Welche Bilder darf ich veröffentlichen?

Den Facebook-Auftritt eines philharmonischen Orchesters zu betreuen, ist spannend. Ein Thema, das ich dabei immer wieder mit den Mitarbeitern der Intendanz diskutiere, sind die Bilder. Von fast allen Konzerten, aber auch von Gastspielen und Konzertreisen veröffentlichen wir Bilderstrecken. Die erzielen hervorragende Reichweiten – nur übertroffen von Videos. Aber hinter den Bildern steckt ein großer Aufwand und damit meine ich nicht nur den des Fotografen, sondern vor allem den der juristischen Prüfung. Bei jedem Bild müssen wir abwägen, ob wir es überhaupt veröffentlichen dürfen.

Hausrecht, Markenrecht, Urheberrecht und Persönlichkeitsrechte prüfen

Um das zu entscheiden, muss ich mich in vier Rechtsgebieten bewegen: Urheberrecht, Persönlichkeitsreich, Hausrecht und unter Umständen das Markenrecht. Letzteres ist bei diesem Orchester in der Regel zu vernachlässigen, aber es wäre relevant, würden Musiker zum Beispiel auf einer Messe spielen und die Logos großer Marken wären dick im Bild. Auch das Urheberrecht ist in unserem Fall geklärt. In der Regel sind die Bilder von den Musikern oder Mitarbeitern des Orchesters und werden explizit für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Bei Werken von fremden Fotografen holen wir stets die Erlaubnis zur Veröffentlichung ein, bevor wir etwas posten (Achtung: Explizit die Erlaubnis zur Veröffentlichung in sozialen Netzwerken einholen, nicht einfach nur pauschal um Veröffentlichungsgenehmigung bitten. Viele Fotografen geben die Bilder für eine Website oder Prospekt frei, sehen sie aber nicht gern auf Facebook und Co.).

Bleiben noch das Hausrecht und die Persönlichkeitsrechte. Ersteres ist schnell erklärt: Der Hausherr darf entscheiden, ob Fotos gemacht und vor allem ob sie veröffentlicht werden dürfen. Verbietet er das, hat man sich daran zu halten. Fertig.

Das Recht am eigenen Bild

Die Persönlichkeitsrechte, hier konkret das Recht am eigenen Bild, sind dann aber schon wesentlich schwieriger zu prüfen. Geregelt sind sie im Kunsturhebergesetz und zunächst einmal gilt auch hier: Jeder darf selbst entscheiden, welches Bild von ihm der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Dabei ist wichtig, dass in diesem Fall nicht das Fotografieren, sondern wirklich nur die Veröffentlichung der Bilder gemeint ist. Anfertigen dürfen Sie, ganz grob betrachtet, also fast jedes Bild. Zur Veröffentlichung brauchen Sie aber die Genehmigung der abgebildeten Person. Theoretisch.

Praktisch ist das kaum umzusetzen. Stellen Sie sich die Situation im Konzert vor: Einer der Musiker macht zum Beispiel ein Bild von der Bühne, das zufällig auch die erste Reihe der Zuschauer zeigt. Es ist unmöglich, jeden einzelnen davon zu fragen, ob wir das Bild auf Facebook posten dürfen. Für solche Fälle sieht das Gesetz Ausnahmen vor. Trifft eine davon zu, darf das Bild auch ohne Einwilligung veröffentlicht werden. Diese Ausnahmen sind:

  • Zeitgeschichtliches Ereignis
  • Beiwerk
  • Versammlung/Aufzug

Ein zeitgeschichtliches Ereignis ist dabei definiert als etwas, bei dem das sogenannte Informationsinteresse der Öffentlichkeit stärker wiegt das die Persönlichkeitsrechte der Abgebildeten. Legt man das streng aus, trifft das auf nur wenige Veranstaltungen zu. Der G7-Gipfel wäre unzweifelhaft ein solches Ereignis oder auch beispielsweise Gerichtsprozesse wie der zum NSU. Aber die Gerichte sind an dieser Stelle sehr großzügig und legen in der Rechtsprechung oft auch Feste, Bälle, Galen oder Tage der offenen Tür als „zeitgeschichtliches Ereignis“ aus. Das heißt also: Wer eine solche Veranstaltung besucht, muss damit leben, dass er fotografiert und das Bild veröffentlicht wird.

Allerdings gilt das nicht für Nah- oder Porträtaufnahmen. Das Bild ist nur dann gestattet, wenn es das Ereignis in den Mittelpunkt stellt, nicht die abgebildete Person. Bei einem Konzert ein Foto von den Besuchern zu machen, ist also vermutlich zulässig – wenn sie sichtbar im Konzert, also etwa vor der Bühne und den Musikern abgebildet sind. Ein Porträtfoto von einem von ihnen, das auch überall sonst entstanden sein könnte, ist dagegen nicht mehr erlaubt.

Die zweite Ausnahme ist das Beiwerk, soll heißen: Ist der Mensch auf dem Bild nur Nebensache, weil es sich eben nicht vermeiden ließ, ihn mit abzulichten, dann kann er gegen die Veröffentlichung des Fotos nichts tun. Diese Ausnahme greift zum Beispiel häufig, wenn Sehenswürdigkeiten oder Straßenzüge in Städten abgelichtet werden. Es ist schlicht unmöglich, das Brandenburger Tor ohne Menschen zu fotografieren. Wenn das Foto also ganz klar ein anderes Motiv als den Menschen in den Mittelpunkt stellt, gilt er als Beiwerk und muss mit der Veröffentlichung des Fotos leben. (Es sei denn, es greift die Ausnahme von der Ausnahme, aber dazu später mehr.)

Die letzte Ausnahme im Gesetzt betrifft Aufzüge und Versammlungen, also alle Gelegenheiten, bei denen Menschen zusammenkommen, um einen einheitlichen Willen öffentlich zu bekunden. Klassischer Fall hierfür: Demonstrationen. Würden wir also ein Bild posten, auf dem viele Menschen gegen den Sparkurs der Landesregierung in der Kulturlandschaft protestieren, müssten wir sie nicht um Erlaubnis für die Veröffentlichung bitten. Aber: Auch hier gilt, wie beim zeitgeschichtlichen Ereignis, dass diese Ausnahme nur greift, wenn das Bild die Veranstaltung abbildet und nicht einzelne Menschen. Je mehr Menschen zu sehen sind, umso besser. Weniger als sechs sollten es jedenfalls nicht sein.

Übrigens, die sogenannten absoluten und relativen Personen der Zeitgeschichte, die die Rechtsprechung zum Recht am eigenen Bild früher kannte, gibt es so nicht mehr. Alle diese oben genannten Regeln gelten heute also auch für Prominente. Allein die Tatsache, dass sie berühmt und bekannt sind, rechtfertigt heute nicht mehr, dass man Bilder ohne ihre Einwilligung verbreitet.

Prüfschema zum Recht am eigenen Bild

Zurück zum Orchester: Nehmen wir mal an, wir haben Bilder von einem Picknick-Konzert, das in einem kleinen Schlosspark stattfand und wollen diese veröffentlichen. Um die Bildrechte zu klären, gehen wir jetzt streng nach Prüfschema vor:

  1. Liegt die Einwilligung der Abgebildeten vor?
  2. Trifft eine Ausnahme des Gesetzes zu?

Ersteres verneinen, letzteres bejahen wir und entscheiden auf zeitgeschichtliches Ereignis. Doch damit ist es noch nicht getan, denn jetzt kommt Stufe drei des Prüfschemas – die Ausnahme von der Ausnahme:

  1. Verletzt eine Veröffentlichung berechtigte Interessen der Abgebildeten?

Nehmen wir zum Beispiel an, auf einem der Bilder ist eine Zuschauerin zu sehen, die zu diesem Konzert nur ein luftiges Top trug. Als das Bild entstand, beugte sie sich gerade zu ihrem Picknickkorb herunter und die Perspektive des Fotografen war so ungünstig, dass man ihr bis zum Bauchnabel sehen – und gut erkennen kann, dass sie keinen BH trägt.

Abwägung zwischen Persönlichkeitsrechten und Informationsinteresse der Öffentlichkeit

Nach den Regeln oben – zeitgeschichtliches Ereignis ist bestätigt – könnte die Dame nichts gegen die Veröffentlichung des Bildes machen. Kann sie aber sehr wohl. Denn im letzten Schritt der Prüfung müssen wir abwägen: Wiegen die Persönlichkeitsrechte des Abgebildeten schwerer oder das Informationsinteresse der Öffentlichkeit? Säße die Dame einfach nur auf ihrer Decke, könnte sie kaum eine Persönlichkeitsrechtsverletzung geltend machen. Aber durch die Abbildung ihrer nackten Brust ist sie in ihrem „höchstpersönlichen Lebensbereich“ verletzt, das Bild ist so intim, dass sie es nicht hinnehmen muss, so aller Welt gezeigt zu werden. In diesem Fall würden wir das Foto also nicht in die Diaschau aufnehmen – auch wenn es immer noch ein zeitgeschichtliches Ereignis abbildet.

Kinder sind besonders geschützt – auch in Sachen Bildrechte

Besondere Vorsicht ist übrigens geboten, wenn Kinder fotografiert werden. Das Orchester gibt zum Beispiel häufig Konzerte für Kinder und Jugendliche aller Altersstufen. Dabei kommt es schon mal vor, dass diese Kinder auch auf der Bühne mitmachen dürfen und natürlich möchten wir das auch gern auf Facebook zeigen, doch das ist riskant. Grundsätzlich gilt: Kinder sind vom Gesetzgeber besonders geschützt und das gilt auch für Abbildungen von ihnen. Deshalb reicht es nicht, wenn begleitende Lehrer oder ein Elternteil die Genehmigung zur Veröffentlichung erteilen. Rein juristisch müssen alle erziehungsberechtigten Personen zustimmen, nur dann darf das Bild veröffentlicht werden.

Außerdem sollte diese Einwilligung – aber das gilt auch bei Erwachsenen – möglichst schriftlich und so konkret wie möglich erfolgen. Also nicht „Hiermit erlauben wir, dass Fotos unseres Kindes veröffentlicht werden“, sondern: „Hiermit gestatten wir, dass Fotos unseres Kindes auf der Website, in gedruckten und digitalen Werbemitteln sowie auf sozialen Netzwerken (des Orchesters/der Schule etc.) veröffentlicht werden dürfen.“

Die Ausnahmen, die das Gesetz vorsieht (zeitgeschichtliches Ereignis, Beiwerk und Aufzug/Versammlung) gelten zwar auch, wenn Kinder abgebildet sind, aber erstens müssen Sie dann noch genauer darauf achten, auch wirklich das Ereignis oder Hauptmotiv in den Mittelpunkt zu stellen und zweitens sind Gerichte, wenn es zum Streit kommt, gerade im letzten Punkt des Prüfschemas außerordentlich kritisch und neigen viel früher dazu, eine schwere Persönlichkeitsrechtsverletzung zu sehen als bei Erwachsenen.

Bei Kindern gilt deshalb also: Liegt keine Einwilligung zur Veröffentlichung vor, verzichten Sie lieber auf das Bild!

Zusammenfassung:

Ob Sie ein Bild anfertigen und veröffentlichen dürfen, hängt ab von: Hausrecht, Markenrecht, Urheberrecht, Persönlichkeitsrechten. Bei letzterem prüfen Sie: 1. Liegt die Einwilligung des Abgebildeten zur Veröffentlichung vor? 2. Wenn nein, trifft eine dieser Ausnahmen zu, bei denen keine Einwilligung nötig ist: zeitgeschichtliches Ereignis, Beiwerk, Versammlung/Aufzug? 3. Wenn ja, werden bei einer Veröffentlichung berechtigte Interessen des Abgebildeten verletzt?

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