Worauf Brautpaare bei einer freien Trauung achten sollten

In diesem Jahr habe ich zum ersten Mal ein Paar getraut. Nun bin ich keine Standesbeamtin und auch keine Pfarrerin, diese Trauungen sind also weder vor dem Staat noch der Kirche bindend, aber immer mehr Paare entscheiden sich – zusätzlich zum Verwaltungsakt – für eine solche freie Trauung.

Für mich ist das eine ganz besondere Aufgabe. Reden halte und schreibe ich viele. Als Landesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes gehört das dazu und macht mir Spaß. Ich finde es toll, wenn ich Stimme und Sprache – meine beiden großen Talente – gemeinsam einsetzen kann, um Menschen zu faszinieren, zu amüsieren und zu überzeugen.

Aber eine Traurede ist eben keine normale Rede. Genau genommen, ist sie ein permanenter Balanceakt: Sie soll persönlich sein, aber nicht zu intim, denn nicht nur das Brautpaar, auch die Gäste sollen sie ja verstehen und mitfühlen können. Sie soll amüsant sein, aber nicht lächerlich, berührend, aber nicht traurig oder melancholisch. Dass eine Traurede erfolgreich war, weiß ich, wenn mein Brautpaar ständig zwischen Lachen und Seufzen wechseln muss – und auch die eine oder andere Träne aus Rührung fließt.

Damit das passiert, investiere ich extrem viel Zeit in die Vorbereitung. Mindestens zwei Stunden dauert ein Vorgespräch mit dem Brautpaar üblicherweise. Dabei geht es einerseits darum, sich kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen, denn nur wem man vertraut, dem verrät man auch die Höhen und Tiefen der eigenen Beziehung.

In diesem Vorgespräch arbeite ich aber auch einen Fragenkatalog ab, der mir bei der Vorbereitung hilft. Lustigerweise tauchen dabei immer mal wieder Fragen auf, die mein Brautpaar noch gar nicht bedacht hat, die aber für die ganze Trauung, nicht nur die Zeremonie selbst, relevant sind.

So will ich zum Beispiel wissen:

  1. In welchem Still wird die Feier und damit auch die Zeremonie abgehalten (ganz traditionell, sehr feierlich, lustig, wie eine große Party, intim und persönlich, sachlich, …)?
  2. Möchten Sie die traditionelle Trauformel („…Dann sagen Sie jetzt ‚Ja!‘“) oder möchten Sie ein eigenes Ehegelübde schreiben (wenn ja, soll ich das in die Rede einbinden oder lesen Sie es selbst vor?)?
  3. Haben Sie ein Gedicht oder Zitat, das zu Ihrem Trauspruch werden soll?
  4. Sollen Familie oder Freunde eingebunden werden, indem sie etwa Segenssprüche oder Fürbitten vortragen?
  5. Sollen die Ringe vor dem Tausch durch die Reihen der Zuschauer gereicht werden, die ihnen dabei Segen und gute Wünsche mit auf den Weg geben können?
  6. Soll Musik gespielt werden? Wenn ja, welche, an welcher Stelle der Zeremonie und wer kümmert sich darum, dass ein Abspielgerät und die CD am Tag vor Ort sind?
  7. Wie möchten Sie die Zeremonie einläuten: Gäste und Brautpaar betreten den Trauraum gemeinsam; Gäste nehmen Platz, Bräutigam kommt, erst dann feierlicher Einzug der Braut; Braut und Bräutigam laufen gemeinsam ein;…) und wie soll der Ausmarsch gestaltet werden?

Aber der größte Teil des Vorgespräches dient mir dazu, die gemeinsame Geschichte des Paares zu erfragen. Und das aus gutem Grund: Bei fast allen Trauungen, die ich bisher auf Standesämtern erlebt habe, waren mir die Reden ein Gräuel. Manchmal waren die Standesbeamten zumindest rhetorisch geschult. Dann verzettelten sie sich wenigstens nicht zwischen Schachtelsätzen und Zitaten über die Liebe. Aber selbst diese guten Standesbeamten hielten meist austauschbare Reden. Das Paar, das gerade vor ihnen saß, kam darin persönlich kaum vor. Es waren allgemeine Reden über die Liebe, Beziehungen, die Ehe, Partnerschaft und was sie einen gibt und kostet.

Auch in meinen Reden kommen diese Themen vor. Sie sind einfach wichtig und gehören zu einer Trauung, aber ich finde, dass sie eben nur ein Teil der Hochzeitszeremonie sein sollten – und nicht der größte. Ich konzentriere mich in meinen Traureden ganz auf das Paar, das sich an diesem Tag ein Versprechen geben will. Deshalb benutzte ich auch keine Rede ein zweites Mal. Diese Rede ist – wie die Ringe, der Brautstrauß und das Kleid – ganz persönlich für dieses eine Paar. Um aber eine wirklich individuelle Rede schreiben zu können, muss sich das Brautpaar öffnen, mir vertrauen, denn nur dann beantworten sie auch Fragen wie diese ehrlich und ausführlich, die ich im Vorgespräch stelle:

  1. Wie haben Sie sich kennengelernt?
  2. Wie war Ihr allererstes, offizielles Rendezvous?
  3. Wann war Ihnen klar, dass es für immer ist?
  4. Worüber haben Sie sich zum ersten Mal gestritten?
  5. Wie war Ihr erster gemeinsamer Urlaub?
  6. Welche Eigenschaften mögen Sie an Ihrem Partner am liebsten?
  7. Welche Eigenschaften Ihres Partners gehen Ihnen richtig auf die Nerven?
  8. Worüber können Sie gemeinsam lachen?
  9. Worüber streiten Sie regelmäßig?
  10. Teilen Sie Hobbys? Welche?
  11. Wie halten Sie Ihre Liebe lebendig?
  12. Was ist für Sie das Wichtigste an einer Partnerschaft?
  13. Was wünschen Sie sich für Ihre Ehe?
  14. Wenn Sie in zehn Jahren auf Ihren Hochzeitstag zurückblicken: Wie möchten Sie dann fühlen, was möchten Sie denken?
  15. Gab es in Ihrer gemeinsamen Geschichte Situationen, die Ihre Beziehung auf die Probe gestellt haben? Welche und wie haben Sie sie gemeistert?
  16. Wenn Sie an sich als Paar denken: Welches Erlebnis, welche Anekdote kommt Ihnen als erstes in Erinnerung?

Aus all diesen Antworten filtere ich Informationen, die für mich den Unterschied zwischen einer passablen und einer tollen Traurede machen. Aber – und das ist mindestens ebenso wichtig – ich bekomme nicht nur Fakten, sondern vor allem ein Gefühl dafür, wie das Brautpaar tickt. Ich spüre, ob die beiden ironische Anspielungen in Ihrer Trauung sympathisch fänden oder furchtbar, ob es ein bisschen anzüglich sein soll oder lieber ganz seriös, ob Sie sehr sachlich sind oder üppige sprachliche Bilder als festlich und angemessen empfinden.

Dieses Vorgespräch ist für mich als Traurednerin also beinahe wichtiger als die Trauung selbst. Deshalb empfehle ich jedem Paar, ob es sich nun von mir trauen lassen will oder nicht: Planen Sie genug Zeit dafür ein! Ich weiß, wenn Sie in der Planung Ihrer Hochzeit an der Stelle sind, an der Sie sich um einen Trauredner kümmern, haben Sie Zeit am allerwenigsten, aber ich verspreche Ihnen, dass Sie es nicht bereuen werden. Im Gegenteil: Haben Sie einmal zwei Stunden investiert (und hat am Ende die Chemie gestimmt), können Sie diesen Punkt beruhigt von Ihrer Liste streichen, müssen nicht mehr ständig nachhaken und haben den Kopf frei für all die anderen tausend Details, die noch auf Sie warten.

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