Von allem ein bisschen oder Spezialgebiet?

Der erste Satz in der Auftaktveranstaltung meines Journalistik-Studiums: „Wenn Sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollen, exmatrikulieren Sie sich wieder!“ Der zweite: „Wollen Sie im Journalismus erfolgreich sein, müssen Sie sich spezialisieren und Ihre Nische finden.“ Gut, vielleicht hatte man damals ein bisschen weniger deutliche Worte, aber die Botschaft lautete genauso. Heute frage ich mich, wieso ich danach nicht sofort das Studienfach und den Beruf gleich mit gewechselt habe. Damals war ich jung und ein bisschen größenwahnsinnig und dachte: „Redet ihr nur. Bei mir wird eh alles anders.“

Journalistin wollte ich auch werden, um mich nicht auf ein Thema und eine Arbeit festlegen zu müssen, die ich von da an die nächsten 45 Jahre hätte machen sollen. Ich wollte Abwechslung, in viele Berufe mal reinschnuppern, ein bisschen lokalen Ruhm, möglichst wenig Routinen, möglichst viel Neugier und Begeisterung wecken. Und ja, ich wollte auch Familie. Vielleicht. Irgendwann. Und wenn nicht, wäre auch nicht schlimm. Nur eins wollte ich auf gar keinen Fall: Mich spezialisieren.

Medien sterben wie die Fliegen

Heute bin ich nicht mehr ganz so jung, und die Realität hat eine Menge meines Größenwahnsinns abgeschliffen. Doch die Frage, warum ich nicht Studienfach und Beruf gewechselt habe, wird immer drängender. Gerade hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung angekündigt, 200 Stellen streichen zu wollen. Die Frankfurter Rundschau, die Münchner Abendzeitung, die Financial Times Deutschland – mehr oder weniger vernichtet. In NRW verkauft die Funke Mediengruppe Abos für eine Zeitung, die völlig ohne eigene Redakteure bestückt wird. Anderswo werden Pressemitteilungen und bezahlte PR-Texte als redaktioneller Inhalt verkauft.

Wir verarschen die Leser und verkaufen das mit den Zwängen, geboren aus Sparrunden, Personalkürzungen und Arbeitsmehrbelastung. Das ist nicht mehr der Beruf, den ich gegen die Sorgen meiner Eltern und gegen das „Ach so, das bisschen Schreiben muss man lernen?“-Gesabbel erträumt und ergriffen habe.

Nischen oder viele Standbeine finden

Schon heute arbeite ich mehr im PR-Bereich als im Journalismus. Warum? Weil ich ihn oft genug ehrlicher finde. Über meinen Aussendungen steht immer groß „PRESSEMITTEILUNG“, in meinen Mails gehe ich offen damit um, dass ich im Auftrag eines Kunden Kontakt aufnehme. Ich bin in meiner Arbeit transparent und gebe meinem Gegenüber damit die Chance, selbst zu entscheiden, ob glaubwürdig ist, was ich tue oder nicht. Spaß habe ich dabei genauso viel wie früher im Journalismus, denn ich gehe auf die gleiche Weise an die Themen ran. Ich hole O-Töne, ich schreibe szenisch, um Neugier zu wecken, ich prüfe Fakten vor der Veröffentlichung und ich versuche Überschriften zu bauen, die gleichzeitig sachlich und lesemotivierend sind.

PR-Arbeit macht mir Spaß, ebenso wie mir die Seminare und die Social-Media-Dienstleistungen Riesenspaß machen. Da ist sie wieder, die Abwechslung, die ich schon immer wollte. Trotzdem glaube ich heute, der Tipp mit der Nische, mit der Spezialisierung, war ein guter. Wenn es darum geht, sich allein vom Journalismus zu ernähren, ist es vielleicht sogar der einzige, der wirklich sinnvoll ist.

Als Freie Journalistin habe ich zwei Möglichkeiten, über die Runden zu kommen: Ich suche mir andere Standbeine wie PR und Seminare, um die mickrigen Journalismus-Honorare quer zu finanzieren. Oder ich schreibe für die Nischen, die ordentliche Zeilen-, Seiten-, Stunden- oder Minutenhonorare bringen. Und das sind nicht die Tageszeitungen! Im Magazinbereich lässt sich, wenn man einmal reinkommt, ganz gut Geld verdienen – vorausgesetzt, man kann eine thematische Nische besetzen, die zum Profil des Heftes passt, die kein anderer besetzt und in der man Expertenstatus nachweisen kann.

Expertenstatus: Neugierkönigin

Dummerweise ist mein einziger Expertenstatus inhaltlicher Art, dass ich von einer Menge Dinge etwas verstehe: Ich war vielleicht fünf oder sechs, als ich das erste Mal ein Getränk an einen Kneipentisch gebracht habe. Inzwischen kann ich das gut. Ich war Reiseleiterin und kenne mich gut aus, wenn es um die Frankfurter Tabelle und den richtigen Ablauf von Beschwerdegesprächen geht. Ich war als Fotografin und Journalistin in Oslo und habe immerhin gelernt, wie man Fårikål kocht – jedenfalls theoretisch. Seit Tunesien kann ich ein Kopftuch richtig binden und weiß, dass man Kulturgüter wie die Ruinen von Karthago nicht hinter Absperrgittern verstecken muss und sie trotzdem schützen kann. Aus Gran Canaria stammt meine Abneigung gegen Bettenburgen – und eine der partytauglichsten Reiseanekdoten aus meinem Repertoire. Dank einer freien Mitarbeit in Hannover kenne ich inzwischen das komplette Weihnachtsrepertoire des Russischen Staatsballetts und bilde mir ein, gute von mittelmäßigen Aufführungen unterscheiden zu können.

Ich habe eine Menge toller Dinge ausprobiert und für jedes einzelne bin ich dankbar. Ich hüte die Erinnerungen in einer großen Kiste und werde sie hoffentlich irgendwann an Enkel weitergeben können. Nur eines habe ich verpasst: Ich bin kein Experte in irgendwas geworden. Erst in den vergangenen paar Jahren, seit auch mir langsam klar wurde, dass es ohne Expertenstatus als Journalistin und Trainerin schwer wird, erarbeite ich mir langsam, was mir früher vielleicht zugeflogen wäre: Ich habe Medien und Social Media als Kernkompetenzen für mich entdeckt.

Spinnen wäre sicher einfacher gewesen (in mehrerer Hinsicht, aber ich meine das Spinner-Handwerk als Nischenthema). Wissen, das man einmal hat, ändert sich quasi nie, hat sich ja seit Jahrhunderten nicht nennenswert verändert. In Sachen Medien und Social Media reichen zwei Wochen Urlaub, um völlig den Anschluss an die Entwicklungen zu verlieren. Außerdem sind beides eher Themen für die Seminare. Doch weil ich auch weiter, wenigstens hin und wieder aus Liebhaberei schreiben will, habe ich mir einen weiteren, einen inhaltlichen, Schwerpunkt gegönnt und fange an, mir auch in Sachen Tourismus einen Expertenstatus aufzubauen. Das wäre leichter gewesen, wenn ich damals nach der ersten Journalistik-Vorlesung gleich das Fach gewechselt und Touristik studiert hätte. Aber gut. Habe ich nicht. Und vermutlich hätte ich das Thema damals auch sterbenslangweilig gefunden.

Der Mensch entwickelt sich eben und mit ihm seine Interessen, seine Fähigkeiten und Leidenschaften. Seine Nische zu finden, ist ein guter Rat. Aber meiner ist trotzdem ein anderer: Wenn du deine Nische gefunden hast, überprüfe dann und wann, ob du dich darin noch umdrehen kannst oder ob sie dir nicht so ungemütlich geworden ist, dass es sich lohnen könnte, eine weitere Nische anzubauen – oder gleich umzuziehen.

2 Gedanken zu &8222;Von allem ein bisschen oder Spezialgebiet?&8220;

  1. Ich war mal richtig glücklich. Als Lokalredakteur in Gotha. Das hielt wohl die ersten sechs der dann knapp acht Jahre. Dann gab es viele Gründe, dass ich vor 16 Jahren ging. Das war nötig damals. Das war auch gut. Trotzdem schmerzt bis heute dieser Verlust.
    Deshalb kann ich im Grunde an fast jeden Satz ein „Stimmt!“ setzen oder „Ja, geht mir auch so…“ Bin darüber hinaus aber auch noch 22 Jahre älter. Meine Nische bin ich. Und Experte? Wohl für „Gas, Wasser, Scheiße“, wie Du mal ironisch sagtest.
    Ich habe einen Traum. Ich träume, dass es doch möglich ist, ein Etwas zu füllen mit Menschen-Geschichten, mit Mutmach-Angeboten, mit Augen-, Ohren- und Hirnschmaus, für den dann Leute auch noch Geld zahlen.
    Daran halte ich fest.
    Denn stürbe dieser Traum, dann verlöre ich Ziel, Haftung, Leitplanke, Hoffnungsort.

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