshalb zwar an den Abend vor der Schuleinführung erinnern, nicht aber an den Mauerfall. Für mich war meine kleine Welt wichtig – und die hätte auch in Ulm, Berlin oder Katmandu stehen können. Mir wäre es egal gewesen, aber die wenigen Erinnerungsstücke an diese Zeit wären mir immer noch heilig. So wie mein Pionierausweis. Für mich ist er ein Stück Kindheit, ein Stück heile Welt, ein Stück Abenteuer, offene Möglichkeiten und fehlende Einschränkungen. Für mich ist er kein Zeugnis von Unrecht, Unterdrückung Andersdenkender und Übergriffigkeit. Vielleicht ist das falsch. Vielleicht aber auch völlig richtig.

Kettlebell-Mania

Drei Wochen. Vorbei. Eigentlich. Tatsächlich hat mir Manny so oft einen Strich durch die Rechnung gemacht, dass ich beschlossen habe, dass Kettlebell-Experiment (ohne Kettlebell) noch eine Woche zu verlängern. Doch so wie es in den ersten anderthalb Wochen gelaufen ist, könnte es auch zu einer Dauereinrichtung werden.

 

Zur Erinnerung: Vor drei Wochen nahm ich an einem Sport-Recherche-Brunch teil, der mich mit dem Kettlebell-Virus infiziert hat. 21 Tage lang wollte ich die erlernte Grundübung, den Turkish Get Up (unter uns sagen wir Kettlebeller ja TGU ;-)), jeden Tag fünf Mal pro Körperseite in meinen Alltag einbauen. Allerdings in der Version für echte Couch Potatoes – ohne Kettlebell, also ohne Gewichte. Ein Schuh auf der geschlossenen Faust, um die Balance zu trainieren, sollte das Höchste der Gefühle sein. In den ersten 10 Tagen war die Motivation hoch und der Stresslevel niedrig. Es war einfach, das Training durchzuziehen, zumal ich mit Kollegen, die auch am Sport-Brunch teilgenommen hatten, eine Facebook-gegenseitig-motivieren-Gruppe gründete.

 

Schon nach einer Woche waren die Ergebnisse verblüffend. Großeinkauf. In jeder Hand eine schwere, und vor allem sehr große, Tüte. Vor mir anderthalb Treppen bis zur Wohnung. Dummerweise bin ich zu klein, um Tüten mit gestreckten Armen und entspannten Schulter die Treppe hochzutragen. Versuche ich das, poltern die Tüten gegen die Stufen und schleifen über den Boden. Also ziehe ich sie nach oben. Gewöhnlich endet das mit üblen Verspannungen in Schulter und Nacken und Spannungskopfschmerzen, aus denen gerne mal eine Migräne wird, in der Folge. Nicht so dieses Mal. Dieses Mal sprang der Riesenmuskel am Rücken an, der sich auch die Flanke entlang zieht. Google nennt ihn „Latissimus dorsi“ oder „breiter Rückienmuskel“. Ganz großes Kino beim Tüten tragen, denn der Muskel kann viel mehr wegstecken als Nacken und Schultern, selbst wenn er, wie bei mir, nur schreibtischtrainiert ist. Ich würde nun nicht gerade so weit gehen, zu behaupten, den Großeinkauf zu schleppen, sei nun ein Kinderspiel gewesen. Aber die Erleichterung war doch so groß, dass es sich wie eine kleine Offenbarung anfühlte – und reicht, um darüber nachzudenken, dauerhaft zu kettlebellen (dann aber auch mit einer Kettlebell).

 

Die Motivation war also groß, aber leider wuchs auch der Terminstress. Tage im Hotel. Tage, die elend früh anfingen und spät endeten. Tage, auf die Manny sich stürzt, die er mit Haut und Haaren frisst, bis er so fett ist, dass ich mich nun wirklich nicht mehr aufraffen kann, wenn er sich auf mir nieder lässt, ein paar Mal auf der Hüfte rumtrampelt und sich dann auf meinem Bauch einrollt, wie es innere Schweinehunde nun mal machen. Kurzum, alle Ausfalltage zusammen gerechnet, habe ich mehr als eine dieser drei Wochen nicht trainiert. Deshalb verlängere ich die Probezeit noch eine Woche. Noch eine Woche ohne Gewicht, aber dann… wenn ich das durchgehalten habe, also die Chance besteht, dass die Investition nicht genauso sinnlos ist wie die in den Yogablock und die Aerobic-DVDs, dann gibt es ein kleines, schwarzes Schätzchen, mit dem ich wie ein ganz harter Kerl aussehe. Aber nur ich. Weil ich ebenso klein bin wie sie. Alle anderen aus dem Sport-Brunch sehen neben einer Acht-Kilo-Kettlebell wie Weicheier aus. Hach, manchmal ist das einfach schön, ein Winzling zu sein.

Olé, olé, olé, olé

Foto: Mariliese  / pixelio.de

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein Text über Sinn und Unsinn von Pressemitteilungen beginnen. Aber der muss verschoben werden. Ich bin bekehrt. Und muss das mitteilen. Bis vor etwa anderthalb Stunden habe ich Fußball nur zwei Vorteile zuerkennen können: Während eines WM-Spiels kann man super einkaufen gehen, und wenn man mitguckt, um den Lieblingsmann glücklich zu machen, stricken sich Socken von ganz allein, weil so lange Langeweile überbrückt werden will. Die Spiele gegen Algerien und Frankreich habe ich auch nur aus diesem Grund gesehen: Weil ich meinem Liebsten versprochen hatte, dass ihm in dieser Zeit der Fernseher gehört und weil ich keine Lust hatte, stattdessen zu arbeiten. Nachdem ich zufällig auch noch die letzten paar Minuten Brasilien gegen Kolumbien miterleben musste, war außerdem jedes zarte Flämmchen Verständnis für diesen Sport wieder zertrampelt. Das war kein Spiel, das war kein Sport, das war ein Gemetzel.

Doch nach diesem kleinen großen Wunder von eben bin ich infiziert. Mein Gott, kann Fußball schön sein. Wirklich schön. Elegant wie die Russen, wenn sie kurz vor Weihnachten auf deutschen Bühnen Schwanensee tanzen. Unbeschwert wie schwimmen gehen im See mitten im Sommerregen. Virtuos wie Hochseilartistik und unterhaltsam wie Erste-Klasse-Clownerie.

Trotzdem werde ich nie (wieder) zum öffentlichen Fußball gucken gehen, denn zum einen ist das Essen in Fußballkneipen immer mies, zum anderen würde man mich wahrscheinlich lynchen, wenn ich – so wie eben – in der gesamten zweiten Halbzeit die anderen anfeuere, weil sie mir so leid tun, dass ich sie wenigstens zum Anschlusstreffer tragen will, und zum dritten sind da Fragen offen, die mir von diesen Pseudo-Bundestrainern dieser Nation keiner beantworten kann, über die aber alle die Nase rümpfen würden.

1. Wie kriegen die die breiten, unterschiedlich grünen Streifen in den Rasen?

So breit wie die Streifen ist kein Rasentraktor. Da müssten sie schon mit dem Mähdrescher über den Platz fahren. Also muss es einen anderen Grund für das Muster geben. Oder sieht das vielleicht nur im Fernsehen so aus, und in Wirklichkeit ist der Platz gleichmäßig grün?

 

2. Wer legt eigentlich fest, wie eng Trikots sein dürfen?

Damals, als ich noch jung genug war, um in der Schule unbedingt dazu gehören zu wollen, habe ich mir morgens auf dem Weg zum Schulbus immer schnell die Fußballergebnisse sagen lassen. Dann habe ich den Mädchen zugehört, um zu wissen, welchen Fußballspieler wir schön finden (Nichts ging über Mehmet Scholl, übrigens!) und war ausreichend informiert. Im Nachhinein betrachtet, trifft „schön“ irgendwie so auf gar keinen Spieler von damals zu, aber damals wie heute gibt es Spieler, die anziehender sind als andere. Früher haben wir das allerdings erst nach dem Spiel beim Trikottausch festgestellt. Bei der deutschen Mannschaft ist das zum größten Teil heute noch so (bis auf Matts Hummels, der ist mal wirklich schön, auch wenn er das Trikot noch trägt), aber bei anderen Teams fragt man sich schon mal, ob die Fußballspielen oder für einen Herrenkalender posieren. Algerien zum Beispiel trug Trikots, die so eng waren, dass ich Angst hatte, deren Gliedmaßen würden irgendwann blau anlaufen und absterben. Ja, vielleicht sind einige Spieler einfach muskulöser als andere, aber ALLE Spieler einer Mannschaft? Eher unwahrscheinlich, also muss es an den Trikots liegen. Und da stellt sich mir eben die Frage: Gibt es – ähnlich den Regeln beim Damen-Beach-Volleyball – beim Fußball eigentlich Kleidervorschriften, die festlegen, wie sexy ein Outfit sein darf (oder muss)?

 

3. Warum darf der, der am wenigsten rennt, als einziger eine Wasserflasche mit auf den Platz nehmen?

Ja ja, Manuel Neuer ist bisher der Held der WM. Ich hab auch ein bisschen Herzknistern bekommen, als er so lässig wie keiner mitten in einem wuselnden Haufen bunter Männchen die Hand ausstreckt und den Ball aus der Luft pflückt. Aber mal im Ernst: Von allen …. äh, wie viele Spieler rennen da noch mal rum? … ach ja, 11. Also, von allen 11 Spielern muss er am wenigstens hetzen und rennen, aber er ist der einzige, der seine Wasserflasche mit aufs Feld nehmen darf (und gelegentlich sogar Zeit haben dürfte, die zu benutzen). So richtig fair scheint mir das nicht.

 

4. Warum verspricht sich Bela Rethy nie?

Bela Rethy ist mein persönliches Synonym für die WM-Kommentatoren. Von den anderen habe ich nur noch nie was gehört und kann mir ihre Namen nicht merken. Außerdem ist Rethy von allen Kommentatoren derjenige, über dessen Kommentare ich mich am häufigsten kringelig lachen kann. Aber bei all den seltsamen Dingen, die er manchmal sagt, bei den Sätzen, die grammatisch gar keinen Sinn ergeben, und den Ausbrüchen, die unvergleichlich inhaltsleer sind, hat er sich in keinem Spiel, das ich bisher gesehen habe, auch nur einmal versprochen. Er verwechselt keine Buchstaben, er stolpert nicht über Worte, er lässt Sätze nicht unbeendet. Wie geht denn sowas? Roboter? Geschnitten und zeitversetzt gesendet?

 

5. Liegt da eine Kartoffel unter dem Bild der beiden Flaggen auf der Grafik neben Oliver Welke und Oliver Kahn?

Es ist mir ein Rätsel, was mir der Grafiker mit diesem Bild sagen will, das während der Spielnachsorge die ganze Zeit eingeblendet war: Im Vordergrund die brasilianische und die deutsche Flagge mit zwei Zahlen, also dem Ergebnis des Spiels. Darunter aber unidentifizierbare Massen aus Blau, Beige, Braun, Gelb, Türkis. Zunächst dachte ich, es handle sich vielleicht um ein Satellitenbild von Brasilien – wäre ein netter Gedanke gewesen, um den Ort der WM darzustellen. Aber dann ist da, direkt unter den Flaggen, so dass nur ein Zipfel heraus guckt, ein gelber Ball. Wenn das Satellitenbild nicht gerade Milliarden Kilometer hinter der Sonne aufgenommen wurde, sie also der gelbe Fleck wäre, fällt diese Theorie schon mal aus. Bleibt die von der Kartoffel. Vielleicht soll der undefinierbare, farblich uneinschätzbare Rest irgendein brasilianisches Nationalgericht darstellen und die gelbe Kugel ist eine Kartoffel?

 

Fragen über Fragen, und von der Sorte hätte ich noch eine Menge auf Lager. Deshalb gucke ich Fußball lieber weiter nur daheim, mit dem Lieblingsmann auf dem Lieblingssofa, ein Nadelspiel in der Hand und Facebook auf dem Rechner. Denn, und auch das habe ich eben erst gelernt, das Spiel mit Freunden zu schauen, die Kilometer weit weg sind, macht noch mehr Spaß. Und in den sozialen Netzwerken gehören absurde Fragen schon zum guten Ton. Also werde ich mir jetzt die acht Milionen Videos und Bilder zum Spiel angucken, die inzwischen sicher gepostet  worden sind und suche nach der Antwort auf die eine, die ultimative unbeantwortete Frage: Wann wird Oliver Welke endlich Oliver Welke?

Anitas 1. Mal: Euphorie per Kettlebell

Kuscheln – zum Bauch – Schießstand – 45 – Ellenbogen – Sitz – Brücke – Knie zur Hand – Scheibenwischer – aufstehen. Und dann alles wieder zurück. Dabei bloß den Schuh nicht aus den Augen lassen. Das könnte sonst in selbige gehen, denn der Schuh liegt auf der Faust (ohne stützenden Daumen!) und die schwebt damoklesschwertähnlich über dem Kopf. So ein Schuh ist leichter als die 8-Kilo-Kugelhantel, mit der wir den „Turkish Get up“ gleich trainierieren werden. Das ist ein Vorteil. Er tut weniger weh. Das ist ein Nachteil. Er fällt viel leichter runter. Doch von Anfang an:

Mein erstes Mal ist diesmal auch das erste Mal von fünf befreundeten Journalisten. Freitagmorgen um 10 Uhr stehen wir auf der Matte in der Kraft- und Bewegungsakademie Erfurt. Fast keiner von uns ist ein sportlicher Überflieger. Unsere inneren Schweinehunde haben teilweise Namen, gehören quasi zur Familie. „Ich müsste mal wieder was machen“ bestimmen ebenso unseren Alltag wie das schlechte Gewissen wegen der monatlichen Fitnessstudio-Beiträge, die wir meist umsonst bezahlen. Doch nun hat uns die Neugier gepackt. Einen neuen Fitnesstrend hatte Bernd Seydel versprochen. Einen, für den es in Deutschland nicht mal ganz eine Hand voll zertifizierter Trainer gibt. Kettlebell-Training. Tatsächlich: Während der Vorrecherche purzeln einem die Artikel dazu förmlich vor die Füße (hier zum Beispiel, oder hier oder hier)

Kanonenkugeln mit Griff

Im Trainingsraum allerdings sehen wir die runden Hanteln, die ein bisschen wie Kanonenkugeln mit Griff aussehen, erstmal nur von weitem. Warm up. Füße kreisen. Füße wippen. Krebsgang im Liegestütz. Froschhüpfer (wir sehen wie Kröten aus, der einzige Frosch unter uns ist Sebastian Müller, unser Trainer). Fühlt sich zunächst wie Kinderspiele an. Dann kommt das Schwitzen – und der Moment, wo ich mich ein bisschen dafür schäme, dass ich mit 31 Jahren derart schwerfällig bin. Später stellt sich heraus, das Warm up war ein Test, um zu sehen, welche Übungen mit den Kettlebells Sebastian uns zumuten kann. Meinem Muskelkater nach zu urteilen, sahen wir offenbar ziemlich belastbar aus.

Schon ohne das Gewicht ist die erste Grundübung des Kettlebell-Trainings allerdings eine Herausforderung. Nicht nur für den Körper, sondern auch für das Gehirn. Sebastian zerlegt den „Turkish Get up“ in seine Einzelteile, lässt uns Schritt für Schritt üben: Auf die Seite legen, Embryohaltung. Er nennt das „Kuscheln“. Später weiß ich, dass wir mit der Kugelhantel kuscheln sollen, weil sie sich aus dieser Position gelenkschonender zum Bauch führen lässt – Position Nummer zwei beim „Get up“. Auf dem Rücken liegend, Knie aufgestellt, beide Arme in die Luft strecken (ist mit 8-Kilo-Kugel deutlich anstrengender, als es jetzt klingt) – der Schießstand. So geht es weiter. Zehn einzelne Bewegungsmuster, bis wir aufrecht stehen, die Beine schulterbreit auseinander, ein Arm mit der Kettlebell über unserem Kopf. Hierbei zeigt sich, dass es ungeschickt ist, wenn ich versuche, als „Spotter“ jemanden zu sichern, der 20 Zentimeter größer ist als ich. Bis ich seine Kugel auffangen könnte, hätte sie nicht nur sein Auge aus-, sondern auch den Kehlkopf durchschlagen. Zum Glück passiert aber nichts. Genau genommen passiere eigentlich nie was, sagt Sebastian, jedenfalls nicht während der Übung. Verletzungen beim Kettlebelltraing ergäben sich meistens, weil die Kugeln einfach auf der Matte abgestellt würden und jemand rückwärts drüber falle.

Euphorie macht sich breit

Es ist ein gigantisches Gefühl. Ich spüre meinen Körper wieder, und zwar nicht wie in „Ih, bist du eklig schwabelig und unbeweglich“, sondern mehr wie in „Wow, was du alles noch kannst, obwohl ich dich so lange derart vernachlässigt habe.“ Die Bewegungsabläufe werden schnell flüssig, meinen Arm habe ich unter Kontrolle, der Schuh purzelt nur noch selten, und spätestens in der Brücke merke ich, dass das Akrobatiktraining eben doch nicht umsonst war – selbst, wenn es schon 15 Jahre her ist. Ich habe Feuer gefangen und will mehr – vor allem, als Sebastian erklärt, dass man den „Turkish Get up“ gut zu Hause machen kann. „Wenn man ihn einmal ordentlich gelernt hat – bitte nicht nur nach Büchern und Videos anfangen, das macht mehr kaputt als gut“, sagt er. Täglich mit jeder Seite 5 „Get ups“ und man würde schon nach drei Wochen deutliche Veränderungen sehen und spüren. Das schönste sei, dass man dann plötzlich andere Übungen ganz einfach könne, ohne sie je geübt zu haben, sagt er und umklammert mit den Armen eine Stange, die mitten im Raum steht, hebt die Füße vom Boden und hängt plötzlich waagerecht wie eine Fahne an der Stange.

Ich gebe zu, so was zu können, wäre schon cool. Ich gebe eben gerne an. Aber für den Anfang würde es mir reichen, wenn meine Rücken- und Nackenschmerzen Geschichte wären und ich insgesamt einfach wieder fitter wäre. „Kein Problem“, verspricht Sebastian. Das Kettlebelltraining aktiviere alle Muskeln, die der Körper bei Bewegungen im Alltag brauche. Das sei der große Unterschied zum Training im Fitnessstudio, wo die Geräte den Körper stützten, so dass er nur noch den Muskeln beanspruchen müsse, der gerade an diesem Gerät trainiert werden solle. „Gut für Bodybuilder, die gezielt Muskeln auf Optik trimmen müssen. Oder für den Rehasport, wenn Muskeln nach einem Unfall oder Eingriff so stark zurückgebildet sind, dass sie neu aufgebaut werden müssen“, sagt Sebastian. Für halbwegs gesunde Menschen allerdings sei diese Art zu trainieren Murks. Vor allem, weil sie die Verletzungsgefahr im Alltag nicht mindere. „Das funktioniert nur, wenn alle Muskeln gleichzeitig anspringen – auch und vor allem die, die die Wirbelsäule stützen.“ Er vergleicht das mit einem Lichtschalter: Das Licht muss sofort beim Drücken angehen, nicht erst mit Verzögerung. Ich merke: Im Moment ist mein Körper eine ältere Energiesparlampe. Das Ziel ist, ein LED-Licht zu sein.

Motivation per „Selbsthilfegruppe“

Dafür haben eine Kollegin und ich jetzt eine „Kettlebell-Selbsthilfegruppe“ gegründet. Drei Wochen lang wollen wir den „Turkish Get up“ täglich fünf Mal auf jeder Körperseite trainieren. Damit der innere Schweinehund (meiner heißt übrigens Manny) uns nicht dazwischen funkt, melden wir einander täglich Vollzug. Die ersten drei Tage sind vergangen und bisher ist die Motivation ungebrochen. Dafür ist ein neues Problem aufgetaucht: Wir sind heiß auf diese Kettlebells und langweilen uns jetzt schon ein bisschen dabei, ohne Gewichte zu trainieren. Aber ich habe mir vorgenommen, nicht wieder sofort übers Ziel hinaus zu schießen. Immerhin liegen daheim nicht umsonst ein Yogablock, Schwimmhäute-Handschuhe, ein Pull Boy, zwei Paar Laufschuhe, Laufhosen, Funktionsshirts und -jacken und Radfahrhosen rum. Muss ich wirklich erwähnen, dass ich nichts davon regelmäßig benutze?

Deshalb ziehe ich das jetzt drei Wochen lang durch. Erst dann denke ich über die Anschaffung einer Kettlebell nach (es sei natürlich, es geht jemandem von euch wie mir: Wenn ihr das Experiment schon durchhabt und eure 8-Kilo-Kettlebell loswerden wollt…). Vielleicht wollt ihr ja aber jetzt auch erst Recht anfangen? Dann solltet ihr euch für den Einstieg Sebastians Blog nicht entgehen lassen. Oder ihr kommt zur Mittagszeit mal in Curcumanien vorbei. Wir überlegen jetzt, hier für japanische Verhältnisse zu sorgen und den gemeinsamen Firmensport einzuführen – angefangen beim Kuscheln.

Ratgeber-Bingo

Normalerweise genieße ich es sehr, nicht mehr oder nur noch selten für Tageszeitungen zu arbeiten. So bleibt Zeit für Auftraggeber mit weniger Stress und mehr Honorar. Aber an Tagen wie diesen sehne ich mich nach meiner Ratgeber-Zeit zurück. Es ist die Zeit der Sich-automatisch-schreibenden-Aufmacher. Es ist heiß, Gewitter drohen, Freibäder haben geöffnet, stechende Insekten fallen über uns her und wir haben alle ständig Durst.

 

Daraus ergeben sich gerade überall in der Republik die folgenden Themen – in wechselnder Reihenfolge, aber irgendwann tauchen sie garantiert in jedem Print- und Onlineprodukt mit Verbraucherservice auf:

– In drei Tagen zur Bikinifigur
(je nach Mode FdH, Low Carb, Ananas-oder-sonst-ein-Obst)

– leckere Sommerdrinks selber machen
(zwei ohne, zehn mit Alkohol, alle eklig)

– So schützen Sie Ihre Elektrogeräte vor Unwetterschäden

– So schützen Sie sich im Freien bei Gewitter

– Sommerhitze – so schützen Sie sich
(viel trinken, Sonnencreme, Sonnenhut)

– Die schönsten Freibäder und Badeseen der Region

– Sicher im Wasser – mit diesen Tipps kommen sie gesund durch die Badesaison
(kein Alkohol, vor Sonne schützen, Schwimmpause nach dem Essen, Kräfte nicht überschätzen)

– So wird ihre Grillparty ein Hit
(in Thüringen: Das richtige Fleisch, die richtige Art, anzufeuern, die richtige Marinade, Hausmachersalate. Überall sonst: Serranoschinken-Nüsslein-Grünzeug-Grünkernbratlingstrends für den Grill, Chutneys selbst machen, Trendsalate mit unaussprechlichen und unauffindlichen Zutaten, die richtigen Decken, das richtige Kleid, die richtigen Schuhe, der richtige Park, die richtigen Freunde)

 

Texte wie diese habe ich gerne geschrieben. Und meine Experten haben sich jedes Jahr auf den jeweiligen Rechercheanruf gefreut. Lustigerweise gab es auch jedes Jahr Leser, die sich darüber gefreut haben und für die das neu war. Neu ist, denn die Saison ist eröffnet. Bikini-Figur-Cover habe ich schon gesehen und die Tageszeitung vor meiner Nase hat heute den Gewitterschutz zum Service-Aufmacher erkoren.

 

Liebe Ratgeber-Redakteure, heute beneide ich euch. Trotzdem hätte ich den ein oder anderen Vorschlag, um die Sommer-Themen-Reigen zu ergänzen. Was ich wirklich gerne mal wissen würde:

– Wo in der Region darf man nachts baden, wenn nicht Millionen von Bikini-Figur-Suchenden sich gegenseitig plattquetschen und man nur auf Pfiff die Schwimmrichtung ändern kann, weil man sich sonst gegenseitig ersäuft?

– Wie macht man wirklich beeindruckende Unwetter-Fotos

– Wie hält man die Badeanzugfigur (betrifft Menschen, die an Bikini gar nicht erst denken)

– Leiden die Fische im Badesee eigentlich unter den Schweißfüßen der Badenden?

– Gibt es wirklich ein Mittel, dass das Wasser verfärbt, wenn einer reinpinkelt?

– Vorschläge, sich zu beschäftigen, ohne Geld auszugeben, wenn wegen des Gewitters alle elektrischen Geräte ausgeschaltet bleiben

 

Ich bin sicher, dem ein oder anderen Leser hier fällt sicher noch ein weiteres Thema ein. Und wer weiß, wenn ihr es nicht macht, vielleicht schalte ich hier dann eine kurze Ratgeber-Serie ein…